Start-up: Bertelsmann investiert 100 Millionen Euro in App-Plattform Applike
Die Gründer der App-Plattform bekommen ein Investment in Höhe von 100 Millionen Euro.
Foto: AppLike GroupDüsseldorf. Jonas Thiemann und Carlo Szelinsky können sich über 100 Millionen Euro freuen. Die beiden Gründer und Co-CEOs der App-Plattform Applike Group erhalten von dem Medien-, Dienstleistungs- und Bildungskonzern Bertelsmann ein Investment in dieser Höhe, wie das Handelsblatt vorab erfahren hat. Damit wird das Hamburger Start-up mittlerweile mit 500 Millionen Euro bewertet.
Betriebswirt Thiemann, 31, und der technische Informatiker Szelinsky, 36, gründeten Applike im Jahr 2016 gemeinsam mit dem Hamburger Verlag Gruner + Jahr (G + J). Die Idee: mit technologiegetriebener Werbung auf dem Smartphone Geld verdienen. Zunächst untersuchten sie das Nutzungsverhalten von Android-Nutzern und empfahlen diesen darauf basierende Apps. Mittlerweile ist die Applike Group eine Holding, die vier Unternehmen umfasst: JustDice, Adjoe, Sunday und Justtrack.
In JustDice sind die anfänglichen Geschäfte zusammengefasst; Adjoe hilft App-Herstellern dabei, mobile Anwendungen durch Werbung zu monetarisieren; Sunday konzentriert sich auf die Entwicklung und Vermarktung von Spielen auf Smartphones. Und die zu Jahresbeginn gegründete Firma Justtrack soll App-Betreibern dabei helfen, Marketingprozesse automatisiert zu steuern.
Je nach Firma erwirtschaftet Applike sein Geld durch Vermarktung, Lizenzgebühren oder App-Installationen. „Am Ende funktioniert Applike wie das traditionelle Mediengeschäft, aber in neuem, Technologie-getriebenem Gewand“, erklärt Thiemann. „Je mehr App-Reichweite wir aufbauen, desto mehr Inventar können wir vermarkten.“
Bertelsmann hält rund 80 Prozent der Anteile, die beiden Gründer jeweils rund zehn Prozent. Das Gütersloher Familienunternehmen unterstützte die Gründer mit Geld und dem Netzwerk. Die Jungunternehmer verfolgen kein geringeres Ziel als „die weltweit führende App-Plattform zu werden und langfristig jeden Smartphone-Nutzer zu erreichen“, wie Thiemann sagt.
Der Optimismus der Gründer beruht darauf, dass kaum ein Medienkanal weltweit so schnell wächst wie Smartphone-Apps. In den USA verbringen die Menschen schon mehr Zeit mit ihrem Handy als vor dem Fernseher, auch in Deutschland könnte das, getrieben von den Folgen der Pandemie, bald der Fall sein. „Der App-Markt ist über 100 Milliarden Euro groß, da gibt es noch hohes Wertsteigerungspotenzial“, sagt Szelinsky.
Die Hamburger erzielen nach eigenen Angaben einen Umsatz in niedriger dreistelliger Millionenhöhe und sind mit einer zweistelligen Gewinnmarge sehr profitabel. Applike ist in mehr als 100 Märkten aktiv. Das wichtigste Land sind die USA, die je nach Firma für 25 bis 50 Prozent der Umsätze stehen. In Deutschland erwirtschaftet Applike rund ein Zehntel seiner Umsätze.
100 Millionen Euro für neue Mitarbeiter, Standorte und Firmen
Wegen der hohen Marge konnten Thiemann und Szelinsky viele Investitionen selbst stemmen. Von G + J erhielten sie in den vergangenen Jahren bereits zwei Finanzspritzen. Teile der neuerlichen 100 Millionen Euro von Bertelsmann wollen sie auch für den Personalaufbau verwenden. Aktuell beschäftigt die Gruppe 130 Angestellte aus über 50 Ländern am Standort Hamburg. Bis Ende 2022 soll die Zahl auf 250 fast verdoppelt werden. Applike sucht vor allem Beschäftigte mit Kenntnissen in den Bereichen Softwareentwicklung und Technologie – Profile, die auf dem Arbeitsmarkt knapp und teuer sind.
Mit dem Geld wollen die Gründer auch die Technologien und Plattformen weiterentwickeln. Auch neue Standorte sollen entstehen, etwa in Indien, der Türkei oder den USA. „Damit wollen wir den Kundenkontakt verbessern und durch lokale Ansprechpartner mehr App-Partner gewinnen“, sagt Szelinsky. Zudem seien weitere Firmengründungen in Planung.
Bis zum Jahreswechsel gehörte Applike zur Bertelsmann-Tochter G + J. Seit der Verlag mit der Kölner TV-Gruppe RTL fusioniert, wird die Beteiligung von der Sparte Bertelsmann Investments gehalten. Applike wird Bertelsmann Next zugeordnet, einem neuen Bereich, mit dem das Familienunternehmen künftige Geschäftsfelder erschließen will. Bertelsmann-Chef Thomas Rabe sagt: „Die beiden Gründer haben mehrfach unternehmerischen Weitblick und kreatives Know-how bewiesen.“
Thiemann und Szelinsky lernten sich 2012 bei einem Gründerwettbewerb kennen. Ihr erstes Unternehmen, die Gutscheinplattform Copay, mussten sie nach einem Jahr wieder einstellen. Ihre zweite Idee verspricht nun mehr Erfolg – auch dank der Unterstützung von Gruner + Jahr. Der Kontakt kam zustande, weil Thiemann dort nach seinem Studium als Projektleiter arbeitete. Gerade die damalige Chefin Julia Jäkel trieb Applike voran.
Solche Unterstützung wünschen sich Thiemann und Szelinsky auch für andere Gründer. Um mit den Firmen im Silicon Valley mithalten zu können, müssten große Konzerne für junge Leute mit guten Ideen risikoreicher investieren, sagen beide. „Das gelingt nur, wenn die allererste Reihe im Unternehmen dahintersteht.“
Sieben Jahre nach der Gründung schicken sich die beiden Gründer nun an, zu einem Einhorn aufzusteigen. So werden Firmen bezeichnet, die eine Bewertung von einer Milliarde Euro erzielt haben. „Aus unserem anfänglichen Traum ist ein Zwischenmeilenstein geworden“, sagt Thiemann. Es sei aber ungesund, auf eine solche Marke hinzuarbeiten. Man wolle ein langlebiges und erfolgreiches Geschäft aufbauen.