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Anton KathreinGroßunternehmer und Funker mit Herz

Anton Kathrein war gerade 21 Jahre alt, als er die Leitung des kleinen Antennenbauers übernahm. Er baute das Familienunternehmen zu einem Weltmarktführer aus.Peter Ross Range 25.01.2013 - 10:18 Uhr Artikel anhören

Anton Kathrein. Sein Sohn über den verstorbenen Vater: "Er hat uns immer gesagt: Uns gibt's noch, die Banker gibt's nicht mehr."

Foto: presse

Düsseldorf. Für eine Mittelstandsfirma wie die Kathrein-Werke KG lautet das Leitprinzip persönlicher Einsatz. Unternehmensnaher Führungsstil, intensive weltweite Vernetzung, ständige Präsenz sowohl in Produktion als auch Verkauf - all das zeichnete Anton Kathrein aus, den Leiter der berühmten Antennenfirma in zweiter Generation, der vergangenen November im Alter von 61 Jahren unerwartet verstorben ist.

Kathreins plötzlicher Tod wirkte wie ein Donnerschlag auf seine Heimatstadt und den Hauptsitz der Firma, die kleine Stadt Rosenheim auf halbem Weg zwischen München und Salzburg (Kathrein war österreichischer und deutscher Staatsbürger).

Kathreins Zeit an der Spitze der gleichnamigen Firma überspannte vier Jahrzehnte dramatischen Wandel - den explosionsartigen Fortschritt der Telekommunikation, die Öffnung Osteuropas, den Aufstieg von afrikanischen Entwicklungsländern und das Hervortreten der Riesen China und Indien. Für Anton Kathrein öffnete jede dieser Veränderungen einen weiteren Markt.

Perfekt positioniert, um die Umbrüche mit High-Tech-Know-how und aggressiven internationalen Vertriebstechniken für sich zu nutzen, formte Kathrein, der mittelständische Geschäftsmann, den angriffslustigen bayrischen Spezialisten zum weltweit führenden Hersteller für "alles, was sendet oder empfängt". Dazu gehörten sowohl Mobilfunk-Feststationsantennen, Rundfunk-Antennensysteme, automotive Antennensysteme, Satelliten-Empfangsanlagen als auch Funkerkennung (RFID) in Transpondern, die in modernen Schiffscontainern auf der ganzen Welt unterwegs sind.

Kathrein-Produkte reichen vom Olympiastadion in Peking bis zum alten Olympiagelände in München, wo per Helikopter eine riesengroße Kathrein-Antenne installiert wurde. Sechzig Prozent von Kathreins Jahresertrag von 1,3 Milliarden Euro stammten 2011 aus Übersee.

Für seine unternehmerischen Leistungen und sein starkes soziales Engagement zu Hause wird Kathrein in die Handelsblatt Hall of Fame der Familienunternehmen aufgenommen, die von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG unterstützt wird.

Im Jahr 1867 gründen der Kaufmann Wilhelm Schmitz und seine Ehefrau Louise, geborene Scholl, in Mülheim an der Ruhr die Schokoladenfabrik Wissoll und bald darauf einen Kolonialwarenhandel - seit fünf Generationen liegt das international agierende Imperium inzwischen in den Händen der Familie.

(Das Foto stammt aus den 20er Jahren und zeigt Angestellte)

Foto: akg-images

Der Urenkel Erivan Haub, der 1932 zur Welt kommt, macht eine Lehre als Großhandelskaufmann in den USA, studiert in Hamburg und Mainz Volkswirtschaftslehre, volontiert bei Banken - unter anderem bei der Commerzbank - und in der Immobilienbranche, ehe sich 1963 ein Platz bei Tengelmann in Wiesbaden für ihn findet. Im Jahr 1969 tritt Erivan Haub die Nachfolge seines Onkels, der plötzlich verstorben ist, an und beginnt mit der gezielten Expansion durch die Übernahme mehrerer Handelsketten.

Foto: Pressefoto Tengelmann Gruppe

Helga Otto (rechts) wächst mit ihren Eltern Irma und Rudolf Otto sowie drei Geschwistern im südbadischen Emmendingen und Hinterzarten (Schwarzwald) auf. Nach dem Abitur schreibt sie sich in Hamburg für Wirtschaftswissenschaften ein – damals ein Fach, in dem Frauen noch eine Rarität sind.

(Foto: Privataufnahme)

Foto: Tengelmann

1958 heiratet der Amerika-Fan Erivan Haub die Diplomkauffrau Helga. Als in den fünfziger Jahren der Kalte Krieg zu eskalieren droht, schafft sich die Familie ein zweites Zuhause in Tacoma bei Seattle an der Westküste; hier kommen zwischen 1960 und 1964 alle drei Söhne, Karl-Erivan, Georg und Christian, zur Welt.

(Foto: Provataufnahme aus dem Jahr 1984)

Foto: Tengelmann

In den folgenden Jahrzehnten baut Erivan Haub den überschaubaren Betrieb zu einem der weltweit größten Handelsunternehmen aus.

Foto: dpa

Im Jahr 2000 wagt der Unternehmer die Expansion nach China und eröffnet den ersten Obi-Baumarkt. Zwei Jahre später träumt er von 100 Filialen im Reich der Mitte, doch 2005 muss Obi seine 18 Märkte wieder verkaufen, weil sie keine schwarzen Zahlen schreiben.

Foto: Antonio Pisacreta/ROPI

Der Auslistung von Froschschenkeln und Schildkrötensuppe Anfang der 80er Jahre verdankt das Unternehmen seine Pionierrolle im Umweltschutz und gleichzeitig sein einprägsames Umweltzeichen.

Foto: Handelsblatt

Im Jahr 1992 wird Erivan Haub (links), der in Amerika studiert hat, die Ehrendoktorwürde der St. Joseph's University von Philadelphia (USA) verliehen.

(Foto: Privataufnahme)

Foto: Tengelmann

Erivan Haub erhält in seinem Leben noch viele weitere Auszeichnungen. Dazu zählt auch 2004 das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland und 2007 der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. Im Jahr 2005 verleiht ihm seine Heimatstadt Wiesbaden die Bürgermedaille in Gold und am 1. Juli 2008 ernennt ihn die Stadt Idstein im Taunus zum Ehrenbürger, wo er sich (Foto) in das Goldene Buch eingetragen hat.

(Foto: Privataufnahme)

Foto: Tengelmann

In Amerika setzt Helga Haub 2008 gegen viel Widerstand durch, dass Recycling-Müllsäcke und -einkaufsbeutel für 99 US-Cent angeboten werden – die Amerikaner, die traditionell eher wenig Sinn für den Umweltschutz haben, sind begeistert.

Foto: Frank Beer für Handelsblatt

An seinem 70. Geburtstag im Jahr 2002 übergibt Erivan Haub offiziell die Geschäftsführung in die Hände der nächsten Generation. Karl-Erivan Haub ist verantwortlich für das Europa-Geschäft, Christian Haub für die US-Kette A&P und Georg Haub kümmert sich um die Immobilien.

Foto: teutopress

Bereits im Jahr 2000 übergab Erivan Haub die Führung der Tengelmann-Gruppe an seine Söhne, 2012 zog er sich zu seinem 80. Geburtstag dann vollständig ins Privatleben zurück. 2018 stirbt Erivan Haub am 6. März unerwartet im Alter von 85 Jahren.

Foto: Frank Beer für Handelsblatt

Anton Kathreins besonderer Stil durchdrang alles. Kathrein war ein hartnäckiger Tatmensch, mehr Marketing-Genie als Techniker, und er war überall - jederzeit. "Es ist kein Geheimnis, es ging für ihn um die Menschen, er hatte Kontakte überall und tanzte auf allen Hochzeiten", meint sein Sohn und Nachfolger als geschäftsführender, persönlich haftender Gesellschafter der Firma, der 28-jährige Anton Kathrein junior.Der für seine Lebensfreude bekannte Kathrein senior reiste dokumentierte 350 000 Kilometer im Jahr zu Luft und dazu weitere 100 000 zu Land. Er war Pionier in so unwahrscheinlichen Märkten wie Südafrika und Kuba, lange bevor das streng kommunistisch geführte Land begann, sich für andere Unternehmen zu öffnen.

Er erreichte beinahe 100 Prozent Marktanteil bei Basisstationen für GSM-Technik, während so mancher noch bezweifelte, dass sich GSM lange halten würde (wir nutzen die Technik immer noch). Und er schuf ein so agiles Unternehmen, dass 50 Prozent der Einnahmen von Produkten stammen, die nicht älter als zwei Jahre sind.

Erivan und Helga Haub

„Man muss auf die Groschen gucken“

"Er war ein Bilderbuch-Unternehmer, ein Familienunternehmer in Reinformat", sagt Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen.

Kathrein war zwar häufig im Ausland, aber dennoch eine imposante Erscheinung in Rosenheim, wo er nur als Toni bekannt war. Mit gleich hohem Einsatz zu Hause wie im internationalen Geschäft wurde Kathrein dritter Bürgermeister von Rosenheim, zuständig für Wirtschaft und die Fachhochschule. Er hatte eine Professur an der Hochschule Rosenheim inne, wo seine Vorlesungen - "meist über seine jeweils neuesten Erfahrungen im Geschäft", sagt ein Sprecher des Unternehmens - jahrelang für einen vollen Hörsaal sorgten. Manche bezeichneten den bodenständigen Weltreisenden als den heimlichen König von Rosenheim.

Kathrein war stets sehr darauf bedacht, zur jährlichen Unternehmensfeier zu Hause zu sein, bei der Angestellte mit zehn, 25 oder 40 Dienstjahren geehrt wurden. Die Bindung der Mitarbeiter war in den Kathrein-Werken schon ein wichtiges Thema, bevor sich der heutige Facharbeitermangel abzeichnete. (Kathrein beschäftigt in Rosenheim 1 800 Personen, weitere 1 800 innerhalb Deutschlands, 3 200 im Ausland.)

Trotz seines überbordenden beruflichen Terminkalenders - manche meinen, er hätte überhaupt nie geschlafen - war Anton Kathrein überraschend viel mit öffentlichen und staatsbürgerlichen Angelegenheiten in Rosenheim und Bayern sowie mit bundesweiter Geschäftstätigkeit in Deutschland beschäftigt. Er hatte zahllose Positionen inne, war etwa Vizepräsident des Zentralverbands der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) und Vorsitzender der ZVEI-Landestelle Bayern.

Kathrein war bekannt für seine Lebenslust. Er sammelte Oldtimer-Autos, unterstützte den Rallye-Sport und kaufte sogar ein Gourmet-Gasthaus im Zentrum von Rosenheim namens "Zur historischen Weinlände", das er vollständig renovierte. Heute werden dort Gourmet-Gerichte und erlesene Weine zusammen mit traditionell bayrischer Gemütlichkeit serviert, im Winter bereichert um einen warmen Kachelofen.

Anton Kathreins steiler Aufstieg im Antennengeschäft begann ebenso, wie er endete - mit einem unerwarteten Tod. Im Jahr 1972, als Kathrein 21 Jahre alt war, verstarb sein eigener Vater, der ebenfalls Anton hieß, ganz plötzlich. Der junge Anton übernahm eine Firma mit einem Umsatz von 51 Millionen Mark, die sein Vater, selbst Ingenieur, aus der Erfindung eines einfachen Überspannungsableiters im Jahr 1919 aufgebaut hatte.

In den 1920er-Jahren und danach, als das Radio weltweit eingesetzt wurde, wagte der Firmengründer den Sprung in die Herstellung von Radioantennen. Später kamen Fernsehen und, der größte Brocken, die Mobilfunkrevolution hinzu, welche heute etwa 40 Prozent von Kathreins Geschäft ausmacht (hauptsächlich Basisstationen).

Im Laufe seiner ziemlich schillernden Unternehmerkarriere musste das Marketing-Genie nur einen großen Rückschlag hinnehmen: Er hatte, vielleicht aus sentimentalen Gründen, versucht, die Grundig AG zu retten, als es bereits zu spät war. Nach mehreren Jahren verzweifelter Versuche und Umstrukturierungsmaßnahmen ging die Firma schließlich pleite, und Anton Kathrein erklärte, das bräche ihm das Herz. Er und sein Sohn gaben den Banken die Schuld, die sie nicht unterstützen wollten.

Die Unterstützung der Banken ist bei Kathrein ein heikles Thema. 1974, nur zwei Jahre nachdem er plötzlich geschäftsführender Gesellschafter der Firma geworden war, stand Anton Kathrein am Abgrund. Angesichts der weltweiten Ölkrise verweigerten ihm seine Banken weitere Kredite. Nur durch energische Vertriebsmaßnahmen konnte Kathrein seine Firma über Wasser halten. Ab diesem Zeitpunkt vertraute er nie mehr fremden Banken und machte sich nicht mehr von ihnen abhängig. Das ging so weit, dass er seine eigene Bank gründete, die Erste Rosenheimer Privatbank AG. "Er hat immer gesagt: 'Uns gibt's noch, die Banker gibt's nicht mehr'", erinnert sich Anton junior.

"Wir haben keinen Shareholder Value", pflegte Kathrein senior zu sagen. Auch in einer globalisierten High-Tech-Firma wie Kathrein läuft im Grunde letztlich alles auf die persönliche Verantwortung des Eigentümers und den Einsatz seiner Mitarbeiter hinaus. Es gebe eine "unglaubliche Identifikation mit den Produkten" bei der Belegschaft, insbesondere unter den Produktentwicklern, sagt der neue Chef. "Das sind ihre Kinder."

In der dritten Generation ist nun der dritte Anton Kathrein an der Reihe. Doch wo man im Firmensitz in Rosenheim auch hingeht, man wird überall an die erstaunliche Karriere seines Vaters erinnert. Durch das Fenster ist der riesige rot-weiße Antennenmast auf dem 1 500 Meter hohen Wendelstein zu sehen, der mittels Helikopter montiert werden musste.

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Im Erdgeschoss werden in speziellen Reinräumen von Arbeitern in antistatischer Kleidung winzige Teile zusammengesetzt, um jene Antennen und Funkelektronik entstehen zu lassen, die Anrufe über solche Antennenmasten laufen und bis zu 45 unterschiedliche Antennenteile neuer Automobile miteinander kommunizieren lassen.

Nichts davon gab es, als der jetzt verstorbene Firmenchef vor 40 Jahren antrat. Sein Vermächtnis lebt weiter, deutlich sichtbar in aller Welt.

Peter Ross Range Der renommierte US-Autor und Deutschland-Kenner reiste in diesem Jahr zu den Preisträgern.

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