Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Autozulieferer Leoni-Sanierer nach Rettung: „Hauptproblem war zu schnelles Wachstum“

Vorstandschef Aldo Kamper und Sanierer Hans-Joachim Ziems sind erleichtert über die gewährten Staatshilfen. Nun sehen sei die Firma für die nächsten Jahre solide finanziert.
20.04.2020 - 19:00 Uhr Kommentieren
Das Unternehmen beschäftigt weltweit fast 100.000 Mitarbeiter. Quelle: Bloomberg
Leoni-Werk in Serbien

Das Unternehmen beschäftigt weltweit fast 100.000 Mitarbeiter.

(Foto: Bloomberg)

München Nach der Zusage von Staatshilfen fühlt sich der angeschlagene Autozulieferer Leoni für die nächsten Jahre solide finanziert. „Damit werden wir gut über die Runden kommen“, sagte Restrukturierungsvorstand Hans-Joachim Ziems dem Handelsblatt. Leoni habe konservativ geplant. „Ich denke, dass das Volumen ausreicht, um bis ins Jahr 2023 hinein gut finanziert zu sein.“ Dann werde Leoni auch in der Lage sein, mit guten operativen Zahlen die Kredite zu refinanzieren und zurückzuzahlen.

Leoni hatte sich neue Kredite in Höhe von 330 Millionen Euro gesichert, für die Bund und Länder zu 90 Prozent bürgen. „Die Erleichterung ist natürlich riesig“, sagte Vorstandschef Aldo Kamper. Die Szenarien berücksichtigten einen weiteren mehrwöchigen Shutdown. Auf die Frage, ob Leoni auch monatelange Schließungen durchhalten könnte, sagte er: „Irgendwann sind jegliche Finanzmittel verbraucht, das gilt für die gesamte Industrie.“ Bei Leoni werde man nun aber sicher nicht zu den ersten gehören, die Probleme in der Branche bekommen.

Der fränkische Bordnetzspezialist war bereits vor der Coronakrise in Existenznöte geraten. Im vergangenen Jahr sank der Umsatz um fünf Prozent auf 4,8 Milliarden Euro, unter dem Strich stand ein Verlust von 435 Millionen Euro. „Das Hauptproblem war ein zu schnelles Wachstum“, sagte Ziems. Die Organisation habe damit nicht Schritt gehalten. Zudem seien die Wachstumsprojekte nicht profitabel genug gewesen. „Das damalige Management war mit der Situation überfordert.“

Im März hatte sich Leoni, noch bevor die Coronakrise voll durchschlug, mit den Banken auf frische Liquiditätshilfen geeinigt. Ein Gutachten bestätigte die Sanierungsfähigkeit des Unternehmens. Dadurch konnte Leoni nachweisen, dass die neuen Probleme tatsächlich auf die Corona-Pandemie zurückzuführen waren. Dies erleichterte den Zugang zu Staatshilfen. Allerdings betonte Kamper: „Wir haben noch einen langen, steinigen Weg vor uns.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Ziems ist überzeugt, dass noch einige Unternehmen in der Branche in Not geraten werden. Gerade mittelständische Zulieferer, die noch auf konventionelle Antriebsarten ausgerichtet sind und noch keine Gegenmaßnahmen ergriffen haben, würden nun in Schwierigkeiten geraten. „Da wird es einigen Insolvenzen in den nächsten Monaten geben, deutlich mehr als es normalerweise gewesen wären.“

    Das komplette Interview lesen Sie hier:

    Herr Kamper, schon 2019 war für Leoni ein schwieriges Jahr. Mit der Coronakrise hat sich die Situation dann dramatisch zugespitzt, und nun haben Sie sich Staatshilfe gesichert. Wie groß ist Ihre Erleichterung?
    Kamper: Die Erleichterung ist natürlich riesig. Wir haben sehr bewegte Wochen hinter uns. Das ist jetzt ein wichtiger Schritt, der uns hilft, durch diese Krise gut durchzukommen. Wir waren in der Genesung des Unternehmens schon auf dem richtigen Weg, aber diese Zusage hilft noch mal, die Coronakrise zu meistern.

    Wie sahen die letzten Wochen aus?
    Kamper: Wir hatten uns ja Mitte März noch vor Corona mit den Banken auf einen klaren Sanierungsweg geeinigt. Ein Sanierungsgutachten bestätigte unsere Sanierungsfähigkeit und Durchfinanzierung. Es zeigte, dass wir in den vergangenen Quartalen mit unserem Performance- und Strategieprogramm „Value21“ die richtigen Maßnahmen eingeleitet hatten. Wir hatten angefangen, wieder etwas Ruhe in das Unternehmen reinzubringen. Die Freude darüber hat dann leider nur sehr kurz gewährt. Ein paar Tage später traf uns die Coronakrise mit voller Wucht.

    Wachstumsprojekte waren nicht profitabel genug. Quelle: Leoni AG
    Aldo Kamper

    Wachstumsprojekte waren nicht profitabel genug.

    (Foto: Leoni AG)

    War damit Ihre Existenz bedroht?
    Kamper: Das war ein schmerzhafter Einschnitt, so plötzlich die Geschäftsgrundlage entzogen zu bekommen. Es war klar, dass die Durchfinanzierbarkeit unseres Sanierungskonzepts damit infrage stand. Einerseits. Andererseits half uns das Sanierungsgutachten: Es belegte unsere generelle Sanierungsfähigkeit vor der Coronakrise und war die zwingende Voraussetzung für die Staatshilfen. Wir haben noch einen langen, steinigen Weg vor uns. Aber die Grundlage, damit wir das Unternehmen wieder in eine solide Zukunft führen können, ist wieder da.

    Das Unternehmen war ja aber schon vor der Krise nicht gesund. Wie fühlt man sich als privatwirtschaftlich orientierter Unternehmer, wenn man ausgerechnet beim Staat um Hilfe bitten muss?
    Kamper: Es handelt sich ja um eine staatliche Bürgschaft und nicht um Staatsmittel. Das ist eine Finanzierung, die wir sauber und vollständig zurückzahlen müssen.

    Aber es ist ja kein alltägliches Mittel, den Staat um Hilfe zu bitten.
    Kamper: Die Coronakrise ist eine sehr außergewöhnliche und herausfordernde Situation für alle Firmen. So etwas hat es noch nie gegeben. Denken Sie bitte daran: Die Nachfrage ist praktisch über Nacht vollständig weggebrochen. So eine Situation braucht außergewöhnliche Mittel.

    Wie schnell hätten Sie das Unternehmen ohne staatliche Hilfe zumachen müssen?
    Kamper: Das ist eine Frage, mit der sich sicher die gesamte Automobilindustrie auseinandergesetzt hat oder das aktuell noch macht. Klar ist, dass irgendwann das Geld ausgeht, wenn schlagartig keine Nachfrage mehr besteht. Das ist ein Prozess, der sich über die Industrie hinweg nicht über Quartale erstreckt hätte, sondern wahrscheinlich nur über ein paar Monate. Daher war es wichtig, dass der Staat so zügig reagiert hat.

    Herr Ziems, wie schwer waren die Gespräche mit allen Beteiligten, die die Hilfen jetzt möglich gemacht haben?
    Ziems: Die meisten Gespräche haben wir mit dem Vertreter des Bürgen geführt. Das war die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC, die das für die Bundesrepublik Deutschland operativ umsetzt. Es galt dabei vor allem nachzuweisen, dass Leoni für diese Art von Hilfe geeignet ist. Dabei half uns das kurz zuvor erstellte Sanierungsgutachten. Wir hatten die Sanierungsfähigkeit schwarz auf weiß, das war eine Punktlandung. Wir mussten nur noch den letzten Schritt machen und nachweisen, auf welcher Basis neue Finanzierungsnotwendigkeiten entstehen.

    Und dann gab es gleich die Hilfe?
    Ziems: Nein, man muss ja auch Banken finden, die bereit sind, bei der Finanzierung mitzumachen und ihren Risikoanteil zu übernehmen. Wir hatten schnell ein Konsortium, bestehend aus den Banken, die uns generell finanzieren, überzeugt. Da musste zusätzlich also auch ein neuer Kreditvertrag verhandelt werden.

    Wenn Sie noch einen Blick zurückwerfen: Sie sind ja als Experte von außen gekommen. Was ist eigentlich grundsätzlich schief gelaufen bei Leoni in der Zeit schon vor Corona?
    Ziems: Das Hauptproblem war ein zu schnelles Wachstum. Die Organisation hielt damit nicht Schritt. In der neuen Größenordnung funktionierten wesentliche Teilbereiche nicht mehr so, wie sie hätten funktionieren müssen. Zudem waren die Wachstumsprojekte nicht profitabel genug. Das damalige Management war mit der Situation überfordert.

    Herr Kamper, Sie wurden ja als Wachstums- und Technologiespezialist geholt. Stattdessen waren Sie dann vor allem als Aufräumer gefragt. Fühlen Sie sich getäuscht?
    Kamper: Es war klar, dass Leoni nach der Phase des Wachstums Professionalisierungsbedarf hatte. Aber wie hoch dieser war, das hat mich tatsächlich auch überrascht. Es zeigte sich, dass das Wachstum eher Probleme schuf denn den Gewinn erhöhte. Die erhofften Skaleneffekte blieben aus.

    Herr Ziems, ist für die Probleme vor allem der frühere CEO und heutige Aufsichtsratschef verantwortlich?
    Ziems: Ich habe mir abgewöhnt, persönliche Schuldige zu suchen. Ich schaue nach vorne.

    Herr Kamper, Sie sagen, Sie wollen nun Ruhe ins Unternehmen bringen. Aber wie? Es brennt weiter an allen Ecken und Enden. Corona tobt, und Ihre wichtigsten Kunden stecken ebenfalls in Problemen. Und die Beziehung zwischen den großen Autoherstellern und den Zulieferern galt doch schon vor der Krise als sehr belastet.
    Kamper: Ich glaube, dass die Krise neue Chancen bietet, weil alle merken, dass wir uns gegenseitig brauchen. Das Runterfahren der Produktion über alle Automobilhersteller und Zulieferergruppen hinweg lief weitgehend unkoordiniert. Beim Hochfahren müssen wir uns gut zwischen Herstellern und Zulieferern abstimmen.

    Helfen die Autobauer Ihnen auch direkt, indem sie beispielsweise Zahlungen stunden?
    Kamper: Momentan ist vor allem die Diskussion wichtig, wie wir wieder zurück zur Produktion kommen. Dafür brauchen wir genügend Vorlauf. Wir haben in China gesehen, dass das grundsätzlich geht. Als Industrie sind wir da gemeinsam recht erfolgreich wieder hochgefahren.

    Wie lange halten Sie den Stillstand in Europa und den USA noch durch?
    Kamper: Wir haben in dem Zusammenhang unterschiedliche Szenarien angeschaut. Darunter auch Szenarien, die einen weiteren mehrwöchigen Shutdown berücksichtigen. Ich würde sagen, dass wir nicht übertrieben optimistisch in die Zukunft blicken.

    Monatelange Schließungen würden Sie aber auch trotz Staatshilfe nicht durchhalten?
    Kamper: Irgendwann sind jegliche Finanzmittel verbraucht, das gilt für die gesamte Industrie. Aber wir werden sicher nicht die Ersten sein, die Probleme bekommen. Wir müssen nach vorn blicken und überlegen, wie wir als gesamte Industrie wieder langsam und koordiniert hochfahren.

    Der Sanierungsexperte sieht keine große Übernahmegefahr für Leoni. Quelle: WMP Eurocom
    Hans-Joachim Ziems

    Der Sanierungsexperte sieht keine große Übernahmegefahr für Leoni.

    (Foto: WMP Eurocom)

    Herr Ziems, wie sieht die Lösung mit den Banken und dem Staat konkret aus?
    Ziems: Wir haben 330 Millionen Euro an neuen Finanzmitteln mit drei Banken vereinbart. Die werden zu 90 Prozent vom Bund und den Ländern, das sind Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, garantiert. Das ist ausreichend, wir haben das in mehreren Stressszenarien getestet.

    Wie lange reicht das Geld?
    Ziems: Wir haben konservativ geplant. Ich denke, dass das Volumen ausreicht, um bis ins Jahr 2023 hinein gut finanziert zu sein. Zu diesem Zeitpunkt werden wir auch mit positiven operativen Zahlen eine Refinanzierung und Rückführung der Kredite hinbekommen.

    Wie muss man sich das Zusammenspiel zwischen CEO und Sanierer vorstellen?
    Ziems: Wir haben einen Konzern vor uns mit fast 100.000 Mitarbeitern. Der CEO hat natürlich gerade in der Krisensituation mannigfaltige Aufgaben: Ruhe reinbringen, ist eine Riesenherausforderung. Wir haben jeweils unterschiedliche Schnittstellen, die sehr gut zusammenspielen und harmonieren. Wir haben im Vorstand eine Gesamtverantwortung tauschen uns intensiv aus. Ich kümmere mich um die operative und finanzielle Restrukturierung.

    Herr Kamper, ist es in einer derartigen Situation vor allem der externe und bundesweit bekannte Restrukturierungsexperte Ziems, dem die Banken vertrauen?
    Kamper: Das ist eine Teamaufgabe. Die Banken wissen, dass nur ein Team diese Großaufgabe stemmen kann.
    Ziems: Dem stimme ich absolut zu. Es gibt in so einer Phase und mit so einer Aufgabe nicht den Chef wie in einem Einzelunternehmen. Da gibt es eine Gesamtverantwortung, und das nicht nur rechtlich.

    Was ist in so einer Krise generell die erste Pflicht für Manager in angeschlagenen Unternehmen?
    Ziems: Grundsätzlich ist die Liquiditätssicherung für jedes Unternehmen die Hauptaufgabe in der Krise. Die Situation ist brandgefährlich. Lieferanten wollen plötzlich Vorkasse. Bei den Banken haben Sie nicht mehr den freundlichen Kreditverkäufer als Ansprechpartner, sondern den harten Verhandler, der sieht, wie er sein Geld zurückbekommt. Wer da keine transparente Zahlenkommunikation hat, der hat ein riesiges Problem.

    Ist das Vertrauen in Leoni jetzt wiederhergestellt?
    Ziems: Die Banken hatten uns schon vor Corona wieder vertraut, das zeigte die Einigung auf den Sanierungskurs. Sie wissen im Übrigen auch, dass Leoni ein systemrelevanter Zulieferer ist, der gerade wegen dieser Position damit rechnen kann, von den Herstellern gestützt zu werden.

    Der Kapitalmarkt glaubt offenbar nicht an Leoni und die Systemrelevanz. Leoni wurde erst kürzlich von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz DSW als drittgrößter Kapitalvernichter in Deutschland ausgezeichnet.
    Ziems: Das mag im Kapitalmarkt so sein und hat unterschiedliche Ursachen. Die eigenen Annahmen wurden mehrfach von unvorhersehbaren Ereignissen überholt und mussten anschließend korrigiert werden. Zudem hat Leoni in den vergangenen Quartalen an einer besseren Transparenz der internen Finanzsysteme gearbeitet. Ein Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen ist ein Prozess. Dieser Prozess hat sich verbessert, und wir haben wichtige Fortschritte gemacht.

    Ist Leoni ein Übernahmekandidat? Das Unternehmen hat inzwischen einen Börsenwert von nur noch circa 200 Millionen Euro.
    Ziems: Das ist ein interessantes Thema, das nicht nur für Leoni gilt in den nächsten ein, zwei Jahren. Wir haben gerade im Kapitalmarkt sehr viel Geld, das Anlagemöglichkeiten sucht. Viele Gesellschaften werden nun kursmäßig in gefährliches Fahrwasser kommen und für Hedgefonds interessant werden.

    Also auch Leoni?
    Ziems: Wir sind da ein Sonderfall. Der Prozess, den wir durchmachen müssen, um in eine nachhaltig stabile Lage zu kommen, ist komplex. Diesen von außen zu verstehen ist schwierig. Das kauft niemand so ohne Weiteres. Anders ausgedrückt: Die Gefahr einer Übernahme ist nicht auszuschließen, aber für Leoni nicht sehr groß.

    Herr Kamper, wie wollen Sie den Konzern nun strategisch fortentwickeln? Vor Corona hatten Sie ja die Abspaltung des Kabelgeschäfts geplant.
    Kamper: Die Synergien zwischen dem Kabel- und dem Bordnetzgeschäft sind tatsächlich überschaubar. Gleichzeitig ist es aber schwierig, beide Bereiche gleichermaßen weiterzuentwickeln. So wollen wir bei den Bordnetzen die Wertschöpfung vertiefen und auch Komponenten für neue Technologien anbieten, wie für das autonome Fahren. Auch der Kabelbereich würde auf der anderen Seite von einer Vorwärtsintegration profitieren. Da, wo wir nicht nur das reine Kabel anbieten, haben wir ganz andere Margen. Daher suchen wir weiter eine neue Heimat für die Kabelsparte, denn die strategische Überlegung ist weiter richtig. Klar ist aber auch, dass wir im heutigen Umfeld keinen attraktiven Preis erzielen können.

    Damit fehlt Ihnen aber auch der mögliche Verkaufserlös, um die Bordnetze weiterzuentwickeln.
    Kamper: Derzeit muss man sich nach der Decke strecken. Wir haben aber auch keinen akuten strategischen Handlungsbedarf bei den Bordnetzen.

    Das klingt alles sehr sachlich, aber eine echte strategische Vision ist daraus schwer heraushörbar?
    Kamper: Wie gesagt, es ist nach wie vor unser Ziel uns langfristig auf den Bordnetzbereich zu konzentrieren. Allerdings müssen wir jetzt erst unsere Hausaufgaben richtig machen und uns auf diese sehr akute und außerordentliche Situation fokussieren. Das hat im jetzigen Moment Priorität. Wenn wir das jetzt richtig hinbekommen dann profitieren vorerst beide Sparten. Wir müssen auf den richtigen Moment für eine Veräußerung warten. Es wäre töricht, jetzt die Kabelsparte zu verschleudern. In der Ruhe liegt die Kraft.

    Aber Ihre Kundschaft fordert permanente Innovationen, die Sie vorfinanzieren müssen. Wie soll das gelingen?
    Ziems: An der Stelle müssen wir klarstellen, dass wir schon heute in technologisch innovativen Bereichen sehr gut positioniert sind. So hat Leoni einen hohen Anteil der Elektromobilitätsplattformen gewonnen. Es geht darum, dass Innovationen unser Bordnetzgeschäft künftig weiter ergänzen sollen. Mit unserer Sanierung geht auch einher, dass wir Investitionen stetig wieder aus eigener Kraft stemmen können.

    Werden in der Krise nun die ohnehin schon angeschlagenen Autozulieferer aus dem Markt ausscheiden? Oder überleben die Schwachen jetzt eher besser – weil sie Staatshilfe bekommen?
    Ziems: Ich glaube, dass sich die Entwicklung beschleunigen wird, die schon vor Corona begonnen hat. Die Umstellung in Richtung Elektromobilität ist für alle eine Riesenherausforderung, Leoni ist dahingehend gut aufgestellt. Gerade mittelständische Zulieferer, die noch auf konventionelle Antriebsarten ausgerichtet sind und noch keine Gegenmaßnahmen ergriffen haben, kommen in Schwierigkeiten. Da wird es einige Insolvenzen in den nächsten Monaten geben – deutlich mehr, als es normalerweise gewesen wären.

    Herr Kamper, wie verändert Corona generell die Autowelt? Wird in der Branche die Globalisierung ein Stück zurückgedreht?
    Kamper: Die globalisierten Lieferketten haben enorme Effizienz- und Kostenvorteile gebracht. Das lässt sich so leicht nicht zurückdrehen. Die Coronakrise ist ja auch weniger ein Angebotsproblem. Die Lieferketten haben weitgehend gehalten. Etwas anderes ist es, wenn die Nachfrage ausbleibt, das hat aber mit der Globalisierung direkt nichts zu tun.

    Aber ist es nicht ein Warnsignal, wenn Grundstoffe für Medikamente oder billige Schutzmasken nicht verfügbar sind, weil sie nur noch in wenigen Ländern produziert werden?
    Kamper: Da haben Sie Recht, das wird man sich nach der Krise genau anschauen müssen. In der Gesundheitsbranche wird man wohl Zusatzkosten in Kauf nehmen müssen, um die Verfügbarkeit zu sichern. Man hat gelernt, dass man immer mehrere Lieferanten haben sollte, das gilt sicherlich auch für die Automobilindustrie. Diese müssen aber auch künftig nicht zwingend im Heimatland angesiedelt sein.

    In der Wirtschaft gibt es eine intensive Diskussion darüber, wie schnell das öffentliche Leben wieder hochgefahren werden muss, um wirtschaftliche Schäden zu reduzieren. Wie ist da Ihre Position?
    Kamper: Entscheidend ist nicht die Geschwindigkeit, sondern Stetigkeit. Es darf kein Hin und Her geben. Ein Rückfall wäre für die Industrie verheerend. Daher kann ich die Maßnahmen aktuell nachvollziehen.

    Herr Ziems, Sie sind ja meist nur für begrenzte Zeit in den sanierungsbedürftigen Unternehmen tätig. Wie lange wollen Sie bei Leoni bleiben?
    Ziems: Üblicherweise sind wir bis zu zwei Jahre in einem Unternehmen. Wir bleiben, bis wir das Gefühl haben, dass unsere Tätigkeit nicht mehr nötig ist. Im Fall von Leoni heißt das, dass wir sicher noch ein Jahr hier sein werden. Dann sind wir hoffentlich überflüssig und schaffen uns praktisch selbst wieder ab.

    Und dann? Reizt es Sie vielleicht noch einmal auf Dauer, einen Vorstandsvorsitz zu übernehmen?
    Ziems: Ganz sicher nicht. Das hatte ich schon zu Beginn meiner Karriere. Das brauche ich nicht noch einmal.

    Herr Kamper, Herr Ziems, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: So kommen Unternehmen an Staatshilfe.

    Startseite
    Mehr zu: Autozulieferer - Leoni-Sanierer nach Rettung: „Hauptproblem war zu schnelles Wachstum“
    0 Kommentare zu "Autozulieferer: Leoni-Sanierer nach Rettung: „Hauptproblem war zu schnelles Wachstum“ "

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%