1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Mittelstand
  4. Familienunternehmer
  5. Bertelsmann: Musikgeschäft wird Bewährungsprobe für Thomas Coesfeld

Thomas CoesfeldMusikgeschäft wird zur Bewährungsprobe für den Mohn-Enkel

In den ersten drei Monaten als BMG-Chef hat Thomas Coesfeld bereits Akzente gesetzt. Gelingt es ihm, das Wachstum hoch zu halten, könnte ihn das für Höheres qualifizieren.Michael Scheppe 16.10.2023 - 13:00 Uhr Artikel anhören

Thomas Coesfeld leitet das Musikgeschäft von Bertelsmann.

Foto: Bertelsmann

Düsseldorf. Zu den ersten Gratulanten zählte Bryan Adams: Der kanadische Rocksänger rief Thomas Coesfeld an, als sein neuer Job publik wurde. Seit Juli ist der 33-Jährige Chef von BMG, dem viertgrößten Musikunternehmen der Welt. Zum Portfolio gehören Rechte an den Werken der Rolling Stones, von Tina Turner, Nena – und eben Bryan Adams.

BMG und seine 1100 Mitarbeiter sind ein strategisch wichtiger Teil des Gütersloher Medienriesen Bertelsmann, zu dem auch die TV-Gruppe RTL und der weltgrößte Buchverlag Penguin Random House gehören. Das Musikgeschäft ist zwar nur die sechstgrößte Sparte, zählt aber zu den am schnellsten wachsenden und profitabelsten Bereichen. 2022 lag der Umsatz bei 866 Millionen Euro, im kommenden Jahr dürfte die Milliardenmarke erreicht sein.

Der Aufstieg von Coesfeld ist auch abseits der Musikindustrie beachtet worden. Schließlich ist er Enkel des 2009 verstorbenen Firmenpatriarchen Reinhard Mohn. Dieser hatte Bertelsmann nach dem Zweiten Weltkrieg von einem mittelständischen Druck- und Verlagshaus zu einem international tätigen Medienkonzern gemacht.

Mit Thomas Coesfelds drei Jahre älterem Bruder führt bereits ein weiteres Mitglied der Inhaberfamilie eine Konzernsparte. Carsten Coesfeld leitet seit Mitte 2022 den globalen Wagniskapitalarm Bertelsmann Investments. Beiden werden in der Zentrale Chancen auf die obersten Führungspositionen zugeschrieben. Manche sehen in ihnen sogar potenzielle Nachfolger von Konzernchef Thomas Rabe, dessen Vertrag bis Ende 2026 läuft.

Die neue Aufgabe bei BMG sehen Beobachter daher als Bewährungsprobe für Coesfeld, die ihn für Höheres qualifizieren könnte. Das Unternehmen, 2008 neu gegründet, entwickelte sich rasch zur weltweiten Nummer vier hinter den Branchenriesen Universal, Sony und Warner Music. Mehr als 90 Prozent der Umsätze erlöst BMG mit Rechten und Lizenzen.

Allein vergangenes Jahr investierte Bertelsmann im Rahmen seines Zukunftsprogramms „Boost“ die Rekordsumme von 509 Millionen Euro in den Erwerb von Musikkatalogen, um Marktanteile zu gewinnen. Dieses Jahr soll es ähnlich viel sein. „Ich habe die Aufgabe, das Unternehmen in die Zukunft zu führen. Dabei wird das nächste Kapitel der Musikindustrie ganz anders aussehen“, sagt Coesfeld dem Handelsblatt.

Das hohe Wachstum der vergangenen Jahre lässt sich nicht einfach fortschreiben. Lange legte der Markt für Musikstreaming mehr als 20 Prozent pro Jahr zu. In den kommenden Jahren dürfte sich das Plus auf elf Prozent abflachen, zeigen Marktdaten.

Zudem verändert sich das Hörverhalten – und damit das Erlösmodell für Musikrechtefirmen. So bevorzugen jüngere Menschen nicht nur vielfältigere Genres, sondern auch kürzere Musikstücke. Auf Videodiensten wie Tiktok sind es mitunter nur wenige Sekunden.

Digitalvertrieb mit Spotify und Apple Music

Um auf die Digitalisierung zu reagieren, hat Coesfeld in den ersten drei Monaten eine strategische Veränderung angestoßen: Zum Jahreswechsel wird BMG den Digitalvertrieb auf Spotify und Apple Music selbst in die Hand nehmen. Bislang übernahm das der Konkurrent Warner Music. Vor Jahren noch war BMG zu klein, um nötige Investitionen in Technologie und Personal zu tätigen.

Der Schritt markiere „eine massive Veränderung“ für BMG, so Coesfeld. „Dadurch bieten wir unseren Künstlern einen deutlich besseren und erweiterten Service an.“ Durch die direkte Zusammenarbeit mit Streaminganbietern könnten Musiker schneller erfahren, welche Menschen ihre Songs wie lange hörten. Zudem kämen Künstler zügiger an ihr Geld – innerhalb von vier Wochen, so Coesfeld. Bislang dauerte es bis zu vier Monate.

Thomas Coesfeld mit Jennifer Lopez: BMG ist das viertgrößte Musikunternehmen der Welt.

Foto: Robin Harper

BMG kann dadurch auch Marketingkampagnen zielgenauer steuern und mehr Umsatz für die Künstler generieren. Das habe der vor einem Jahr begonnene Direktvertrieb mit Youtube Music gezeigt, erklärt Coesfeld.

Der Vertrieb von klassischen Tonträgern soll weiter ausgelagert bleiben. „Zwar erleben Schallplatten seit einigen Jahren eine Renaissance, doch Streaming ist klar der Bereich, der skaliert und höhere Margen abwirft“, sagt Coesfeld. BMG konzentriert sich in der Zusammenarbeit mit Interpreten auf einzelne Dienstleistungen, statt das klassische Rundumpaket der großen Labels anzubieten.

„Es ist möglich, über Spotify große Karrieren zu machen“

Einige Künstler monieren die niedrige Bezahlung in der digitalen Welt. Durchschnittlich verdient ein Musiker pro Stream nur 0,3 Cent, sagen Branchenkenner. „Es ist möglich, über Spotify große Karrieren zu machen“, sagt dagegen Coesfeld. Streaming habe bei Kunden für eine Zahlungsbereitschaft für Musik gesorgt, die durch illegale Downloads zu Beginn des Jahrtausends zum Erliegen gekommen sei.

Auch Künstliche Intelligenz (KI) rüttelt die Branche auf, sie kann Musik sogar selbst komponieren. Coesfeld will sich daher besonders für den Schutz des Urheberrechts einsetzen..

Das sind keine einfachen Aufgaben für den Manager. „Ich bin dankbar, die Chance ergreifen zu dürfen“, sagt er. Er wurde im Sommer, ein halbes Jahr früher als angekündigt, Chef von BMG. Zuvor war er dort Finanzchef.

Coesfeld folgte auf den Branchenveteran Hartwig Masuch, der BMG aufbaute. „Die Berufung von Thomas ist auch ein Signal, dass der Geschäftsbereich für Bertelsmann sehr wichtig ist“, sagte Masuch im Sommer in einem Interview. Manager, die nur für ihren Job bezahlt werden, handelten manchmal anders. „Es ist also gut, wenn die Familie da ihre stärksten Geschütze auffährt.“

Schon im Alter von elf Jahren konnte er sich eine Karriere bei Bertelsmann vorstellen

Thomas Coesfeld und sein Bruder Carsten wurden schon im Alter von elf und 14 Jahren von ihrem Großvater Reinhard Mohn und dessen späterer Frau Liz gefragt, ob sie sich eine Laufbahn im Unternehmen vorstellen können. Die Brüder zählen zur siebten Generation der Bertelsmann-Dynastie.

Reinhard Mohn hatte sich skeptisch gegenüber Führungsrollen von Familienmitgliedern gezeigt. In einem im Jahr 2000 erschienenen Buch schrieb er, dass deren Aufstiegsmöglichkeiten „den in unserem Hause gültigen Regeln“ entsprechen müssten. Coesfeld selbst empfindet es weder als Vor- noch als Nachteil, zum Mohn-Clan zu gehören. „In der Beurteilung kommt es auf meine Leistung an.“

Thomas Coesfeld (r.) und sein Bruder Carsten wurden schon im Alter von elf und 14 Jahren gefragt, ob sie sich eine Laufbahn im Unternehmen vorstellen können.

Foto: Bertelsmann

Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Vallendar, Washington und Atlanta fing er 2014 als Unternehmensberater bei McKinsey an. Zwei Jahre später wechselte er zu Bertelsmann.

Als Strategiechef des strukturell rückläufigen Druckgeschäfts von Bertelsmann musste er mit nicht mal 30 Jahren „nachhaltig prägende Entscheidungen“ mitverantworten: Kundenverträge wurden angepasst, an anderen Stellen wie dem Energiebereich wurden Kosten gedrückt. Coesfeld entschied mit, die Zahl der Beschäftigten bei der Großdruckerei Mohn Media von 2000 auf 1500 zu reduzieren. So ergaben sich Einsparungen im zweistelligen Millionenbereich, die der Firma später in der Zeit rasant steigender Energiekosten zugutekamen.

Das Vorhaben war heikel, betraf es doch eines der traditionsreichsten Geschäfte von Bertelsmann. „Ich habe gelernt, dass man auch schmerzliche Entscheidungen mit Klarheit treffen, aber auch gut vermitteln muss“, sagt Coesfeld. Daher hätten auch die Betriebsräte das Vorgehen mitgetragen.

Verwandte Themen
Bertelsmann
Apple

Coesfeld ist verlobt, lebt in Berlin, ist aber zweimal pro Monat in den USA. Dort erzielt BMG über 50 Prozent des Umsatzes. Auf die Frage, ob er sich den Job als Konzernchef von Bertelsmann vorstellen könne, antwortet Coesfeld ausweichend: „Ich bin mit meinem Job, BMG auf die nächste Stufe zu heben, sehr gut ausgelastet.“

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt