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Coronakrise Insolvenzexperte Flöther: „Es wird viele Trittbrettfahrer geben“

Viele Unternehmen setzen auf Staatshilfe und schieben ihre Insolvenz wegen neuer Corona-Regeln nur auf, fürchtet der erfahrene Insolvenzverwalter Lucas Flöther.
23.04.2020 - 12:00 Uhr 2 Kommentare
„Es wird eine deutliche Zunahme von Insolvenzverfahren geben.“ Der erfahrene Sanierungsexperte rechnet damit, dass die Coronakrise dramatischer wird als die Finanzkrise. Quelle: dpa
Lucas Flöther

„Es wird eine deutliche Zunahme von Insolvenzverfahren geben.“ Der erfahrene Sanierungsexperte rechnet damit, dass die Coronakrise dramatischer wird als die Finanzkrise.

(Foto: dpa)

München Auf Deutschland kommt trotz aller Rettungspakete und der teilweisen Aussetzung der Insolvenzantragspflicht nach Einschätzung von Experten eine massive Pleitewelle zu. „Die Bugwelle baut sich gerade auf und sie wird irgendwann abfließen“, sagte der Sanierungsexperte und Insolvenzverwalter Lucas Flöther im Club Wirtschaftspresse München.

Es bestehe die Gefahr, dass durch die Aussetzung der Antragspflicht und die staatlichen Hilfen Unternehmen am Leben gehalten werden, die eigentlich nicht lebensfähig seien. „Es wird Trittbrettfahrer en masse geben.“

Reiseunternehmen und Flugfirmen seien in Corona-Zeiten ebenso Pleitekandidaten wie zum Beispiel Autohäuser und Zulieferer, Gastronomiebetriebe, Messeveranstalter und Kinos, sagte Flöther. Die Situation werde schlimmer als in der Finanzkrise.

„Das ist eine viel tiefergehende und mehr Branchen ergreifende Krise.“ Zudem werde die gute, alte Welt in einigen Industrien so schnell nicht wiederkommen. Ob die Welle noch in diesem Jahr oder erst im nächsten so richtig losgehe, lasse sich nur schwer beurteilen.

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    Flöther ist Vorsitzender des Gravenbrucher Kreises, der Vereinigung der wichtigsten Sanierungsexperten in Deutschland. Einen Namen machte er sich unter anderem als Insolvenzverwalter von Air Berlin.

    Derzeit steht er der Condor-Spitze als Sachwalter zur Seite und überwacht das laufende Schutzschirmverfahren bei der Fluggesellschaft. Anfang April war der Verkauf von Condor an die polnische LOT im Zuge der Coronakrise geplatzt.

    Die Bundesregierung hat die Insolvenzantragspflicht vorerst bis Ende September teilweise ausgesetzt. Dadurch bekämen „in Bedrängnis geratene Unternehmen die nötige Luft, um staatliche Hilfen zu beantragen und Sanierungsbemühungen voranzutreiben“, sagte Justizministerin Christine Lambrecht.

    Voraussetzung ist allerdings, dass der Insolvenzgrund tatsächlich auf den Folgen der Coronakrise beruht. Zudem müssen Aussichten auf eine Beseitigung der Zahlungsunfähigkeit bestehen. Unternehmen, die sich bereits vor Beginn der Pandemie in einer Krise befunden haben, müssen sich damit weiterhin an die Drei-Wochen-Frist halten. Das heißt: Sie müssen Insolvenzantrag stellen, wenn sie die Rechnungen der kommenden drei Wochen nicht begleichen können.

    Keine „Unternehmenszombies“

    Die Gesetzesänderung sei „wichtig und richtig“, aber nur eine Beruhigungspille, sagte Flöther. Unternehmen müssten schließlich trotzdem solide durchfinanziert sein. Es dürften keine „Unternehmenszombies“ am Leben erhalten werden. Daher sei die Antragspflicht ja auch nur begrenzt ausgesetzt worden.

    Jeder Unternehmer, der nun zum Beispiel KfW-Kredite beantrage, müsse sich auch fragen: „Kann ich dieses Darlehen überhaupt jemals zurückzahlen?“ Staatshilfe soll es nur für Unternehmen geben, die zum 31. Dezember 2019 noch zahlungsfähig waren.

    So sei es möglich, dass zum Beispiel Firmen Hilfe bekommen, die schon im Januar oder Februar, also vor Corona, nicht mehr flüssig waren, sagte Flöther. Ohne einen funktionierenden Geschäftsplan bestehe die Gefahr, dass diese Firmen jetzt lediglich etwas später aufgeben müssten.

    Flöther kann sich vorstellen, dass in der Coronakrise das Schutzschirmverfahren öfter angewendet wird. Dieses mildere Vorgehen habe das Thema Insolvenz „entstigmatisiert“. Als Gesellschafter haben man dabei die Möglichkeit, über eine Eigenverwaltung die Zügel des Handelns in der Hand zu behalten. Über einen Insolvenzplan könne man zudem die Geschäftsanteile mit Zustimmung der Gläubiger wieder werthaltig machen.

    Auch der Sanierungsexperte Hans-Joachim Ziems rechnet mit einem Anstieg der Insolvenzen – gerade unter den Autozulieferern. Vor allem Mittelständler, die noch stark vom Verbrennungsmotor abhängig seien und noch keine Vorwärtsstrategie entwickelt hätten, könnten in Schwierigkeiten kommen. „Da wird es einige Insolvenzen in den nächsten Monaten geben, deutlich mehr als es normalerweise gewesen wären“, sagte er dem Handelsblatt.

    Die Vermittler für Unternehmensnachfolge stellen sich ebenfalls auf mehr Insolvenzen durch Corona ein. „Wir rechnen in den nächsten Monaten mit bis zu 1,4 Millionen Pleiten“, sagt Nicolas Rädecke, Geschäftsführer der Deutschen Unternehmerbörse DUB, an der das Handelsblatt beteiligt ist. Ab Mitte Mai will Rädecke Insolvenzverwaltern auf seiner Plattform Verkaufsangebote ermöglichen, um so eine schnellere Partnersuche zu ermöglichen.

    „Die Corona-Pandemie wird die Zahl der Insolvenzen dramatisch erhöhen“, warnt er. Darunter dürften seiner Meinung nach allerdings mehr Unternehmen sein, deren Geschäftsmodell nach der Krise wieder funktioniert – also etwa zeitweise geschlossene Ladenketten. Wie beim bisherigen Geschäft mit Unternehmensnachfolge solle es darum gehen, Unternehmen zu erhalten, statt sie zu verwerten. Auch die Nachfolge-Plattformen Companylinks und Carl Finance wollen in der Krise verstärkt Eigenkapital für angeschlagene Unternehmen vermitteln.

    Mehr: Warum selbst solide Mittelständler in Existenznot geraten.

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    2 Kommentare zu "Coronakrise: Insolvenzexperte Flöther: „Es wird viele Trittbrettfahrer geben“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Richtig, der Virus sorgt für finanzielle Probleme und es ist richtig, dass Unternehmen geholfen werden soll und muss. Es ist auch richtig, dass der Virus nicht jedes Unternehmen gerade in einer solide durchfinanzierten Situation angetroffen hat. Es ist aber despektierlich und unverschämt, insbesondere für einen Insolvenzverwalter, Unternehmer, die um den Erhalt ihres Unternehmens kämpfen, mit dem Coronavirus zu Zombies zu machen. Herr Flöther möge doch einmal aufzeigen, aus wie vielen seiner rechtzeitig beantragten Insolvenzen werthaltige Unternehmen verblieben sind, und wieviele Beträge im Verhältnis zu den Verwalter-/ungskosten an Insolvenzgläubiger geflossen sind. Auch ich fürchte eine hohe Zahl von Insolvenzen nach und wegen des geltenden Insolvenzrechts, aber noch mehr, dass nach Corona statt an Gläubiger der Hauptteil der Vermögen der insolvenzantragspflichtigen Unternehmen an die Insolvenzverwalter geht. Dass die derzeitige Insolvenzordnung für die Situation nach der Krise ein geeignetes Instrumentarium ist, halte ich für zweifelhaft.

    • Das Coronavirus ist nur der Auslöser der Krise. Die Ursache ist es nicht und genau das sollten wir nicht vergessen, auch wenn diversen Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft, die Pandemie als Sündenbock wie gerufen kommt.
      Mag sein, dass Menschen, wie z. B. Dr. Markus Krall, die Dinge etwas dramatisieren. Seine Analysen sind weitestgehend korrekt. Die Krankheit, in Form einer sich immer dramatischer zombiefizierenden Wirtschaft und ein disfunktionaler Euro, waren schon vorher da. Kopf in den Sand stecken hat noch nie wirklich geholfen. Die Krise wird dadurch nur noch schlimmer. Möge unsere Obrigkeit ihr Versagen erkennen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Geld drucken ist nicht die Lösung. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

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