Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer: Viel Geld, kaum Ideen
Weiß nicht, wohin mit seinem Geld.
Foto: BloombergBerlin.
Als Dominik Richter und Thomas Griesel, die beiden Gründer von Hello Fresh, am Donnerstagmorgen an der Frankfurter Börse die Glocke geläutet haben, begleitet von lautem Jubel, inmitten von Freunden und Weggefährten, da fehlte einer: Oliver Samwer war nicht dabei, als sein jüngstes Baby an die Börse ging - mit einem ganz ordentlichen Ergebnis.
Und obwohl seiner Firma, der Rocket Internet SE, vor diesem Börsengang mehr als die Hälfte von Hello Fresh gehört hat, machte seine eigene Aktie an diesem Tag keine Sprünge. Der Kurs dümpelte dort vor sich hin, wo er seit Anfang letzten Jahres steht: Etwa auf der Hälfte dessen, was Rocket Internet ganz zu Beginn einmal wert war. „Dem Markt fehlt möglicherweise gerade die Fantasie für das, was bei Rocket Internet noch kommen könnte“, erklärt Lucas Boventer, Aktienanalyst bei der Hamburger Privatbank Warburg.
Nach dem Börsengang von Delivery Hero im Juni und jetzt dem von Hello Fresh, ist im Portfolio von Rocket Internet nicht mehr viel zu sehen, das Hoffnung macht. An der Börse aber wird die Zukunft gehandelt, nicht die Vergangenheit.
Es ist erst etwas über drei Jahre her, da standen Oliver Samwer und seine Brüder, Marc und Alexander, selbst an dieser Stelle, um für ihr Geschäftsmodell zu werben: Start-ups gründen, großmachen und verkaufen. Sie waren die Aushängeschilder der deutschen Start-up-Szene, bewundert und gefürchtet gleichermaßen. Sie galten als ebenso clever wie skrupellos. Sie hatten Ebay das Fürchten gelehrt und Dutzende digitale Geschäftsmodelle aus den USA kopiert – zu einer Zeit, in der die meisten Unternehmen hierzulande es als fortschrittlich empfanden, eine Webseite im Internet zu haben.
Samwer versprach die Revolution. Wenn vor 2000 Jahren, zu Jesus Zeiten, jemand den Menschen zwei Visionen für die Zukunft aufgemalt hätte, fragte er das Publikum beim fünften Geburtstag seiner Möbeltochter Westwing, eine mit Offline-Handel und eine mit Online-Handel, welche hätten sie sich wohl erträumt? Ausgerechnet Westwing aber konnte seinen Umsatz zuletzt nur noch um knapp vier Prozent steigern. Das Möbel-Start-up steht zwar kurz vor der Profitabilität, weckt aber keine Wachstumsfantasien mehr bei Aktionären.
Cashreserve von einer Milliarde Euro
Michael Kunert, Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger, beobachtet die Aktie seit der ersten Stunde. Er glaubt, dass weder die Euphorie am Anfang, noch die Abstürze zwischendurch, gerechtfertigt waren. So hätten ihn die hohen Verluste, für die Samwer immer gescholten wurde, nie gestört: Das sei bei stark wachsenden Technologieunternehmen eben so. Verwundert habe ihn auch die heftige Reaktion auf den schrittweisen Ausstieg des Großaktionärs Kinnevik im vergangenen Jahr und Anfang dieses Jahres. In der Finanzwelt kein ungewöhnlicher Vorgang, der in der Öffentlichkeit viel Misstrauen hervorrief.
Was der Aktionärsschützer aber überhaupt nicht nachvollziehen kann, ist die Tatsache, dass Rocket Internet seit dem letzten August dabei ist, Aktien zurückzukaufen. Das Unternehmen will bis zu drei Prozent des ausstehenden Aktienkapitals einziehen und das Grundkapital entsprechend herabsetzen.
Möglich wird das durch eine riesige Cashreserve von mehr als einer Milliarde Euro. „Das Aktienrückkaufprogramm verdeutlicht unser Bemühen, freies Kapital bestmöglich einzusetzen“, begründete Samwer den Schritt. Man könnte das positiv werten, wenn der Gründer, der selbst noch den größten Anteil an seinem Unternehmen besitzt, selbst so viel Vertrauen ins eigene Portfolio beweist. Für Kunert ist die Aktion jedoch nichts anderes als „ein Eingeständnis, das man nicht weiß, wohin mit dem Geld.“
Ein Unternehmen wie Rocket müsste doch eigentlich in neue Trends investieren. Davon ist derzeit aber wenig zu sehen. Von den großen Beteiligungen sind die meisten inzwischen verkauft. Die verbliebenen Hoffnungsträger sind die Global Fashion Group, ein Zusammenschluss von Zalando-Klonen in diversen Schwellenländern, und Jumia, eine Art Amazon in Afrika. „Für eine Trendwende im Aktienkurs fehlt die Initialzündung“, sagt Kunert. „Rocket muss jetzt zeigen, was in der zweiten Reihe steht“, meint auch Analyst Boventer.
Von Trend-Themen wie künstlicher Intelligenz, Robotik oder Industrie 4.0 hat Samwer bisher die Finger gelassen. Offenbar bewusst. „Von uns werden Sie keine fliegenden Autos sehen“, betonte er bei der letzten Hauptversammlung. Was aber hat er stattdessen vor?
Fantasien weckt man so keine
Seiner Ankündigung, künftig mehr in Fintechs investieren zu wollen, sind bisher keine weiteren gefolgt. Zwar sollten die Aktionäre auf der Hauptversammlung beschließen, dass Rocket Internet künftig auch Geschäfte betreiben darf, die „nach dem Gesetz über das Kreditwesen oder nach dem Kapitalanlagegesetzbuch erlaubnispflichtig sind.“
Zu Deutsch heißt das, Samwer könnte demnächst theoretisch eine Bank eröffnen. Bekannt ist bislang lediglich das Start-up Billie, das die Schulden von Firmen bei anderen Firmen aufkauft und noch sehr klein ist.
In diesem Jahr hat Rocket Internet, das einst damit prahlte, die größte Internetplattform außerhalb der USA und China werden zu wollen, noch kein einziges neues Unternehmen gegründet. In der Holding arbeiten statt früher mal 400 nicht mal mehr 200 Leute. Es gibt schlicht nicht genug für sie zu tun.
Das heißt nicht, das Rocket Internet nicht weiterhin weltweit investieren würde. „Wir ermöglichen Unternehmertum“, steht jetzt auf der Webseite, statt wie früher: „Wir bauen Unternehmen.“ Erst im letzten Jahr hat Samwer einen Fonds in Höhe von einer Milliarde Euro aufgelegt, an dem neben Rocket Internet auch andere, institutionelle Investoren beteiligt sind.
Auch zwischen dem Global Founders Capital, einem Fonds der Samwer-Brüder, und der Aktiengesellschaft Rocket Internet, gibt es Überschneidungen. Wo diese Fonds überall investieren, was ihre Schwerpunkte sind, und wie sie sich entwickeln, das erklärt Oliver Samwer nicht, jedenfalls nicht öffentlich. Fantasien weckt man so keine.