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Thomas MiddelhoffKlappe auf, Klappe zu

Die schonungslose Haft für Thomas Middelhoff entzweit die Republik. Die Grünen-Politikerin Künast und der Autor Todenhöfer setzen sich für ihn ein. Die Entscheidung der Haftprüfung von Donnerstag steht noch aus.Hans-Jürgen Jakobs, Volker Votsmeier und Jan Keuchel 17.04.2015 - 11:43 Uhr Quelle: Handelsblatt ePaperArtikel anhören

Mehr als zehn Kilogramm abgenommen.

Foto: dpa

Düsseldorf. Es waren zwei Sätze mit Folgen, über die Deutschland diskutiert: „Mein Bruder hat sich umgebracht. Machen Sie sich um mich keine Sorgen.“ Zwei Sätze, die das Schicksal des Unternehmersohns Thomas Middelhoff, 61, zur Geschichte in Journalen machen, zu langen Artikeln – ganz so wie damals, als er noch strahlender Chef der Konzerne Bertelsmann und Arcandor war.

Middelhoff hat diese zwei Sätze am 14. November 2014 gesagt, gleich nach seiner Verurteilung wegen Untreue in 27 Fällen und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Gefängnis. Wegen angeblicher Fluchtgefahr kam er direkt ins Gefängnis – und wurde wegen Suizidgefahr intensiv bewacht. War das Schikane? War das Rachejustiz an einem gefallenen Millionär, der inzwischen Privatinsolvenz angemeldet hat, als letzten Schutz vor der Korona von 50 Gläubigern? War der Fall TM also die gewollte Entzauberung einer Wirtschaftsgröße, die stets in Kategorien von Riesendeals dachte und nie in der Kategorie Demut?

Psychologisches Gutachten fehlt

Anders gewendet: Gibt es also einen Justizskandal um den Mann aus der Justizvollzugsanstalt Essen, der wochenlang viertelstündlich nachts kontrolliert wurde? Licht an, Klappe auf, Armheben, Licht aus, Klappe zu?

Jürgen Todenhöfer findet ja, es gibt diesen Justizskandal. Schon das Urteil findet der einstige Amtsrichter „maßlos“ – die Strafe für Privatflüge auf Firmenkosten und eine Gedenkschrift für Middelhoffs Mentor Mark Wössner, bezahlt von Arcandor. Der vom Gericht bezifferte Schaden lag bei gut einer halben Million Euro. „Middelhoff mag auf Menschen, die ihn nicht kennen, arrogant wirken“, sagt der langjährige Medienmanager und heutige Bestsellerautor Todenhöfer: „Aber Arroganz ist nicht strafbar.“ Maximal sei das ein Fall für eine Geldbuße gewesen, deutsche Richter dürften keine „Überraschungsurteile“ sprechen. Die Haftbedingungen seien, so Todenhöfer, „ebenfalls maßlos“.

Seine Analyse über den Geschäftsfreund: „Bei dem lebenslustigen, viel zu optimistischen Middelhoff ist die gegen die Auffassung des Gefängnisarztes behauptete Selbstmordgefahr fast absurd. Ein den Gefängnisarzt widerlegendes psychologisches Gutachten gibt es nicht. Der als autoritär bekannte Richter Jörg Schmitt hielt es offenbar für überflüssig. Was für eine Anmaßung!“

„Enge Überwachung nicht unüblich“

Harte Vorwürfe. Das nordrhein-westfälische Justizministerium hält dagegen. „Herr Middelhoff ist nach dem Urteil tief gefallen und hat selbst Suizidgedanken geäußert und zu Protokoll gegeben, dass sich sein Bruder das Leben genommen hat. Außerdem hat auch seine Frau darum gebeten, dass man ein Auge auf ihn haben solle“, erklärt Pressesprecher Detlef Feige. Die Entscheidung des Richters sei wohlbedacht gewesen. Ohne ständige Kontrolle sei das Risiko für einen Selbstmordversuch „einfach zu groß gewesen“. NRW setze bei Suizidgefahr „auf engmaschige Kontrollen durch das Personal“, das sei erfolgreich. Die Zahl der Suizide sei seit den 1990er-Jahren deutlich gesunken. Der Ministeriale Feige: „In Spitzenjahren haben sich 29 Häftlinge das Leben genommen, in den letzten drei Jahren waren es jeweils elf.“

Die besten Zitate von und über Thomas Middelhoff
Als sich Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff 2014 vor dem Essener Landgericht wegen des Vorwurfs der Untreue verantworten musste, fielen einige denkwürdige Sätze. Eine Auswahl.
„Ich bin wie die Katze übers Dach. Ich musste drei Meter tief auf eine Garage springen und dann noch einmal drei Meter auf die Straße.“(Middelhoff über seine filmreife Flucht vor Fotografen nach einem Termin bei einem Gerichtsvollzieher in Essen Ende Juli, bei dem er seine Vermögensverhältnisse hatte offenlegen müssen)
„Das ist wie ein apokalyptischer Traum.“(Middelhoff zu Pfändungsversuchen von Gläubigern am Rande seines Untreue-Prozesses vor dem Essener Landgericht)
„Er hat eigentlich immer gearbeitet, immer, immer.“(Middelhoffs Gattin Cornelie Middelhoff als Zeugin vor Gericht zur Arbeitsbelastung ihres Mannes)
„Das war ein fliegendes Büro für ihn.“(Ein früherer Mitarbeiter Middelhoffs als Zeuge vor Gericht zu den umstrittenen Charterflügen seines Ex-Chefs)
„Stau war das Schlimmste für ihn.“(Der langjährige Fahrer des Managers als Zeuge vor Gericht)
„Mir und meiner unternehmerischen Tätigkeit ist großer Schaden zugefügt worden.“(Middelhoff zu den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen ihn, die er als „uferlos“ und „unverhältnismäßig“ empfindet)
„Ich habe mich nie als Controllerin meines Chefs gesehen.“(Eine ehemalige Sekretärin des Managers, die sagte, sie habe Middelhoffs Entscheidungen als „gottgegeben“ hingenommen.)

Auch für einige unabhängige Experten ist das Vorgehen der Justiz nachvollziehbar. „Insbesondere dann, wenn in der Familie schon einmal ein Suizid vorgekommen ist, ist eine enge Überwachung nicht unüblich“, erklärt Petra Gerken-Wolf, Vizechefin des Bundes der Strafvollzugsbediensteten Deutschlands. Die Art der Überwachung hänge allerdings von den Gegebenheiten im Gefängnis ab. In Bremen, wo Gerken-Wolf arbeitet, ist eine Überwachung nur durch Öffnen der Tür möglich – was viel Lärm verursacht. „Wer das nicht möchte, kann in einem speziellen Raum per Kamera überwacht werden.“ Der Fall T.M., das Schicksal des „früheren Wundermanagers“ („Stern“), ist so publicityträchtig, dass auch Details des Strafvollzugs plötzlich eine Rolle spielen. Es fällt Licht in eine gern verdrängte Welt.

Selbst von ausgewiesenen Vollzugsexperten kommt Kritik. Es fehle die richtige Abwägung zwischen den Grundrechten des Gefangenen und einer etwaigen Suizidgefahr. „Dass jemand wie Middelhoff, der offenbar nicht psychisch erkrankt war oder ist, über einen Zeitraum von vier Wochen derart engmaschig überwacht wird, ist ziemlich ungewöhnlich“, erklärt Rechtsanwalt Tobias Pretsch von der Münchener Kanzlei Ufer Knauer.

Er selbst agierte einige Jahre in der Leitung der Justizvollzugsanstalt Stadelheim  und berät den ehemaligen FC-Bayern-München-Präsidenten Uli Hoeneß, der in Landsberg wegen Steuerhinterziehung sitzt. Auch an Hoeneß arbeitet sich die Öffentlichkeit ab. „Zu einer Überwachung im 15-Minuten-Takt hätte es aus meiner Sicht bessere Alternativen gegeben, etwa eine gemeinsame Unterbringung mit einem Mithäftling“, erklärt Pretsch.  

Thomas Middelhoff aber lehnte die Verlegung in eine Gemeinschaftszelle ab. Er präferierte die Einzelzelle, das Alleinsein in einem Räumchen, vier Mal zwei Schritte groß.

Eine „eindeutige Verletzung der Menschenrechte“ – die sieht Grünen-Politikerin Renate Künast, Vorsitzende des Rechtsausschusses im Bundestag, in der Überwachung Middelhoffs. Aus ihrer Sicht wäre eine Haftverschonung mit Meldepflicht angebracht gewesen. Ein Fall für Amnesty International? Künast weiter: „Ich könnte mir auch eine elektronische Fußfessel vorstellen, um der Fluchtgefahr zu entgegnen. Ich bin zwar keine Befürworterin dieser Methode, in solchen Fällen wäre sie aber eine sinnvolle, weil schonendere Methode.“ Künasts Partei, die Grünen, sitzt in der Landesregierung in Düsseldorf, der Geburtsstadt Middelhoffs.

Todenhöfer: Richter wolle Middelhoff zerbrechen

„Schikanöse, folterähnliche Quälerei durch wochenlangen Schlafentzug ist eines modernen Rechtsstaates unwürdig“, findet Jurist Todenhöfer: „Sie passt zu Guantanamo, nicht zu Deutschland.“ Überhaupt, auch die Aufrechterhaltung der U-Haft sei „maßlos“. Ein Familienmensch wie Middelhoff, der seine Eltern direkt auf dem eigenen Grundstück in Bielefeld wohnen ließ, um sie jederzeit versorgen zu können, verlasse nicht Frau und die fünf Kinder, um nach China zu fliehen. Das sei weltfremd.

Der Richter erwecke, so Todenhöfer, den Eindruck, „Middelhoff zerbrechen zu wollen – stolz sollte er darauf nicht sein. Middelhoff war innerlich durch seine zahlreichen Niederlagen längst gebrochen, auch wenn er es nie gezeigt hat, gerade weil unter seiner lauten, lebenslustigen Schale ein sensibler, nachdenklicher und auch selbstkritischer Mensch steckt.“

Das könne sich dieser Richter offenbar nur schwer vorstellen. Den Attackierten wiederum dürfte gewundert haben, dass der Manager im Gerichtssaal einen ungültigen Reisepass vorlegte, dass er seinen offiziellen Wohnsitz ins Ausland (St. Tropez) verlegt hatte und sich öffentlich rühmte, er sei lauernden Fotografen durch einen Sprung vom Dach des Gerichts entsprungen „wie eine Katze“. Middelhoff hat erst seinen Ruhm, dann sein Geld, dann seine Ehre und schließlich seine Gesundheit verloren. In Kürze steht die Haftprüfung an. Der Termin ist zum Politikum geworden.

Diagnose: Chilblain Lupus

Derzeit ist Häftling Nummer 173/14/1 in der Essener Uniklinik. Die vier Wochen Dauerkontrolle hätten ihn krank gemacht, sagen seine Anwälte. Diagnostiziert wurde Chilblain Lupus, eine seltene Autoimmunkrankheit. Blaue Flecken, absterbendes Gewebe, Gleichgewichtsstörungen. Middelhoff hat mehr als zehn Kilo abgenommen. Er wird im Rollstuhl transportiert. In einem Gutachten steht, bleibende Schäden würden drohen. Vom Sonnyboy zum Sorgenfall?

Seine Familie steht auf einmal im Rampenlicht. Früher war sie dekorative Begleitung einer Managerkarriere, Anekdotisches fand den Weg in die Presse. Etwa, wie die fünf Söhne die Auffahrt zum Heim schmückten und Spalier standen, als Daddy Vorstandschef bei Bertelsmann geworden war. Middelhoff lebte das Leben eines Amerikaners, der zufällig einen deutschen Pass hatte. Er saß im Aufsichtsrat der „New York Times“ und sponsorte die angesehene Oxford University, ganz in der Annahme, alle fänden das toll, auch die in der Arcandor AG. Und in China formierte er mit dem schillernden Unternehmer Bruno Wu eine Holding namens BT Capital, eine Konstruktion, die ihm Bertelsmann eine Dekade vorher verweigert hatte.

Alles war groß und grell, jetzt ist es klein und hässlich. Middelhoff führt etliche Prozesse, die wenig daran ändern dürfen, dass er viel weniger Geld zur Hand hat, als andere fordern.

Sogar Sohn Jan, 31, der Älteste, muss sich in der Boulevardpresse in Sachen Middelhoff zu Wort melden. „Wir wissen durch viele Gespräche mit ihm, dass er nach der Inhaftierung zu keinem Zeitpunkt Selbstmordabsichten hatte“, sagte der langjährige Berater der „Bild am Sonntag“. Er kümmert sich um verbliebene Firmenmäntel und Immobilien. Seine Mutter Cornelie („Nele“) wiederum schrieb im März ans Justizministerium: Bessere medizinische Betreuung sei nötig. Und warnte vor gesundheitlichen Problemen ihres Mannes.

Cornelie Middelhoff hat einst alles unterschrieben, die Kredite für Fonds, die das Bankhaus Sal. Oppenheim und Immobilienspezialist Josef Esch anboten. Die gelernte Innenarchitektin wurde vom wirtschaftlichen Niedergang offenbar komplett überrascht. Jetzt kämpft sie um Ruhe vor den Gläubigern – und um Haftverschonung für ihren Mann.

Middelhoffs Anwälte bestreiten die Darstellung der Justiz. „Der Arzt hat bei der Eingangsuntersuchung festgestellt, dass weder eine depressive Haltung noch eine Suizidgefahr besteht. Die angebliche Erklärung von Frau Middelhoff datiert, unabhängig, ob sie überhaupt erfolgte, aus März 2015“, sagt Sven Thomas. Er brachte schon ins Spiel, dass womöglich ein Staatsanwalt klären müsse, was während Middelhoffs Arrest geschah. Der bekannte Anwalt war einige Zeit für den langjährigen Manager kaum aktiv gewesen. Jetzt mischt er wieder mit.

Anfrage der Stelle zur Verhütung von Folter

Dass die Vorkommnisse aus der JVA Essen erst jetzt, vier Monate später, öffentlich werden, dürfte einen guten Grund haben: Die Haftprüfung stand an. Am Donnerstag war es so weit. Bei dem Routinetermin ging es darum, ob eine weitere U-Haft nötig und zumutbar ist. Die Richter der XV. Strafkammer Essen fällten zunächst noch keine Entscheidung. Debatten über Schlafentzug und Chilblain Lupus könnten die Entscheidung beeinflussen. Schließlich lautet das Urteil gegen Middelhoff: Gefängnis, nicht Folter.

Ja, die Nationale Stelle zur Verhütung von Folter hat sich auch gemeldet. Ex-Staatssekretär Rainer Dopp, Chef der Länderkommission, sagt: „Wir haben die Diskussion um Herrn Middelhoff zum Anlass genommen, die Landesjustizministerien nach ihrer Praxis bei der Suizidüberwachung zu befragen.“  

Wurde hier gnadenlos überzogen? Irgendwie, kommentiert der Ex-Amtsrichter Todenhöfer die Causa M., „sollte ein selbstbewusster Staat das wieder in Ordnung bringen“.

Anwaltskosten

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Weitreichende Police: Viele Beobachter fragen sich, wie der frühere Top-Manager seine zahlreichen Anwälte bezahlt. Der einstmals vermögende Bertelsmann- und Arcondor-Chef hat Privatinsolvenz angemeldet und steht laut Aussage des Insolvenzverwalters bei mindestens 50 Gläubigern in der Schuld. Doch seine Advokaten gehören nicht dazu. Ihre Honorare zahlt die Versicherung – zumindest vorläufig und soweit sie Middelhoffs Job bei Arcandor betreffen. Denn Arcandor hat – wie es bei großen Unternehmen üblich ist – für seine Führungsriege eine Managerhaftpflichtversicherung (auch D&O-Police) abgeschlossen. Versicherer ist in dem Fall die Allianz-Tochter Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS). Die AGCS deckt Vermögensschäden ab, die ein Manager verursacht. In den letzten Jahren sind die Policen immer versichertenfreundlicher geworden, auch Anwaltskosten sind abgedeckt.

Viele Verteidiger: Bei Middelhoff betrifft das sowohl die Schadensersatzklage des Arcandor-Insolvenzverwalters Hans-Gerd Jauch als auch die strafrechtlichen Vorwürfe. Middelhoff hat mehrere Anwälte engagiert: Hartmut Fromm von der Kanzlei Buse Heberer Fromm, Winfried Holtermüller von Schelling & Partner, sowie im Strafprozess Starverteidiger Sven Thomas und dessen Kollege Udo Wackernagel. Allerdings gibt es eine wichtige Einschränkung bei der Übernahme von Anwaltskosten: Sollte Middelhoff rechtskräftig – also letztinstanzlich – wegen einer wissentlichen Pflichtverletzung verurteilt werden, kann die AGCS das Geld zurückfordern. Nach Lage der Dinge erscheint das jedoch äußerst unwahrscheinlich. Denn die Versicherung könnte leer ausgehen: Als weiterer Gläubiger dürfte es ihr kaum gelingen, das Geld vom insolventen Middelhoff zurückzuholen.

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