Vordenker Ernährung und Landwirtschaft: Besser essen für das Weltklima
David Dao kam gerade mit gemischten Gefühlen von der Weltklimakonferenz aus Scharm El-Scheich zurück, als er in München seinen Vordenker-Award in Empfang nahm. „Seit der Weltklimakonferenz 2017 in Bonn habe ich keine einzige ausgelassen“, sagt der 31-Jährige. „Kattowitz, Madrid, Glasgow – und es ist von Mal zu Mal schlimmer geworden.“ Der Informatiker kämpft mit Satelliten und Überwachungsalgorithmen gegen die Abholzung von Wäldern – und lenkt Spenden an lokale Beschützer. Als Mitgründer der Initiative Gainforest zählt er zu den Vordenker:innen 2022. Die Initiative des Handelsblatts und der Beratung BCG steht in diesem Jahr unter dem Leitgedanken „Visionär, innovativ und nachhaltig – für eine grüne Zukunft“.
Als einer von vier Visionären in der Kategorie Ernährung und Landwirtschaft machte sich Dao in München sofort ans Werk: Er eröffnete eine Whatsapp-Gruppe. „Lasst uns sofort vernetzen und in Kontakt bleiben“, schlug er seinen Tischnachbarn vor. Ein simpler Impuls. Aber einer, der sich im Saal sofort herumsprach – und genau den Sinn der Veranstaltung in sich trug: interdisziplinäre Vernetzung, niederschwellige Allianzen, Open-Source-Denke – so kann Europa in Sachen Innovation mehr Fahrt aufnehmen.
Dem quirligen David Dao, Doktorand an der ETH Zürich, muss man nicht erklären, was Innovationsgeist ausmacht. Sein Lebenslauf ist auf drei eng beschriebenen Seiten gespickt mit Informatik-Abschlüssen an Elite-Unis und Aufenthalten am MIT, in Stanford, Berkeley, Harvard. Zwischen TEDx-Talk in Genf und WEF-Vortrag in Davos fährt Dao auch selbst in den Urwald und pflanzt Bäume. „Wir müssen wieder verstehen, dass wir Teil der Natur sind“, so lautet sein Credo.
Die gemeinnützige Initiative Gainforest, getragen von nur sieben Personen, hat eine KI-gestützte Software entwickelt, mit der man die Abholzung des Regenwaldes berechnen und vorhersagen kann. 18 Prozent der menschengemachten Emissionen sind auf Entwaldung zurückzuführen, sagt Dao. Doch Dao und seine Mitstreiter wollen nicht nur satellitengestützt beobachten, wie die grünen Lungen des Planeten zerstört werden. „Wir wollen da ansetzen, wo es etwas bringt: bei den Finanzflüssen“, erklärt Dao. „Wir müssen Spendengelder sicher dort hinbringen, wo sich Menschen der Abholzung in den Weg stellen.“ In Brasilien seien beispielsweise Wachposten gegen illegale Rodung im Regenwald Tag und Nacht besetzt. „Diese Abschreckung ist wirkungsvoll, kostet aber im Jahr rund 1,2 Millionen Dollar“, sagt Dao, der als Kind vietnamesischer Bootsflüchtlinge im Schwarzwald aufgewachsen ist.
Gainforests Projekte laufen in Bhutan, Brasilien, Paraguay, auf den Philippinen und künftig in Ruanda. „Bisher hält Intransparenz viele Leute vom Spenden ab. Wir sorgen auf technischem Weg für Klarheit und Verlässlichkeit“, sagt Dao. „Die Spende an die Waldbeschützer, oft indigene Völker wie die Kayapo in Brasilien, wird über Blockchain-Technologie wie in einem Safe zwischengespeichert“, erklärt er. „Niemand hat Zugriff, bis die Algorithmen sagen: Nach 30, 60 oder 90 Tagen sehen wir dort immer noch Wald. Dann lassen wir das Geld langsam durchfließen.“ Mit seinem Einsatz als Regenwald-Retter hat David Dao die „Vordenker:innen“-Jury überzeugt.
Auch Patrick Bühr ist das als Preisträger im Ernährungscluster gelungen. Als Chef der Forschung & Entwicklung des Nahrungsmittelherstellers Rügenwalder Mühle treibt der gelernte Koch und studierte Ernährungswissenschaftler die Nachhaltigkeit bei klassischen Fleischprodukten und vegetarischen und veganen Alternativen voran. Regionale Lieferketten hält er für den „Schlüssel zu mehr Klimaschutz“.
Das Familienunternehmen Rügenwalder Mühle mit Sitz im niedersächsischen Bad Zwischenahn ging mit einem cleveren Strategieschwenk 2014 auf Erfolgskurs in einem neuen Lebensmittelsegment: Sieben Generationen lang dominierte Fleisch das Sortiment, dann erweiterte man das Angebot um vegetarische und vegane Ersatzprodukte – selbst Schnitzel, Salami und Mett gibt es inzwischen fleischfrei. Der Umsatzanteil der kräftig gewachsenen Veggie-Produkte übertraf 2021 erstmals die 50-Prozent-Marke. Innovativ bleiben und die Nachhaltigkeit mit Blick auf Tierwohl, Klimaschutz und die Gesundheit der Verbraucher erhöhen – so lautet das Ziel von Bühr. „Wir wollen jedes Produkt, das wir haben, stetig verbessern.“
Immer wichtiger wird die Frage, woher Zutaten bezogen werden. 80 Prozent der Proteinrohstoffe sollen schon 2022 aus Europa kommen, auch um den transportbedingten CO2-Ausstoß zu senken. Weil Anbau immer näher an die Produktion rücken soll, baut das Unternehmen auch Know-how auf bei der Auswahl geeigneter Sorten und Anbaugebiete für Soja in Deutschland.
Als Forschungs-Chef schaut Bühr über den Tellerrand – und behält das „Ökosystem Food-Innovation“ im Blick. Ein bedeutender Trend: Fleisch, das im Labor aus einzelnen Tierzellen gezüchtet wird. Mit kultiviertem Fleisch eröffne sich die Möglichkeit, klassische Produkte herzustellen, „ohne dass dafür ein Tier sterben muss“. Es brauche dann auch weniger Ackerfläche für Futter. „Das verbessert den CO2-Fußabdruck von Fleischprodukten dramatisch“, sagt der 44-Jährige. Die Rügenwalder Mühle kooperiert neuerdings mit Mirai Foods, einem schweizerischen Start-up, das auf die zellbasierte Fleischherstellung spezialisiert ist. So rücken auch hybride Produkte in greifbare Nähe: etwa das Burger-Patty aus pflanzlichen Proteinen mit kultiviertem Rinderfett. „Wir können so geschmacklich die letzte Meile schließen“, sagt Bühr.
Fleischfreie Ernährung ist für einen anderen Vordenker Ehrensache: Simon Fabich, Co-Gründer der EVIG Group, ist Vegetarier – um Tierquälerei zu verhindern, wie er erklärt. „Ich ernähre mich sogar möglichst vegan“, sagt der 39-jährige Berliner. Er treibt die Revolution im Nahrungsmittelsektor mit voran, indem er mit EVIG solche Start-ups finanziell päppelt und operativ nach vorne bringt, die für eine nachhaltige Ernährung antreten.
Beispiel Bluu Seafood: Das Berliner Start-up stellt Fischprodukte aus Zellkulturen her. „Es schmeckt und sieht aus wie Fisch, ist aber im Labor aus einzelnen Zellen in einer Nährlösung entstanden“, sagt Fabich. Er weiß, dass es nicht nur leckere Rezepte braucht. „Es ist sehr viel Geld nötig für einen nachhaltigen Wandel.“ Bei Bluu Seafood steht noch Entwicklungsarbeit bevor, bis ein Lachssteak auf dem Teller liegt. Fabich unterstützt das Unternehmen als Geschäftsführer operativ im Management und hat parallel über die EVIG Group Kapital bereitgestellt. „Wir versuchen, immer weiter in Richtung einer echten Fischstruktur zu kommen – mit der Verbindung verschiedener Zelltypen wie Fett oder Muskeln“, sagt Fabich.
EVIG hat Fabich 2019 mit Gary Lin gegründet, der schon zuvor in Firmen investiert hat, die kultivierte tierische Produkte oder pflanzenbasierte Proteine als Fleischersatz nutzen. EVIG legt den Schwerpunkt auf den Aufbau von Technologien, die die industrielle Tierhaltung ersetzen. „Diese verursacht enorme Schäden für den Planeten – sie ist für 20 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich“, erläutert Fabich.
Alle Portfolio-Unternehmen von EVIG streben mit revolutionären Ansätzen auf den Lebensmittelsektor: So produziert Perfeggt Eier auf pflanzlicher Basis. Nosh will mithilfe von Künstlicher Intelligenz die Verschwendung von Nahrung eindämmen. Und Arkeon, ein Wiener Start-up, wandelt industrielles CO2 in Aminosäuren um, die in der Ernährungsindustrie zum Einsatz kommen. Fabich und Lin unterstützen alle vier Unternehmen im Portfolio operativ und werben neben eigenen Mitteln zudem weiteres Kapital ein. „Das ist klassisches Company-Building“, sagt Fabich, der 2011 schon die Designmöbel-Plattform Monoqi ins Leben gerufen und 2018 verlassen hatte.
Ein nachhaltigeres Geschäftsmodell lag ihm am Herzen, erklärt Fabich den Wechsel. „Ich las einen Artikel über die kalifornische Memphis Meats – heute Upside Foods, einen Hersteller von kultiviertem Fleisch“, erinnert er sich. „Mich hat noch nie eine Idee so gepackt. Es ist eine der großen Innovationen unseres Jahrhunderts, die zahllose Probleme in der Lebensmittelproduktion lösen könnte.“ Seine jetzige Rolle bei EVIG sei sehr arbeitsintensiv – „und ich mache etwas, das mich wirklich erfüllt.“
Die Wende hin zu klimaschonender Ernährung – sie bietet attraktive Chancen für Gründerinnen und Gründer. Doch welche Start-ups sind wirklich bahnbrechend und dienen der Sache, und welche schaffen höchstens im Marketing einen großen Aufschlag? Friederike Grosse-Holz scannt von Oxford aus den Markt mit viel Expertise – und will möglichst früh die Zielunternehmen entdecken. Die promovierte Biotechnologin sucht beim Investment-Unternehmen Blue Horizon nach Unternehmen, die an den Lebensmitteln der Zukunft arbeiten – und ist eine Vordenkerin des Jahrgangs 2022.
Ihr Großvater war Schweinezüchter im Münsterland, Wurst hatte daheim wie selbstverständlich auf dem Tisch gestanden. Doch als Friederike Grosse-Holz 2009 an die TU München wechselte, verschwand Fleisch zusehends vom Einkaufszettel, die angehende Biotechnologin machte in Supermärkten Jagd auf Hummus und Tofu. „Es ging mir dabei immer vor allem um Klimaschutz.“ Inzwischen investiert die 33-Jährige professionell Millionenbeträge in solche Start-ups, die die sogenannte Proteinwende im Ernährungsbusiness mit Innovationen vorantreiben. „Veränderungen auf großer Skala passieren dann, wenn wir Nachhaltigkeit für die breite Masse zugänglich machen“, sagt Grosse-Holz, die für pragmatische Lösungen plädiert.
Blue Horizon heißt das in Zürich ansässige Investmenthaus, bei dem Grosse-Holz im Sommer 2021 im Direktoren-Rang angeheuert hat. „Wir investieren an den Schnittstellen von Biologie, Landwirtschaft und Technologie, also entlang der ganzen Wertschöpfungskette – von nachhaltigerer, effizienterer Landwirtschaft bis zu Spezialzutaten und Lebensmittelproduktion“, sagt Grosse-Holz. Blue Horizon hält nach eigenen Angaben Beteiligungen an rund 70 Firmen. Erklärtes Ziel: die globale Ernährungsindustrie transformieren. Und damit als Kapitalgeber Geld verdienen, eine Win-Win-Situation also.
An der Universität Oxford hat Grosse-Holz die bessere Nutzbarkeit von Pflanzen zur Herstellung von biopharmazeutischen Stoffen erforscht. „Bioinformatik und insbesondere die preisgünstige Gensequenzierung sorgen für viel Optimierungspotenzial.“ Nach ihrem Berufseinstieg als BCG-Unternehmensberaterin schrieb die Naturwissenschaftlerin maßgeblich an zwei Reports mit, die in Kooperation mit Blue Horizon erschienen. Auf „Food for Thought: The Protein Transformation“ folgte „Food for Thought: The Untapped Climate Opportunity in Alternative Proteins“. Teil zwei verfasste sie schon auf Seiten von Blue Horizon – und zog zurück nach Oxford.
Heute nutzt sie ihr Fachwissen bei der Bewertung spannender Firmen für die Ernährungswende, die für Privatanleger noch weit unter dem Radar fliegen. „Tieferes Verständnis ist wichtig für die Risikoabschätzung“, sagt sie. Bei Core Biogenesis, einer französischen Firma, die Signalstoffe für das Wachstum von kultiviertem Fleisch produziert, hat Grosse-Holz nach der Investmententscheidung jüngst auch einen Sitz im Board of Directors übernommen.
Was Friederike Grosse-Holz unternimmt, macht sie mit Lust, Konzentration und dem steten Wunsch, sich selbst zu übertreffen. Ein Hobby aus der Coronazeit sei das Jonglieren geworden. Sechs Bälle gleichzeitig im Umlauf, so lautet ihr Fernziel.