Europa-Park Rust: Achterbahn und blauer Hummer
Holzachterbahn Wodan im Europapark in Rust: Die Vorspeise gleich nebenan kostet 49 Euro.
Foto: dpaRust. Die Vorspeise aus blauem Hummer, Petersilienpolenta, Avocado und Kopfsalat steht auf der Speisekarte des „Ammolite“ ganz oben. Für 49 Euro. Vor wenigen Wochen bekam Küchenchef Peter Hagen den zweiten Michelin-Stern für sein Spitzenrestaurant im Europa-Park in Rust.
Nobelgastronomie und Achterbahn? Zwei Michelin-Sterne neben Karussells? Eine Kombination, die es sonst nirgendwo auf der Welt gibt. Doch es ist kein Zufall, dass Deutschlands größter Freizeitpark auch um Gourmets buhlt. „Wir wollen Zielgruppen ansprechen, die für uns sonst nicht zu erreichen sind“, sagt Thomas Mack, Sohn von Patriarch Roland Mack und als Diplom-Hotelier für Kost und Logis zuständig.
An warmen Tagen im Sommer rangeln die Gäste regelrecht um die Plätze in den Shows und Fahrgeschäften des Europa-Parks. An Attraktionen wie dem „Blue Fire Megacoaster“ stehen sich Adrenalinsüchtige schon mal eine Stunde die Beine in der Warteschlange in den Bauch. Dafür katapultiert sie die Achterbahn anschließend in zweieinhalb Sekunden von null auf hundert.
Ein paar Hundert Meter weiter im „Ammolite“ ist von der hektischen Betriebsamkeit nichts zu spüren. Dunkler Teppichboden, hauchzarte Gardinen, lediglich 36 Plätze. Das Restaurant liegt im Erdgeschoss eines Leuchtturms am Rande des Vier-Sterne-Superior-Hotels „Bell Rock“, einer edlen Herberge im Neuengland-Stil. Über dem Lokal Suiten, eine pro Stockwerk, die teuerste zu 1000 Euro die Nacht. Eine Besichtigung ist leider nicht möglich, die Gemächer sind gebucht, und das gleich für drei Tage. Die Macks, so die Botschaft, sie können also auch Luxus.
Freut sich auch über Kunden, die nicht Achterbahn fahren wollen.
Foto: PRDoch das Sternerestaurant ist kein Hobby verwöhnter Millionäre, es steckt nüchternes geschäftliches Kalkül dahinter. „Wir freuen uns über diese Kunden, auch wenn sie nicht Achterbahn fahren“, sagt Thomas Mack. „Wir erreichen so Leute, die etwas zu sagen haben, Manager oder Unternehmer. Wenn die mal sehen, was der Europa-Park so bietet, entscheiden sie sich vielleicht, den nächsten Kongress oder die anstehende Firmenveranstaltung bei uns zu machen“, erklärt der 34-Jährige. Aus dem gleichen Grund baut der Europa-Park auch seine Kooperation mit dem angrenzenden Golfklub aus.
In diesem Sommer feiert der familiengeführte Park mit angeschlossener Hotelstadt und eigenem Achterbahnbau den 40. Geburtstag. Aus einem bescheidenen Märchenland haben die Macks seit den 70er-Jahren eine Gruppe mit über 300 Millionen Euro Umsatz geformt. Detaillierte Angaben macht die Familie nicht, doch ihr Betrieb muss profitabel sein, denn Jahr für Jahr entsteht etwas Neues. Zuletzt war es das Nobellokal. Darüber hinaus ist der nächste große Schritt schon geplant: Kommendes Jahr rücken die Bagger an, zwei Jahre später soll ein riesiges Spaßbad die Tore öffnen. Baukosten: rund 100 Millionen Euro.
Selbstverständlich sind schwarze Zahlen in der Branche nicht, das Disneyland in Paris zeigt das seit Jahren. In den ersten sechs Monaten des Geschäftsjahrs, also bis Ende März, haben die Franzosen einen Verlust von 119 Millionen Euro eingefahren. Immerhin, das sind 17 Millionen weniger als vergangenes Jahr.
Insgesamt gibt es gut 300 Freizeitparks in Europa, die dem Branchenverband IAAPA zufolge jährlich 150 Millionen Tickets verkaufen. Etwa 550 Millionen Euro haben die Betreiber für neue Attraktionen dieses Jahr ausgegeben, schätzt die Industrievereinigung. „Um die Gäste Jahr für Jahr wieder anzulocken, und um neue zu gewinnen, investieren die Parks kontinuierlich“, betont IAAPA-Europachefin Karen Stanley.
Im Vergleich zu Achterbahnen, die einen zweistelligen Millionenbetrag verschlingen, war das „Ammolite“ ein Schnäppchen. Senior Roland Mack war trotzdem nicht sofort von der Idee der Sterne-Gastronomie begeistert – wohl wissend, dass viele Spitzenköche zwar hervorragend mit dem Kochlöffel umgehen können, aber unterm Strich häufig rote Zahlen dabei herauskommen.
Michelin-Sterne bekommen Köche nur, wenn sie die besten Zutaten verwenden und auch mit Personal nicht geizen. Doch Sohn Thomas ließ nicht locker und schließlich willigte die Familie ein, über eine Million Euro in das Projekt zu stecken. Zumindest operativ soll das „Ammolite“ in zwei bis drei Jahren schwarze Zahlen schreiben, hofft Senior Mack. Inzwischen ist der Unternehmer beruhigt, das Geld sei gut angelegt. „Dass wir hier ein Sterne-Lokal haben, strahlt auch auf unsere anderen Angebote ab“, betont Sohn Thomas.
Ob brasilianische Fleischspieße, Holzofenpizza, Meeresfrüchte, im Thermoschrank gereiftes Angusrind oder Sushi, den Besuchern des Parks werden fast alle Wünsche erfüllt. Wer sich nicht für eines der fünf Hotels entscheiden kann, der kann jeden Tag das Zimmer wechseln. Die Koffer trägt das Personal.
Die Macks sind risikobereit, und bislang lagen sie meistens richtig. Eine der wichtigsten Entscheidungen war vor 20 Jahren der Bau des ersten Hotels und damit der Einstieg ins Kongressgeschäft. Damals war es Roland Mack, der mit seinem Vater Franz um das Geld ringen musste. Doch die Argumente des Filius setzten sich durch. Die Hotels seien nötig, um Besucher zu längeren Aufenthalten zu bewegen und gleichzeitig auch mit begrenztem Angebot im Winter und bei schlechtem Wetter den Betrieb am Laufen zu halten.
Das Konzept ging auf, heute liegt die Auslastung der Herbergen bei über 90 Prozent. Der Park bietet 5000 Betten, ein Viertel der Besucher bleibt über Nacht. Die Macks sind stolz auf ihren zweiten Stern, die Kernklientel aber wollen sie nicht aus den Augen verlieren. „Egal ob Luxus oder nicht, Champagner oder Selters. Wir möchten ein Angebot für die Familie bleiben. Der Freizeitpark bleibt das Herz“, sagt Roland Mack.
Das Dessert im „Ammolite“ ist denn auch eher bodenständig: Schwarzwälder Kirschtorte.