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Wegen Gewinnwarnungen Analysten kappen ihre Schätzungen für Dax-Konzerne so drastisch wie noch nie

So viele Unternehmen wie noch nie streichen ihre Prognosen zusammen – und trauen sich keine neuen zu. Der Rekord an Gewinnwarnungen alarmiert nun auch die Analysten.
05.05.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Analysten korrigierten in den vergangenen drei Monaten ihre Gewinnschätzungen für 27 der 30 Dax-Konzerne. Quelle: obs
Werk von BASF

Analysten korrigierten in den vergangenen drei Monaten ihre Gewinnschätzungen für 27 der 30 Dax-Konzerne.

(Foto: obs)

Düsseldorf „Das erste Quartal 2020 war kein normales Quartal. Das wird auch für das zweite Quartal gelten und wohl für das gesamte Jahr“, stellte BASF-Chef Martin Brudermüller Ende vergangener Woche bei der Vorlage der Zahlen zum ersten Quartal fest.

Es ist die erste Bilanz in Coronazeiten. Den Ausblick für das laufende Jahr hat BASF gestrichen. Die Umsatz- und Ergebnisentwicklung werde nicht zu erreichen sein, hieß es dazu nur knapp.

Einmal mehr spiegelt der weltgrößte Chemiehersteller nicht nur die Situation im eigenen Konzern und in der Branche wider, sondern in der Gesamtwirtschaft Deutschlands. Das ist in guten Zeiten genauso wie jetzt in schlechten.

BASF beliefert Unternehmen auf allen Kontinenten und in so gut wie allen Branchen mit seinen Vorprodukten. Sobald diese weniger gebraucht und nachgefragt werden, spürt BASF diesen Effekt sofort und bildet damit wie ein Seismograf die Konjunktur recht gut ab.

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    BASF liegt im Trend. Aufgrund der weltweiten Covid-19-Pandemie stieg die Zahl der deutschen Unternehmen, die ihre eigenen Gewinn- oder Umsatzprognosen korrigieren mussten, im ersten Quartal auf ein neues Rekordniveau.

    Unter den insgesamt 304 im deutschen Prime Standard notierten Konzernen errechnen sich nach Angaben der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY 77 Gewinn- oder Umsatzwarnungen. Das sind mehr als je zuvor in einem Quartal und mehr als doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum.

    Schon das erste Quartal 2019 gehörte mit 33 negativen Prognosekorrekturen zu den schlechtesten drei Monaten im vergangenen Jahrzehnt.

    Grafik

    Die vielen Gewinnwarnungen alarmieren nach Handelsblatt-Informationen die Analysten. Lange Zeit hatten die Finanzmarktexperten trotz Corona-Pandemie und des wirtschaftlichen Stillstands ihre Gewinnschätzungen für die Unternehmen unverändert gelassen. Das vermittelte Aktionären den falschen Eindruck, die Unternehmen könnten in diesem Jahr mindestens ebenso viel wie im letzten Jahr verdienen.

    Doch inzwischen kappen die Analysten ihre Schätzungen – und das so drastisch wie noch nie. „In diesem Jahr könnten die Unternehmensgewinne im Dax um 50 Prozent und mehr einbrechen, stärker als in früheren Rezessionen“, sagt der Chefanlagestratege der DZ Bank, Christian Kahler.

    Für 27 der 30 Dax-Konzerne fielen in den vergangenen drei Monaten die Gewinnschätzungen: bei der Hälfte um mehr als 20 Prozent und bei sechs sogar um mehr als 60 Prozent. Am stärksten betroffen sind die vielen auslandsstarken und konjunktur-empfindlichen Unternehmen.

    Für den Sportartikelhersteller Adidas kappten Analysten ihre Prognosen um zwei Drittel, beim Spezialchemiekonzern Covestro rechnen sie inzwischen mit so gut wie gar keinem Gewinn mehr.

    Die Lufthansa dürfte nicht nur im vergangenen Quartal, sondern auch im Gesamtjahr tief in die roten Zahlen rutschen. Heruntergerechnet auf jede einzelne Aktie errechnet sich derzeit ein erwarteter Verlust von fünf Euro – das wäre ein Minus von über zwei Milliarden Euro für den Gesamtkonzern. Vor genau einem Jahr durften Aktionäre noch auf einen Gewinn von zwei Milliarden Euro hoffen.

    Bemerkenswert ist, dass sich die Mehrheit der Unternehmen außerstande sieht, eine neue Prognose abzugeben. So wie BASF seine Prognose einkassierte und keine neue fürs Gesamtjahr gab, machen es immer mehr Unternehmen. BMW und Daimler in der Autobranche oder die Lufthansa in der Transport- und Logistikbranche strichen ihre Ertragsvorhersage zusammen – und sie trauen sich an keine neue.

    Der weltgrößte Autobauer Volkswagen hält es für nicht absehbar, wann eine neue Prognose möglich ist. Die durch die Pandemie hervorgerufenen Auswirkungen auf die Kundennachfrage, Lieferketten und die Produktion seien aktuell nicht verlässlich einschätzbar.

    So viel Ungewissheit ist neu und hat es auch in vergangenen Krisen in der Form nicht gegeben. Bei 45 der 77 Gewinn- oder Umsatzwarnungen im ersten Quartal wurde die überholte Prognose nicht durch eine neue ersetzt. Damit fehlt den Aktionären genauso wie den Mitarbeitern in den Firmen eine wichtige Information hinsichtlich der Erwartung, wie sich das Geschäft des Unternehmens voraussichtlich entwickeln wird.

    Besonders betroffen von der Krise sind Automobilunternehmen: Sieben der zwölf börsennotierten Hersteller und Zulieferer mussten ihren Ausblick nach unten korrigieren – darunter BMW, Daimler und Continental im Dax. Die Automobilbranche spürte die Krise besonders frühzeitig, weil China der größte Absatzmarkt ist und dort die Pandemie bereits Anfang des Jahres begann.

    Die Folge: Für BMW und Volkswagen senkten Analysten binnen drei Monaten ihre Gewinnerwartungen um mehr als 40 Prozent, für Daimler um gut 60 und für Continental sogar um 70 Prozent. Immerhin, noch errechnet sich für alle Konzerne in der Automobilwirtschaft für das Gesamtjahr ein Gewinn. Doch damit es dazu kommt, muss die Krise und müssen die Produktions- und Absatzeinbrüche im zweiten Halbjahr beendet sein.

    Keine Warnungen gab es hingegen von Telekommunikationsunternehmen wie der Deutschen Telekom und Energieversorgern wie Eon und RWE. Auch Software-, IT- und Biotechfirmen sind unterdurchschnittlich betroffen. Zu den wenigen Profiteuren der Krise zählen Firmen wie Teamviewer.

    Der Spezialist für Software rund ums Homeoffice hob seine Prognose zwar immer noch nicht an. Doch die stark steigenden Nutzerzahlen machen solch einen Schritt wahrscheinlich. Anleger rechnen damit schon lange, wie der seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen im März um fast 50 Prozent gestiegene Aktienkurs belegt.

    Die meisten Hiobsbotschaften gab es im März, als infolge der Pandemie in immer mehr Ländern das öffentliche Leben zum Stillstand kam. Nach fünf Gewinnwarnungen im Januar und zehn im Februar entfielen 62 auf den März. So gut wie alle Unternehmen nannten die Pandemie als Ursache für ihre schlechten Nachrichten.

    Historisch einmaliger Börsencrash

    „Die Coronakrise führt weltweit zu massiven Einschränkungen des Wirtschaftslebens und zu nie da gewesenen Umsatzausfällen in fast allen größeren Märkten“, beobachtet Hubert Barth, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY Deutschland.

    Weil Deutschland gemessen an anderen Industriestaaten überdurchschnittlich viele Industriekonzerne mit außerordentlich hohen Auslandsanteilen hat, wirken sich unterbrochene Lieferketten, Reise- und Transportbeschränkungen und der Stillstand im Flugverkehr besonders drastisch auf die deutsche Wirtschaft und ihre Unternehmen aus.

    Trotz des Rekords an Hiobsbotschaften wurden die Investoren von den Gewinnwarnungen offenbar kaum überrascht. Zumindest hielten sich die Auswirkungen auf die Aktienkurse in Grenzen: Am Tag der Veröffentlichung der schlechten Neuigkeit sank der Aktienkurs der betroffenen Unternehmen durchschnittlich um drei Prozent. Im vergangenen Jahr hatte das durchschnittliche Minus am Tag einer Gewinnwarnung bei sieben Prozent gelegen.

    Grund für die geringe Wechselwirkung zwischen Realwirtschaft und Börse dürfte der historisch einmalige Crash sein: Zwischen Mitte Februar und Mitte März brachen die Aktienkurse weltweit um ein Drittel ein, in Deutschland sogar um mehr als 40 Prozent. Auslöser war das Übergreifen der Pandemiekrise auf Europa und Amerika.

    Als in der Folge immer mehr Unternehmen vor niedrigeren Erträgen warnten, blieben die Auswirkungen gering – weil Anleger längst davon ausgingen, dass so gut wie alle Unternehmen negativ betroffen seien.

    Relevante Kursbewegungen ergaben sich in den vergangenen Wochen stattdessen vielmehr nach Meldungen über Ausgangs- und Reisebeschränkungen, durch den stark gesunkenen Ölpreis und vor allem durch mögliche Impfstoffe gegen das Virus.

    Bei den Unternehmen selbst beeinflusst jede weitere Gewinnwarnung immer seltener und in einem immer geringeren Ausmaß den Aktienkurs. Er bewegt sich vielmehr, wenn die Konzerne ihre ersten Quartalsberichte seit Ausbruch der Krise vorlegen. So wie zuletzt Bayer und BASF.

    Während der Pharmahersteller seine Erträge steigerte, auch weil viele Verbraucher Bestellungen vorzogen, brach beim Chemiehersteller der Gewinn um mehr als ein Drittel ein. Prompt zählte die Bayer-Aktie zuletzt zu den Gewinnern im Dax, die BASF-Titel jedoch gehörten zu den größten Verlierern.

    Mehr: Erst die Kurzarbeit, dann der Rauswurf? Warum in Deutschland die große Jobangst grassiert.

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