Interview: Fränkischer Unternehmer Martin Pos: „Keine Lust auf vier Wochen Quarantäne“
Der Franke besucht seine Mitarbeiter zuletzt 2019 in China.
Foto: GoodbabyMünchen. Der fränkische Unternehmer Martin Pos führt den an der Börse von Hongkong notierten Konzern Goodbaby – und zwar aus mehreren Tausend Kilometer Entfernung aus Europa. Drei Jahre war er nicht mehr in Hongkong, Peking oder dem größten Werk des Kinder- und Babyausstatters in der Nähe von Schanghai. Aus der Ferne zu führen funktioniere problemlos, meint Pos. Trotzdem sei es kein Dauerzustand.
2016 übernahm der 52-Jährige den Chefposten von Goodbaby mit seinen mehr als 10.000 Mitarbeitern. Zuvor hatte der gebürtige Tscheche den von ihm gegründeten und in Bayreuth ansässigen Kinderwagen- und Babysitzhersteller Cybex in den Konzern eingebracht. Die Familie von Goodbaby-Gründer Zhenghuan Song hält gut 46 Prozent der Anteile, Pos etwa vier Prozent der Aktien. Auch amerikanische Investoren wie Fidelity gehören zu den Anteilseignern.
Die Pandemie war für den in Österreich aufgewachsenen Entrepreneur eine deutlich größere Herausforderung als für die meisten anderen CEOs weltweit. Denn auf einmal war Pos, der viel Zeit in Bayreuth verbringt, der Zugang zur Konzernzentrale in Schanghai und den Werken in China verwehrt.
Schlimmer noch sei aber, dass sich seine Leute im permanenten Krisenmodus befänden und sich Abnutzungserscheinungen zeigten, klagt Pos. Die Lockdowns in Schanghai und die Unsicherheit über die wirtschaftlichen Umstände würden den Menschen zusetzen. Der Unternehmer macht sich auch Sorgen um die Zukunftsfähigkeit seiner Firma.
Denn die besten Ideen kämen den Leuten, wenn sie zusammensäßen – und nicht im Homeoffice.
Lesen Sie hier das gesamte Interview mit dem Goodbaby-Chef:
Herr Pos, Sie führen einen chinesischen Konzern von Bayreuth aus. Das ist schon in normalen Zeiten ungewöhnlich. Angesichts der Coronapandemie hört sich das geradezu abenteuerlich an, finden Sie nicht?
Überhaupt nicht. Wir sind es bei Goodbaby gewohnt, dezentral zu arbeiten, unsere Organisation ist darauf ausgerichtet.
China hat sich seit Beginn der Pandemie fast vollständig vom Rest der Welt abgeschottet. Wann waren Sie zum letzten Mal vor Ort in der Zentrale in Schanghai?
Das war im Februar vor drei Jahren, zum chinesischen Neujahrsfest. Seitdem bin ich nicht mehr hingeflogen, weil ich keine Lust habe, mich vier Wochen in Quarantäne zu begeben. Früher bin ich alle drei Monate dorthin gereist.
Haben Sie denn nie daran gedacht, nach Schanghai zu ziehen?
Nein, das wäre nicht sinnvoll. Den größten Mehrwert kann ich von Bayreuth aus bieten. Sehen Sie, bei Goodbaby haben sich zwei Entrepreneure zusammengetan: Chairman Song
… der Gründer des Baby- und Kinderausstatters Goodbaby und Großaktionär …
… lebt in Schanghai. Ich bin auch Gesellschafter und wohne in Europa, wo wir mit Cybex einen wichtigen Standort haben. Da kann jeder die Leute vor Ort unterstützen. Ich sitze zudem in der Mitte zwischen Asien und Amerika, das ist ideal.
Der persönliche Kontakt ging Ihnen in der langen Zeit gar nicht ab?
Doch, natürlich. Ich bin sicher einer der wenigen CEOs in Asien, die regelmäßig durch die Produktion gehen. Das ist dort nicht Usus. Mein erster Weg in China führte immer in die Fabrik und nicht zu den Board-Kollegen. Wir beschäftigen immerhin 10.000 Mitarbeiter in den Werken in China. Da habe ich mit den Menschen an der Stanzmaschine oder in der Näherei geredet. Ich bin fest überzeugt, dass es die Leute stolz macht, wenn der Chef bei ihnen vorbeischaut.
Logistik als Albtraum für Goodbaby
Ihnen fehlt also der Kontakt zur Basis?
So ist es. Ich klopfe den Leuten gerne auf die Schulter, wenn ich durch die Hallen laufe. Ich höre da aber auch ganz gerne zu. Dass ich auf all das verzichten muss, ist nicht gut, aber nicht dramatisch. Viel schlimmer sind momentan die Probleme der Lieferketten.
Sein erster Weg bei einer China-Reise führt nicht zum Vorstand – sondern in die Fabrik.
Foto: GoodbabyWas sorgt Sie am meisten?
Die Logistik ist ein Albtraum. Die Containerpreise haben sich fast verzehnfacht. Und die Transportzeiten haben sich verdoppelt. Wir haben dadurch einen Monatsbedarf an Ware mehr als noch vor zwei, drei Jahren auf dem Wasser. Das ist eine riesige Belastung für den Cashflow.
Sie hören sich genervt an.
Ja, denn wir können kaum noch seriös planen. Wenn es wieder zu Lockdowns in Schanghai kommt, dann geht das Theater von vorne los. Es ist einfach völlig unkalkulierbar, wann die Waren verfügbar sind. Aber das Problem haben natürlich nicht nur wir, darunter leidet die ganze Welt.
Als Corona gerade beherrschbar erschien, begann der Ukrainekrieg. Für Sie der nächste Schlag in den Nacken?
Ja klar. Wir waren hoffnungsfroh, denn die Auftragslage ist super. Doch als der Verrückte in Moskau ausgerastet ist, kamen die Lieferketten wieder durcheinander. Wir haben sehr viel von China aus über die Schiene durch Russland transportiert.
Die Zugverbindung von China nach Mitteleuropa galt als zukunftsträchtig, oder?
Richtig, die Züge waren eine gute Alternative. Erstens sind die nachhaltig. Und zweitens zehn Tage schneller als die Schiffe. Etwa zehn Prozent unserer Ware kam darüber nach Europa. Natürlich schickt jetzt kein Mensch mehr etwas über Russland. Das verschärft die Lage, denn dadurch sind die Kapazitäten auf den Frachtern noch knapper. Inzwischen funktioniert es einigermaßen in China. Dafür stapeln sich Containerriesen vor den Häfen von Rotterdam oder Hamburg. Das ist wie ein Stau auf der Autobahn. Man kommt sehr schnell rein, aber es dauert, bis er sich auflöst.
Können Sie verlässlich liefern?
Wir haben einen rekordhohen Auftragsbestand, können aber 20 bis 30 Prozent des Bedarfs nicht decken. Das wird sich im August und September hoffentlich ändern.
2000 Leute haben sich freiwillig eingeschlossen
Wie schlimm trafen Sie denn die harschen Covid-Maßnahmen in Schanghai?
Sieben unserer neun Werke weltweit stehen in China. Die Ware wird über Schanghai verschifft, da hatten wir vier Wochen lang eine extrem verschärfte Situation. Wir haben zum Teil weiter produziert, aber nichts rausbekommen – wie viele andere auch. Jetzt läuft es wieder. Aber mal schauen, was morgen passiert.
Wie war die Lage in Ihrem Werk in Schanghai während des Lockdowns?
Da waren bei uns wochenlang 2000 Menschen permanent auf dem Fabrikgelände. Die haben sich da freiwillig eingeschlossen und produziert – nur konnten wir die Sachen eben nicht verschicken.
Hatten Sie Kontakt mit den Leuten vor Ort?
Ich habe jeden Tag zum Teil mehrfach mit denen gesprochen. Zumindest psychischen Beistand konnte ich leisten.
Hat Sie der lange Lockdown überrascht?
Wir hatten schon damit gerechnet, dass es einige Lockdowns in China geben wird. Dass der Staat seine Null-Covid-Politik so knallhart durchzieht, das hat aber keiner bei uns kommen sehen.
Die nächste Abreibung kommt bestimmt
Ist das Schlimmste jetzt vorüber?
Wer weiß das schon. Wir betreiben jetzt seit drei Jahren ein dauerhaftes Krisenmanagement. Unsere Leute, die sich um die vielen Brandherde kümmern, sind im permanenten Stress. Da sind die Verschleißerscheinungen inzwischen deutlich spürbar. Mich bedrückt vor allem die psychische Belastung.
Das hört sich nicht sonderlich optimistisch an.
Wir hatten neulich unser Board-Meeting und da habe ich den Leuten gesagt: Morgen kommt die nächste Watschn, stellt euch darauf ein.
Der Westen und China scheinen sich immer mehr voneinander zu entfernen. Wie nehmen Sie das wahr?
Ganz ehrlich: Ich habe mit Politik nicht viel am Hut. Vielmehr glaube ich an die Vernunft der Menschen – auch wenn ich mich bei Putin damit kräftig getäuscht habe.
Ihr Unternehmen ist doch wie jedes andere von den politischen Rahmenbedingungen abhängig!
Natürlich, aber wir stehen nicht so im Fokus wie andere Branchen. Sicher, es gab die Strafzölle unter Präsident Trump. Da wurden Babyartikel indes schnell ausgenommen. Selbst der verrückteste Politiker weiß, dass man die Familien nicht antasten darf. Daher sind wir von politischen Einflüssen weitgehend frei.
Wirklich? China greift doch gerade ganz massiv in die Wirtschaft ein.
Unsere Werke in China werden von den lokalen Behörden unterstützt, denn niemand vor Ort kann Arbeitslosigkeit brauchen – und die Steuerzahlungen sind auch wichtig. Inzwischen sehen wir auch, dass die Quarantänezeiten deutlich heruntergefahren werden.
Fürchten Sie nicht, dass Ihr Geschäft zusammenbricht, wenn die USA und China sich weiter entzweien?
Wir haben eine globale Lieferkette, es kommt ja nicht alles aus China. Wir fertigen in den USA, in Ohio, und in Mexiko. Wir werden zudem weiter diversifizieren. Es geht darum, politische Risiken und Währungsschwankungen zu begrenzen.
Das nächste Werk müsste dann in Europa entstehen, oder?
Wenn man eine globale Lieferkette haben will, liegt eine Fabrik in Europa nahe. Ich möchte aber mit Blick auf die Wettbewerber noch nicht darüber reden. In jedem Fall ist unsere deutsche Marke Cybex jetzt mit einem Umsatz von einer halben Milliarde Dollar groß genug, um eine Produktion in der Region zu rechtfertigen.
Die Preise schon dreimal erhöht
Rohstoffe und Energie werden massiv teurer. Was kommt jetzt auf die Eltern zu, wenn sie neue Kinderwagen und Babysitze kaufen?
Wir haben die Preise in den letzten zwei Jahren schon dreimal erhöht. Jetzt müssten wir sie im Grunde wieder steigern. Wir versuchen aber erst mal, die Preise stabil zu halten und dadurch Marktanteile zu gewinnen. Unsere Profitabilität leidet momentan, ganz klar.
Um wie viel wäre es eigentlich nötig, die Preise zu erhöhen?
Unsere Käufer sind junge Eltern, die haben eine Familie zu ernähren. Für die haben wir eine Verantwortung. Daher suchen wir als Weltmarktführer erst mal nach cleveren Lösungen, wie wir sparsamer wirtschaften können. Mit pfiffigen Lösungen, etwa bei der Verpackung. Aber klar, wir werden um Preissteigerungen auf Sicht nicht herumkommen. Denn wir benötigen viel Kunststoff, Stahl und Aluminium. Natürlich wirken sich auch die Strompreise aus.
Immerhin dürften Sie vom Chipmangel weniger betroffen sein, oder?
Na ja, Sie haben bestimmt von unserem „Anoris“ gehört, dem ersten Babysitz mit Airbag. Das ist der sicherste Sitz aller Zeiten. Da sind natürlich Chips drin, genauso wie in unseren elektrisch angetriebenen Kinderwagen. Aber da haben wir uns gut eingedeckt.
Kaufen die Menschen denn in derart turbulenten Zeiten einen Kindersitz für 750 Euro?
Wir sehen einen massiven Anstieg des Interesses, vor allem seit dem jüngsten Test des ADAC. Da wurde der „Anoris“ so gut bewertet wie kein anderer Babysitz jemals zuvor. Das war nur möglich durch den Airbag.
„Ich hasse das Homeoffce“
Der Babysitz mit Airbag war ein Projekt, an dem Sie über ein Jahrzehnt getüftelt haben. Was folgt als Nächstes?
Im Ernst: Wir werden in eine Richtung gehen, an die keiner denkt. Wir wollen unberechenbar bleiben und die Leute überraschen. Das ist meine Philosophie. Dazu müssen wir aber endlich wieder alle zusammenkommen. Ich bin ein Verfechter des sozialen Miteinanders und glaube an spontane soziale Kreativität.
Was meinen Sie damit?
Ich hasse das Homeoffice. Denn man kann geniale Momente nicht planen. Vielmehr muss man Möglichkeiten schaffen, um Ideen zu besprechen. Wir waren früher viel agiler, da haben wir abends oft nach ein, zwei Flaschen Wein noch gute Gedanken entwickelt. So kam auch der Babysitz mit Airbag zustande. Noch mehr als das Homeoffice hasse ich es aber, zu jammern. Die Lage ist jetzt, wie sie ist.
Planen Sie denn inzwischen, wieder einmal nach China zu reisen?
Ja, es wird bald losgehen. Nun sind nur noch ein paar Tage in Quarantäne gefordert. Das halte ich schon aus.
Herr Pos, vielen Dank für das Gespräch.
Erstpublikation: 30.07.22, 10:07 Uhr.