Medizintechnikunternehmen: Mit Disziplin gegen Corona – so will sich B.Braun aufstellen
Die Vorstandschefin des Medizinprodukteherstellers B.Braun kommt aus der sechsten Generation der Gründerfamilie.
Foto: B. Braun Melsungen AGFrankfurt. Schutzausrüstungen, Desinfektionsmittel, Infusionspumpen – die Produkte des Medizintechnikkonzerns B.Braun sind in Zeiten der Coronakrise sehr gefragt. Und so versucht Firmenchefin Anna Maria Braun, die Produktionen so weit wie möglich hochzufahren.
Am Standort in der Schweiz etwa werden jetzt 20 Prozent mehr Desinfektionsmittel hergestellt, auch die Kapazitäten bei OP- und Untersuchungshandschuhen wurden erhöht. Und im Berliner Werk werden mit Hochdruck Narkosemittel und weitere Produkte für die Intensivmedizin hergestellt, um die Covid-Zentren in Deutschland zu versorgen.
Und doch ist sich die B.Braun-Vorstandschefin derzeit nicht sicher, ob die Coronakrise dem Unternehmen nun Wachstum bringen wird oder am Ende doch die Belastungen, etwa durch unterbrochene Lieferketten, überwiegen werden. Was sie allerdings sagen kann, ist, dass sie sich für den wirtschaftlichen Erfolg des Familienunternehmens, das sie seit einem Jahr führt, stark einsetzen wird. „Ich fühle mich voller Kraft und Energie, das Unternehmen mit meinen Kollegen in der nächsten Dekade erfolgreich weiterzuentwickeln“, so die 40-Jährige.
Weltweit agierendes Unternehmen
Die studierte Juristin ist das erste Mitglied der sechsten Familiengeneration an der Spitze des Unternehmens, das 1839 als Apotheke im hessischen Melsungen gegründet wurde. Ihr Vater Ludwig Georg Braun, der B.Braun von 1977 bis 2011 geführt hatte, hat das Unternehmen zu einem weltweit agierenden Milliardenunternehmen aufgebaut. Knapp 64.600 Mitarbeiter arbeiten heute für die Aktiengesellschaft, die komplett in Familienbesitz ist und auch bleiben soll.
Ihr erstes Jahr an der Spitze des Familienunternehmens B.Braun hatte auch gleich einige Herausforderungen für die Unternehmerin parat. In den USA wurden neue Produktionsstätten hochgefahren, das Werk im kalifornischen Irvine musste nach Beanstandungen der Aufsichtsbehörde FDA aufgerüstet werden, zudem fordern die steigenden regulatorischen Anforderungen auch im Zusammenhang mit der neuen europäischen Medizinprodukterichtlinie das Unternehmen heraus – die Produktionskosten steigen.
„Meine persönliche Bilanz ist so wie die Bilanz für das Unternehmen: Er war ein erfolgreiches Jahr, aber auch anspruchsvoll“, sagt sie. Es sei ein Privileg, in einem Unternehmen zu arbeiten, dessen Produkte die Gesundheit von Menschen auf der ganzen Welt schützen und verbessern.
Welche Verantwortung das sei, zeige sich ganz besonders jetzt, sagt sie mit Blick auf die Coronakrise. „Ich übernehme diese Verantwortung gerne.“
Braun arbeitet seit bald zehn Jahren in verschiedenen Positionen im Unternehmen, die meiste Zeit davon in Asien, in der Niederlassung in Penang in Malaysia. Seit 2016 ist sie im Vorstand für die Region Asien-Pazifik verantwortlich. Im vergangenen Jahr löste sie den familienfremden Manager Heinz-Walter Große ab, der das Unternehmen seit 2011 als Vorstandschef geleitet hatte.
B.Braun hat ein breites Produktportfolio, das von Infusionslösungen über Produkte zur Wundbehandlung bis hin zu chirurgischen Instrumenten und künstlichen Gelenken sowie Dialysemaschinen reicht. Im vergangenen Jahr steigerte das Unternehmen seinen Umsatz um 8,2 Prozent auf 7,47 Milliarden Euro.
Damit liegt B.Braun über der jährlichen Wachstumsrate der weltweiten Industrie, die von der Firma Evaluate mit rund sechs Prozent beziffert wird. Der Gewinn vor Steuern und Abschreibungen (Ebitda) erhöhte sich um 13,3 Prozent auf 1,08 Milliarden Euro.
Vor allem wegen einer Wertberichtigung der Beteiligung am fränkischen Klinik-Betreiber Rhön-Klinikum in Höhe von 91,2 Millionen Euro sanken aber der operative Gewinn und auch der Konzernjahresüberschuss stark. Unter dem Strich bilanzierte B.Braun einen Ergebnisrückgang von 40 Prozent auf 197,3 Millionen Euro.
Klinikkonzern Asklepios schickt sich gerade im Schulterschluss mit Rhön-Klinikum-Gründer Eugen Münch an, die Mehrheit an Rhön-Klinikum zu übernehmen. Ob man sich von der Beteiligung an Rhön-Klinikum trennen will, verrät Braun nicht. Das Familienunternehmen ist für seine Verschwiegenheit bekannt und äußert sich daher nicht zu laufenden Investments äußert.
Aber auch ohne eine Wertberichtigung ist der Jahresüberschuss von B. Braun um gut zwölf Prozent gesunken. Eine Ergebnisentwicklung, mit der die Vorstandsvorsitzende nicht zufrieden ist. Denn auch schon 2018 war der Gewinn zurückgegangen. Deshalb hat die B.Braun-Chefin im vergangenen Jahr unter dem Motto „Fokus und Disziplin“ einige Maßnahmen in die Wege geleitet.
Bei einem Unternehmen, das in der Vergangenheit so stark gewachsen ist wie B.Braun, habe man immer viel zu tun, die Prozesse nachzuziehen, zu standardisieren und zu harmonisieren, sagt sie.
Das sei auch die Grundvoraussetzung, um digitale Technologien nutzen zu können und um die Prozesse effizienter zu machen. Dass die Maßnahmen greifen, habe man einer positiven Entwicklung im letzten Quartal 2019 gesehen, so Braun.
Dass das Thema Digitalisierung für die Firmenchefin eine große Bedeutung hat, wird in vielerlei Hinsicht deutlich. Wenn sie auf Produktinnovationen hinweist beispielsweise: auf vollvernetzte Infusionspumpen, ein Operationsmikroskop mit 3D-Visualisierung oder das digital unterstützte Heimdialyse-Konzept.
Gewohnheiten werden hinterfragt
Auch die Art des Arbeitens im Unternehmen verändert sich, weil Braun die stärkere Nutzung von digitalen Kanälen oder auch Videokonferenzen vorantreibt – nicht nur in Zeiten des Coronavirus. „Es ist ihr ein großes Anliegen, die Beschäftigten auf die Arbeitswelt von morgen vorzubereiten. Da setzt sie klare Akzente“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Peter Hohmann.
Für die Arbeitnehmervertreter sei natürlich besonders wichtig, dass Braun sich auch klar zur Sozialpartnerschaft bekenne, sowohl was die Mitbestimmung bei Unternehmensentscheidungen wie auch betriebliche Angelegenheiten anbelange.
Als zielstrebig und sehr fokussiert und natürlich auch organisiert als Mutter von drei Kindern und Vorstandschefin eines Milliardenkonzerns wird Braun von Weggefährten und Mitarbeitern beschrieben. „Sie hinterfragt Gewohnheiten und ist ideenreich, bringt dabei auch ihre Erfahrungen aus dem Ausland ein. Sie ist in ihrer Aufgabe gut angekommen und holt sich, wenn nötig, auch Verstärkung“, sagt Friedrich Nothhelfer, Bezirksleiter der IG BCE Kassel.
So gibt sie beispielsweise ab April einen Teil ihrer Aufgaben an den neuen Rechtsvorstand und Arbeitsdirektor Stefan Ruppert ab. „Gerade in diesem Bereich stehen viele Entscheidungen an und die Erwartungen der Belegschaft und deren Interessenvertreter sind gewachsen, gemeinsame Lösungen zu finden. In diesem Jahr läuft der Standortsicherungsvertrag aus und es muss die nachfolgende Vereinbarung verhandelt werden“, sagt Nothhelfer.
Die Standortsicherungsverträge gehen auf Ludwig Georg Braun zurück, der das Unternehmen damit wettbewerbsfähiger gegen die Konkurrenz aus Asien machen wollte. Der Vertrag ermöglicht es B.Braun, zusätzliche Arbeitsstunden bei den Mitarbeitern abzurufen, für die sie im Rahmen einer Ergebnisbeteiligung vergütet werden. Das Unternehmen verzichtet dafür auf betriebsbedingte Kündigungen.
Mit dieser Möglichkeit der Flexibilisierung der Arbeitszeit hofft Braun auch mögliche negative Effekte der Coronakrise abfedern zu können — etwa wenn Kliniken in den betroffenen Regionen planbare Operationen verschieben und weniger chirurgische Instrumente und künstliche Gelenke der B.Braun-Tochter Aesculap benötigt werden.
Mögliche Produktionsstopps, wie es sie gerade in Indien durch die gesetzlich verhängten Maßnahmen gibt, hofft sie, immer wieder im Dialog mit den jeweiligen Behörden lösen zu können. „Wir sind schließlich systemrelevant“, sagt sie.