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Hauser & Wirth Wie es dem Galeristen Iwan Wirth gelingt, ein Lifestyle-Imperium aufzubauen

Der einflussreiche Kunsthändler hat ein Unternehmen gebaut, das auch Hotels und Restaurants betreibt. Und der ehrgeizige Unternehmer expandiert weiter.
29.08.2020 - 15:56 Uhr Kommentieren
Den Garten in Somerset hat der Landschaftsgärtner Piet Oudolf kunstvoll angelegt. Quelle: Hauser & Wirth
Durslade Farm

Den Garten in Somerset hat der Landschaftsgärtner Piet Oudolf kunstvoll angelegt.

(Foto: Hauser & Wirth)

Düsseldorf „Wir sind eine Familie“, sagt Iwan Wirth in einem Videointerview in Hongkong, als er dort eine weitere Filiale in seinem weltumspannenden Galeriennetz eröffnet. In gemütlichem Englisch zählt der vierfache Familienvater aus der Schweiz ganz selbstverständlich die 55 Künstlerinnen und Künstler, die er vertritt, zur Familie. Und dazu noch seine Mitarbeiter, immerhin fast 300.

Der 50-Jährige ist einer der größten und einflussreichsten Galeristen weltweit. Die Galerie hat reihenweise angesagte Künstlerinnen und Künstler unter Vertrag: Pipilotti Rist und Annie Leibovitz, Jorge Condo, Mark Bradford und Zeng Fanzhi. Bei einschlägigen Kunstrankings liegen Iwan Wirth und seine Ehefrau Manuela stets weit vorn.

Der Umsatz einer Megagalerie dieser Größe dürfte in normalen Halbjahren im neunstelligen Bereich und darüber liegen. Geld kommt nicht nur durch die verkauften Werke lebender Künstlerinnen und Künstler herein. Auch mit Künstlernachlässen lässt sich, wenn sie richtig gemanagt werden, gutes Geld machen. 35 Nachlässe listet die Großgalerie auf ihrer Homepage auf. „Heute ist Hauser & Wirth Marktführer für Künstlernachlassvertretungen,“ betont der Firmengründer.

Doch selbst für solche Großunternehmer im Kunstgeschäft sind die Zeiten aktuell alles andere als normal. Auch wenn es während des Corona-bedingten Lockdowns vereinzelt Verkäufe gab, ist das große Geschäft doch 2020 in der ganzen Branche eingebrochen. Nicht zuletzt, weil die umsatzstarken Messen nur digital stattfanden.

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    Doch Iwan Wirth kämpft, von Einbußen oder gar Bankkrediten will er nichts wissen. Im Interview mit dem Handelsblatt berichtet er vielmehr: „Hauser & Wirth ist als Familienunternehmen solide und konservativ finanziert und hat die Situation gut gemeistert.“ Und unterstreicht umgehend seine finanzielle Schlagkraft: „Wir sind deswegen in der glücklichen Lage, auch Kaufgelegenheiten – sollten sie sich ergeben – rasch zu nutzen.“

    Statt zu entlassen hat Wirth Stellen geschaffen und in die Digitalisierung investiert. Das Ergebnis sind bislang 20 Onlineausstellungen, anspruchsvoller als die uninspirierten Viewing Rooms der Art Basel, sagen Kenner. Das Resultat: „Wir haben Ende März den Webseitenverkehr verdoppeln können und verzeichnen 80 Prozent neue Besucher. Rund 25 Prozent der Onlineverkäufe gehen an neue Sammler.“ Wirths Antrieb: „Leidenschaft und Begeisterung für die Kunst, die Künstler – und mein unbedingter Wunsch Unternehmer zu sein.“

    Aus einer Galerie hat Wirth ein Imperium im Kunstmarkt geschaffen, dessen Geschäfte weit über den reinen Verkauf von Kunst hinausgehen. Die Firma Hauser & Wirth betreibt Galerien an zehn Standorten in den USA, in Europa und Asien, abgerundet durch ein Verlagshaus und die Durslade Farm für Kunst und Biogemüse.

    „Die Verbindung zur lokalen, sozialen und kulturellen Situation ist für uns Teil unserer DNA geworden.“ Quelle: Hauser & Wirth / Amelia Troubridge
    Kunsthändler Iwan Wirth

    „Die Verbindung zur lokalen, sozialen und kulturellen Situation ist für uns Teil unserer DNA geworden.“

    (Foto: Hauser & Wirth / Amelia Troubridge)

    In der englischen Grafschaft Somerset kann sich einerseits das lokale Publikum über Kunst informieren. Anderseits laden Ateliers die Künstler der Galerie zu produktiven Aufenthalten ein. Und zahlungskräftige Besucher können dort Kunst kaufen und im Ambiente einer liebevoll restaurierten alten Farm und eines kunstvoll angelegten Gartens des Parkdesigners Piet Oudolf übernachten.

    Beziehungen gestalten zu Sammlern

    Wer Kunst im großen Stil an die potentesten Sammler unserer Zeit verkaufen möchte, muss enge persönliche Beziehung zu ihnen pflegen. Manuela und Iwan Wirth pflegen ihre Sammler-Beziehungen längst nicht nur mit ihrem legendären Art-Basel-Dinner im Hotel Trois Rois. Sie eröffnen einen außergewöhnlichen Ort nach dem anderen: Das Fünf-Sterne-Hotel The Fife Arms in Schottland oder die Restaurants an ihren Ausstellungsorten in Somerset und Los Angeles.

    Für Wirth sind diese Unternehmungen eine wichtige Abrundung des Geschäfts: „Sie ersetzen nicht die traditionelle Rolle der Galerie. Aber in einem bestimmten Kontext sind sie wichtige Katalysatoren.“ Er begeistert mit diesen besonderen Orten nicht nur seine Sammler und Künstler. Auch die Allgemeinheit profitiert davon, das ist ihm wichtig zu betonen.

    Dass Hauser & Wirth Kunst und Landschaft so zu verbinden wissen, dass ein unwiderstehlicher Mehrwert entsteht, haben sie schon mit ihrer Kunstfarm in Somerset bewiesen. „Dort haben750.000 Besucher seit 2015 unsere zeitgenössischen Ausstellungen besucht. Das ist mehr als in unseren Galerien Zürich und London mit doppelt so vielen Ausstellungen zusammen,“ berichtet der Schweizer, der seit 2005 in Großbritannien lebt.

    Insel als Hotspot

    Die neueste Erweiterung des Konzepts vom kunstvoll schönen Leben entsteht gerade auf Menorca. Im Unesco-Biosphärenreservat der Isla del Rey direkt vor der Inselhauptstadt Mahon wird das riesige historische Militärkrankenhaus restauriert. Corona-bedingt mussten die Arbeiten zwar monatelang ruhen.

    Doch die Eröffnung ist immer noch für 2021 geplant. Vermögende Sammler werden dann mit Motor- oder Segeljachten auf dem Eiland in der Hafeneinfahrt anlanden. Voller Leidenschaft für die Kunst und seine Projekte, bemüht Wirth große Worte: „Die Isla del Rey ist ein besonderer Ort, an dem sich die wesentlichen Dinge des Lebens, ‚utopisch‘ verbinden – insbesondere in diesen Zeiten: Hoffnung und Inspiration.“

    Wirth ist ein Ausnahmetalent als Kunsthändler, das hat er schon bei seinem Debut unter Beweis gestellt. Bereits mit 16 Jahren gründete er in Oberuzwil, seinem Heimatdorf bei St. Gallen, die erste Galerie. Und präsentierte gediegene Schweizer Künstler, die seine Eltern oder Großeltern hätten sein können. Geöffnet war die Galerie nur zweimal die Woche, der Chef war ja noch Schüler. Insider nannten den großgewachsenen Jungen „de Chlii“, der Kleine.

    Malen vor Bharti Khers Bild „A Wonderful Anarchy“. Quelle: VG-Bildkunst/ Bonn 2020 / Bharti Kher / Hauser & Wirth
    Familiensonntag auf der Durslade Farm

    Malen vor Bharti Khers Bild „A Wonderful Anarchy“.

    (Foto: VG-Bildkunst/ Bonn 2020 / Bharti Kher / Hauser & Wirth )

    Und der Kleine hat auch Glück. Denn nicht weit von Oberuzwil leistet sich eine Geschäftsfrau das Vergnügen, hobbymäßig auch eine Galerie zu betreiben. Ursula Hauser ist eine Generation älter und hatte die Elektrogroßhandlung „Dipl. Ing. Fust“ mit ihrem Mann Albert Hauser und ihrem Bruder Walter Fust aufgebaut.

    Als ihr Ehemann 1973 im Alter von 37 Jahren verstarb, blieb die Witwe im Geschäft. Als Hauptaktionärin der 2007 für rund 800 Millionen Dollar an die Coop Gruppe verkauften Firma, verfügt sie seit den späten 1980er-Jahren über ein beträchtliches Vermögen. Das schreibt Michael Shnayerson in seinem Buch „Boom“.

    In den späten 1980er-Jahren macht Ursula Hauser den jungen Iwan Wirth zum Berater für ihre Privatsammlung. Die Kunstfreundin lässt von den außerhalb der Alpenrepublik nicht sehr bekannten älteren Schweizer Künstlern ab und folgt dem sicheren Instinkt von Wirth.

    Die Sammlerin agiert als Bank

    Der Sohn eines Architekten überzeugt seine beste Kundin 1992 davon, gemeinsam mit ihrer Tochter Manuela und ihm eine Galerie in Zürich zu gründen. „In seinem Alter [da war er 22] konnte er nichts vorweisen und hatte keine Bank. Ich habe das gemeinsame Projekt finanziell unterstützt,“ schreibt Ursula Hauser in dem Gesprächsband „Der innere Spiegel“. Die wohlhabende Geschäftspartnerin „war aber immer darauf bedacht, dass auch etwas reinkommt und nicht nur rausgeht“ bei den hochfliegenden Plänen von Wirth.

    Der flog zum Beispiel erster Klasse. Als sie das monierte, entgegnete er: „Unsere Kunden sitzen nicht in Economy.“ Er soll in der First Class tatsächlich einen seiner Sammler kennen gelernt haben.
    Wirth war immer Händler im Secondary Market, wo er etablierte Künstler Sammlern ab- und dann weiterverkauft und zugleich Galerist im Primery Market, wo er zeitgenössische Kunst atelierfrisch zum ersten Mal verkauft. Diese Mischung war in den USA nicht ungewöhnlich. In den Neunzigerjahren stieß das Mitbewerbern in Europa auf.

    Killerinstinkt beim Fliegenfischen

    Die Gabe, Gelegenheiten zu erkennen und sie zu ergreifen, soll ihn selbst beim Fliegenfischen leiten. Er habe da einen Killerinstinkt, sagt ein Freund aus Kindertagen.

    Ein Profil als Galerie für zeitgenössische Kunst begann die Galerie Hauser & Wirth ab 1996 zu entwickeln. Da zieht sie in das Areal „Löwenbräu“ in Zürich, das sich zu einem vibrierenden Zentrum für aktuelle Kunst entwickeln sollte. 1996 heiratet Wirth Manuela Hauser. Sie ist in das Familienunternehmen nicht nur finanziell involviert – sie zieht die Strippen im Hintergrund.

    „Die hervorragende Zusammenarbeit mit seiner Frau und seiner Schwiegermutter bildete einen sicheren Background für die ersten Jahre,“ sagt Konrad O. Bernheimer dem Handelsblatt. Der Altmeisterhändler kennt Wirth aus seiner aktiven Zeit, als Bernheimer Galerien in London und München führte. „Wirth ist nicht nur tüchtig. Er hat ein sehr gutes Auge und denkt in großen Zusammenhängen.“

    Seinen Aufstieg vom zunächst von der Konkurrenz beargwöhnten Selfmade-Galeristen mit einer zahlungskräftigen Sammlerin hinter sich zum Präsidenten einer Standards setzenden Megagalerie erklärt Wirth so: „Ich hatte gar nie ein Bedürfnis, das „Private“ vom „Geschäftlichen‘ zu trennen.“ Der Mann, der immer den Künstlern den großen Auftritt überlässt, ergänzt professionell bescheiden: „Dass ich meine Kunstbegeisterung mit meinem intuitiven Interesse fürs Unternehmertum auf idealste Weise kombinieren kann – seit 1992 gemeinsam mit meiner Frau Manuela – ist vielleicht das größte Privileg.“

    Die Galerien und ästhetisch anspruchsvollen Ausflugsziele von Hauser & Wirth verteilen sich mittlerweile auf drei Kontinente. „Wir verfügen über Tochtergesellschaften in allen Ländern, wo wir mit Galerien oder Ausstellungsräumen aktiv sind,“ erklärt Iwan Wirth. Seine Frau, er selbst und der Weggefährte Marc Payot nehmen die Präsidentenposten ein. Acht Partner führen das Tagesgeschäft rund um den Globus.

    Doch trotz aller Professionalität soll Hauser & Wirth eine große Familie bleiben. So wie sich bei Iwan und Manuela Wirth Leben und Arbeit durchdringen, tut es das auch bei den Mitarbeitern im Familienunternehmen. „Jedes Jahr feiern wir zahlreich 10-, 15- und 20-Jahre-Jubiläen einzelner loyaler Mitarbeiter“, freut sich Iwan Wirth. „Viele der Kolleginnen und Kollegen haben sogar innerhalb der Galerie geheiratet und eine Familie gegründet.“

    Mehr: Iwan Wirth: „Ich trenne das Private nicht vom Geschäftlichen“

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