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Serie: Ostdeutsche Erfolgsgeschichten Wie Holger Loclair eine DDR-Firma vor dem Ruin rettete

Der Unternehmer hat aus einem DDR-Betrieb einen der Weltmarktführer für selbstklebende Folien geformt. Heute zählt Orafol zu den Top-Familienunternehmen.
03.09.2020 - 11:00 Uhr Kommentieren
Der Unternehmer hat Orafol zu einem der Weltmarktführer für Klebefolien gemacht. Quelle: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt
Holger Loclair

Der Unternehmer hat Orafol zu einem der Weltmarktführer für Klebefolien gemacht.

(Foto: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt)

Düsseldorf „Wirtschaft in Schockstarre“, so bezeichnet Holger Loclair die Lage im April und Mai. Das seien auch für sein Unternehmen Orafol schwierige Monate gewesen. Doch heute arbeite einer der weltweit führenden Anbieter für Klebefolien fast wieder auf Vorkrisenniveau.

Die selbstklebenden Spezialfolien finden sich auf Flugzeugen, Schiffen und Autos. Autobahnschilder oder Baustellenmarkierungen sowie reflektierende Nummernschildfolien kommen ebenfalls aus Oranienburg, aber auch lichtleitende Elemente für Sensoren und Displays sowie Spezialfolien für Reisepässe. Orafol konkurriert mit 3M oder Avery Dennison und ist auf vielen Märkten aktiv, auf allen Kontinenten.

Zuletzt hatte Loclair zwei Unternehmen in den USA zugekauft. Die US-Töchter waren ebenfalls stark von der Pandemie betroffen, seien aber inzwischen auch wieder auf einem guten Niveau. Auch die Kurzarbeit ist bei Orafol bereits wieder Geschichte.

Erst am Dienstag hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) verkündet, die Talsohle der Coronakrise sei durchschritten. Holger Loclair jedenfalls lässt sich nicht Bange machen. Er hat für Orafol viel gekämpft – schon zu DDR-Zeiten, auch als das Unternehmen ihm noch nicht gehörte.

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    Der 1808 als Wibelitz Farbenwerkstatt in Berlin gegründete Hersteller von Lacken und Farben zog nach dem Ersten Weltkrieg von Berlin nach Oranienburg und wurde in der DDR 1957 zum Teil und schließlich 1972 komplett verstaatlicht. Fünf Jahre später startete Loclair als studierter Chemiker in die Forschung und Entwicklung des VEB Spezialfarben Oranienburg, das zum Kombinat Lacke und Farben gehörte. 1979 wurde er Gruppenleiter. „Der Ehrgeiz war meine Triebfeder“, sagt Loclair. 

    Und unternehmerisch dachte er schon damals, erinnert sich Evelyn Zocher, die noch etwas länger bei Orafol arbeitete als Loclair und heute Sales and Marketing Director für den größten Unternehmensbereich ist. „Er hatte immer Visionen, die er umzusetzen versuchte. Sein vorausschauendes Wesen hat das Unternehmen gerettet.“

    Nicht im Fokus der Parteiführung

    Selbstklebende Folien standen zu DDR-Zeiten allerdings nicht im Fokus der Parteiführung. 1981 wurde Loclair Technischer Leiter, sechs Jahre später Betriebsdirektor. Das sei nur möglich gewesen, weil nicht mehr die Kreisleitung über den Aufstieg befunden habe. 

    Drei Jahre vor der Wende entwickelte er mit seiner Mannschaft eine schrumpffähige, hitzeaktivierbare Folie für den Flugzeugmodellbau, eine Westberliner Handelsfirma vertrieb das patentierte Produkt weltweit. Es gab also Devisen im VEB. Der Betrieb kaufte so eine Beschichtungsmaschine in Hamburg beim Maschinenbauunternehmen Kröhnert. 1988 wurde sie geliefert – und hatte in der Folge einen entscheidenden Anteil daran, dass Loclairs Betrieb überlebte. 

    Die Zeiten standen schon 1987 auf Wandel, das habe er gespürt. „Man bekam damals die Engpässe allerorten nicht mehr in den Griff“, sagt Loclair. „Als die Marktwirtschaft kam, waren wir vorbereitet“, sagt Loclair, vielleicht auch, weil er schon in den 1980er-Jahren in den Westen reiste, um den Westberliner Handelspartner bei seinen Vertriebsaktivitäten zu unterstützen, und somit die Märkte kannte.

    Als die Mauer am 9. November 1989 fiel, saß er vor dem Fernseher und fragte sich, ob die 126 Mitarbeiter am nächsten Morgen noch kommen werden. „Ich will das Werk retten“, war sein erster Gedanke. Er und sein Team kannten die Exportkunden nicht, da diese durch den staatlichen Außenhandel der DDR zentral bearbeitet wurden. 

    Und Loclair tat etwas, was Unternehmer zuweilen tun müssen, um ihre Firma zu retten: Er entließ fast die halbe Mannschaft. Es gab zwar einen Sozialplan, aber es war ein schwerer Schritt für ihn. „Ich habe ganz klar dieses kleine Zeitfenster eines im Prinzip rechtsfreien Raums genutzt, um das Unternehmen am Leben zu halten.“

    Im Februar 1990 sagte er sich vom Kombinat los. Die Leitung wollte ihn und seine Mitarbeiter zurückgewinnen, doch die skandierten: „Nie wieder Kombinat!“ 

    Unter der Treuhand-Ägide gab es aber ein Problem: Nach der Währungsunion am 1. Juli 1990 verfügte Orafol zwar über Gelder auf den Außenhandelskonten, aber diese wurden zur Überprüfung zeitweise eingefroren. In der Folge konnte die Firma die Löhne nicht bezahlen. Am Tag der Weihnachtsfeier wurde das Unternehmen deswegen zahlungsunfähig.

    In seiner Verzweiflung erschien Loclair im Haus am Werderschen Markt in Berlin, dem damaligen Sitz der Deutschen Kreditbank AG, Rechtsnachfolger der DDR-Staatsbank. Auf die Frage, ob er einen Termin habe, entgegnete er: „Nein, aber ich gehe hier nicht eher weg, bis ich angehört worden bin. Sie müssen schon die Polizei holen, um mich hier wegzubringen!“ Loclair wartete – eine Stunde, zwei, drei, schließlich vier Stunden. Er war verzweifelt, kämpfte – und wurde erhört.

    Kreditlinien für Ostdeutsche waren damals nahezu unmöglich

    Die Bank bewilligte am nächsten Tag einen Überbrückungskredit von zwei Millionen D-Mark. Auf der Weihnachtsfeier seines Unternehmens konnte er verkünden, dass es weitergehen kann. Doch er wusste auch: Die Zeit, das Unternehmen in private Hände zu geben, drängt. „Mir wurde an diesem Tage klar“, erinnert sich Loclair, „dass es für einen Ostdeutschen nahezu unmöglich war, eine Kreditlinie zu bekommen.“

    Mit seinem Führungsteam setzte er sich bei seiner Suche nach einem Investor aber eine Vorgabe: Orafol solle dem Erwerber einen echten Mehrwert bieten, damit das Unternehmen, für das die Mitarbeiter so gekämpft haben, nicht einfach von einem Konkurrenten einverleibt würde. Der Berliner Klebebänderhersteller Transatlantic H. Bernhardt mit 56 Millionen D-Mark Umsatz damals schon kein kleines Unternehmen mehr, war so ein möglicher Investor.

    Doch Gesellschafter Klaus Schmidbaur wollte vor allem Loclair als Forschungsleiter einstellen und nicht gleich einen ganzen ehemaligen VEB-Betrieb erwerben. Zweimal sagte Loclair ihm, er lasse seine Mitarbeiter ohne eine vorherige sinnvolle Privatisierung nicht im Stich. 1991 überzeugte Loclair Schmidbaur dann, Orafol zu übernehmen, und wurde Entwicklungsleiter bei Transatlantic und Geschäftsführer bei Orafol in einer Doppelfunktion.

    Drei Jahre später wurde Loclair auch Geschäftsführer von Transatlantic. Mit Schmidbauer entschied er, am Rande von Oranienburg ein neues Werk zu errichten. Dabei versuchte Loclair stets, die Umwelt im Blick zu behalten und die Erweiterungen des Firmengeländes in die Landschaft einzupassen. „ Wir hatten den Willen, zu investieren, zu bauen, zu expandieren und zu akquirieren. Das war entscheidend.“ Als das Werk fertig war, verschmolzen die beiden Unternehmen Orafol und Transatlantic.

    Schmidbaur habe ihm die Möglichkeit gegeben, sich frei zu entwickeln, so Loclair. Die beiden hatten vereinbart, dass im Zuge der geplanten Nachfolgeregelung Loclair schrittweise Unternehmensanteile übernimmt. Mittlerweile sind es 99 Prozent. 

    Und seine Bilanz kann sich sehen lassen, Orafol gehört inzwischen zu den 500 größten Familienunternehmen hierzulande: Mehr als 550 Millionen Euro hat Orafol in den vergangenen 28 Jahren in Oranienburg investiert. Der Hidden Champion mit 1080 Mitarbeitern am Standort Oranienburg und inzwischen rund 2500 Beschäftigten weltweit erwirtschaftet einen Gruppenumsatz von 623 Millionen Euro.

    Im Januar wurde der heute 72-Jährige in die Handelsblatt Hall of Fame der Familienunternehmen aufgenommen. „Wir haben durch die Wiedervereinigung die Chance bekommen, unsere Wünsche und Träume zu erfüllen, wir haben sie auch ergriffen und was draus gemacht. “

    In den neuen Bundesländern sind inzwischen 92 Prozent aller Firmen Familienunternehmen. Das Handelsblatt präsentiert auf Basis wissenschaftlicher Studien, die im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen entstanden, bis 2. Oktober zehn Erfolgsgeschichten. Die einzelnen Serienteile sowie Hintergründe finden Sie hier.

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