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Hemden, Häppchen, Happening Wie der Einzelhandel sich neu erfinden will

Den Läden vor Ort fehlen zunehmend die Kunden. Mit Cafés und Bars versuchen die Händler dagegenzuhalten. Das Konzept behagt nicht allen Kaufleuten.
02.03.2020 - 09:14 Uhr 1 Kommentar
Bei Engelhorn in Mannheim verbindet man Einzelhandel und Haute Cuisine. Quelle: Opus V
Sternerestaurant „Opus V“

Bei Engelhorn in Mannheim verbindet man Einzelhandel und Haute Cuisine.

(Foto: Opus V)

München, Düsseldorf Engelhorn ist der Platzhirsch für Mode und Sport in Mannheim, ein Shoppingreich, in dem Fabian Engelhorn alles versucht, damit die Kunden gerne kommen und lange bleiben. Der Kaufmann bietet eine spannende Mischung aus Hemden und Häppchen, aus Turnschuhen und Tajine. Zu dem Traditionshaus gehören insgesamt neun Bars und Restaurants, Haute Cuisine inklusive: Das mit einem Stern ausgezeichnete „Corange“ ist auf Fisch spezialisiert, im „Opus V“ verwöhnt Zwei-Sterne-Koch Tristan Brandt die Gäste.

Es gibt nicht viele Händler, die in Deutschland so sehr auf hochwertige gastronomische Angebote setzen wie Engelhorn. Aber landauf, landab investieren die Kaufleute immer stärker in Cafés und Restaurants, um die Kunden in ihre Geschäfte zu locken. Die Mittelständler haben einen Vorteil gegenüber internationalen Ketten: Sie kennen ihre Klientel und können diese mit individuellen Gastronomiekonzepten begeistern.

Das müssen sie allerdings auch, denn der Druck auf die Ladenbesitzer steigt Jahr für Jahr. „Wir haben es in allen Städten mit sinkenden Frequenzen zu tun“, klagt Robert Waloßek, Geschäftsführer von Bettenrid in München. „Daher sind wir gezwungen, unsere Häuser attraktiver zu gestalten. Wir müssen den Menschen ein Argument liefern, in die Stadt zu fahren.“

Die Menschen bestellen immer häufiger im Internet und lassen die Läden vor Ort außen vor. Die Forscher von ibi Research erwarten, dass der Onlineanteil am Einzelhandelsumsatz hierzulande in fünf Jahren bei gut 15 Prozent liegen wird. Zum Vergleich, 2018 waren es erst lediglich rund zehn Prozent. Darin eingeschlossen sind auch Lebensmittel, eine Kategorie, die bislang eher selten im Netz geordert wird. Ohne die Nahrungsmittel betrage der Anteil der Digitalkäufe heute schon 16 Prozent, so die Regensburger Wissenschaftler.

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    Mehr noch: Immerhin sieben Prozent aller Befragten einer neuen Studie von ibi gaben an, dass sie am liebsten alles im Internet kaufen würden, wenn es denn verfügbar wäre. 44 Prozent erklärten, bevorzugt im Netz zu shoppen und nur für ausgewählte Warengruppen, etwa Lebensmittel, noch Geschäfte vor Ort aufzusuchen.

    Grafik

    Die Kaufleute in den Fußgängerzonen sind also gefordert, sich etwas einfallen zu lassen. So wie Florian Schuster. Der Kaufmann hat sein Sportgeschäft in bester City-Lage in München vor anderthalb Jahren kräftig erweitert und dabei im Erdgeschoss die „Bar Alpina“ eröffnet. Das Lokal im alpenländischen Stil komme gut an bei den Kunden, zieht Schuster eine positive Zwischenbilanz. Es würde sich dort genau das Publikum treffen, das zu dem Bergsportausrüster passe. Mehr noch, es lasse sich auch für Veranstaltungen nutzen, um dem Publikum mehr zu zeigen als Wanderstiefel und Eispickel; für Lesungen etwa, Buchpräsentationen oder Autogrammstunden.

    Neues Konzept: Sternekoch im Kaufhaus

    Experten überrascht der gute Zuspruch nicht. „Die Leute wollen beim Einkauf unterhalten werden“, erklärt Klaus Harnack, geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung Hachmeister-Partner. Und: „Die Kunden goutieren gut gemachte gastronomische Angebote.“

    Bei Engelhorn in Mannheim sorgen sie sogar dafür, dass Menschen von weit her kommen. „Unsere beiden Sternerestaurants locken auch Kunden aus Frankfurt an“, sagt Engelhorn, einer der geschäftsführenden Gesellschafter. Vom Main an den Rhein sind es immerhin rund 80 Kilometer. Natürlich sollen die Leute durch die Auslagen schlendern und möglichst herzhaft Geld ausgeben. Die Verbindung von Einkauf und Restaurantbesuch ist bei Engelhorn aber nicht zwangsläufig.

    Die Kunden wollen beim Einkauf unterhalten werden. Sie goutieren gut gemachte gastronomische Angebote. Klaus Harnack, Hachmeister + Partner

    Beide Gourmettempel sind auch über die Öffnungszeiten des Modehauses hinaus erreichbar. Nur sonntags bleiben alle Restaurants geschlossen. Das Gastronomieangebot habe im vergangenen Jahr, so Sternekoch Brandt, „zwei bis drei Prozent zum Gesamtumsatz beigetragen“, der bei 250 Millionen Euro lag.

    Nicht alle Händler aber werden jetzt auf einmal zum Wirt. „Es ist doch kein Geschäftsmodell, die Leute mit Brot und Spielen zu beglücken“, findet Martin Kerner. Sein Outdoor-Shop Basislager in Karlsruhe genießt in der Sportbranche einen hervorragenden Ruf. Events und Gastronomie in dem Laden mit seinen 43 Mitarbeitern lehnt der Kaufmann strikt ab. Er setzt stattdessen auf umfangreiche Beratung und Marken, die nicht überall erhältlich sind. „Wir führen kaum Produkte, die einfach so ohne Erklärung weggehen“, erläutert Kerner. Auch ohne gastronomischen Schnickschnack ist Naturfreund Kerner erfolgreich. Während in der Karlsruher Innenstadt zahlreiche traditionsreiche Geschäfte in den vergangenen Jahrzehnten verschwunden sind, hält sich Basislager inzwischen seit 1986.

    Tobias Schonebeck denkt da ganz anders. Der Betriebswirt führt das alteingesessene Warenhaus Schäffer in der Osnabrücker Innenstadt, das sich auf edles Geschirr und Gläser, auf Küchenutensilien und Spielzeug spezialisiert hat. Der mehr als 120 Jahre alte Betrieb gilt deutschlandweit als Vorzeigehändler, sowohl vor Ort als auch im Internet. Denn Schonebeck probiert immer wieder neue Konzepte aus.

    Hugendubel lockt mit Café

    Für sein Café hat Schonebeck eine Konditorin angestellt, die auch die ausgefallensten Tortenkreationen umsetzt: „Wir produzieren alles selbst, und das auf höchstem Niveau.“ Das zahlt sich offenbar aus: „An starken Tagen sind wir voll ausgelastet, von morgens bis abends“, unterstreicht der Unternehmer.

    Darüber hinaus unterhält Schonebeck eine eigene Kochschule. Mit Winter-Grillseminaren wirbt der umtriebige Kaufmann in diesen Tagen gezielt um Männer, eine Klientel, die es sonst nicht unbedingt in einen Haushaltswarenladen zieht.

    Fast jeden Abend tummeln sich die Kunden zu Kursen in seinem Haus, geben Geld für den Unterricht aus, und kaufen später im besten Fall die nötigen Utensilien für den heimischen Herd ein. Die Gastronomie sei inzwischen nicht mehr wegzudenken bei Schäffer, meint Schonebeck: „Das schafft eine ganz neue Aufenthaltsqualität.

    Mit der Gastronomie versuchen die Händler gleichzeitig, die Kunden ganzjährig anzulocken. Denn auch das wird immer schwieriger. Den Marktforschern der GfK zufolge gewinnen Shopping-Events wie der sogenannte Black Friday stark an Bedeutung. In vielen Ländern habe dieser Tag Weihnachten als umsatzstärkste Zeit sogar überholt. Dabei achten die Kunden extrem auf Rabatte und kaufen überproportional viel im Internet ein – Umsätze, die den Läden letztlich fehlen. Viele Kaufleute sehen ihre Geschäfte daher in einer ganz neuen Rolle.

    „Unser Ziel ist, zum Treffpunkt zu werden, zu einem Ort, an dem immer etwas Spannendes passiert“, sagt die Buchhändlerin Nina Hugendubel. Ein Café in den Filialen ihrer Kette sei Teil dessen, was sie Wohlfühlpaket nennt. Es sei inzwischen Standard in all jenen Filialen, in denen es möglich sei. Nicht überall jedoch lasse es der Mietvertrag zu. In Einkaufszentren etwa behalte sich der Betreiber vor, die Gastronomie selbst auszuwählen.

    „Café des Lesens“ nennt sich das Konzept, mit dem Hugendubel die Kunden auf eine entspannte Tasse Kaffee in die Läden einlädt. Damit aber nicht genug. Im Geschäft am Münchener Stachus bietet Hugendubel einen sogenannten „Escape Room“ an, einem Raum also, in dem sich Rätselfreunde vergnügen.

    Selbst Yoga-Stunden sind inzwischen ganz normal bei Hugendubel; und auch, dass die Buchhändler vor Ort bei einem Frühstück am Montagmorgen einmal ihre liebsten Neuerscheinungen vorstellen. Wenn ein Autor sein jüngstes Kompendium über Whisky präsentiert, geht das mit einer Verkostung einher.

    Entstehen da nicht womöglich viel zu viele Cafés in der City? Die Ladenbesitzer jedenfalls glauben unbeirrt an den Trend. Gerade hat der Küchen-, Geschirr- und Gläserspezialist Kustermann in München neue Veranstaltungsräume für bis zu 150 Leute eröffnet. Wo sich bislang schmucklose Büros aneinanderreihten, findet sich nun eine offene Küche, eine schicke Bar mit Lounge und eine Terrasse mit Blick auf den Viktualienmarkt.

    Der Umbau sei auch „ein Statement, wie wir den modernen Einzelhandel interpretieren“, betonte Caspar-Friedrich Brauckmann, der geschäftsführende Gesellschafter, bei der Einweihung Ende Januar. Kustermann verstehe sich nicht mehr nur als Warenverteiler mit Verkäufern und Kunden, sondern wandele sich hin zum Gastgeber.

    Mehr: dm-Geschäftsführer Markus Trojansky will Pluspunkte im engen Wettbewerb sammeln. Auch das Onlinegeschäft von dm wird ausgebaut.

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    1 Kommentar zu "Hemden, Häppchen, Happening: Wie der Einzelhandel sich neu erfinden will"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Warum denn auch einfach, wenn es auch umständlich geht …

      Vielleicht sollte der Handel einfach mal darüber nachdenken, warum die Leute nicht mehr in die Geschäfte kommen - und das könnte ganz banale Gründe haben:
      Wer möchte an der Geldabgabestation äh Kasse stehen und gefühlte Ewigkeiten warten? Im Internet geht das mit wenigen Klicks in Sekunden. Man könnte ja auch ein paar mehr Kassen öffnen … Wie frustrierend ist es, wenn man ein Kleidungsstück gefunden hat, man aber erst die Größe suchen muss und die am Ende gar nicht da ist? Oder wie lästig es ist, verschiedene Ständer durchsehen zu müssen, weil die alle nach Marken sortiert sind? Oder es womöglich das Gesuchte gar nicht gibt - und man auf Nachfrage mit der Aussage abgewiesen wird, so etwas "gehe" (um diese Jahreszeit) nicht. Nicht vorhandene Ware bestellen hat zudem unterdessen Ausnahmecharakter, dabei wäre das der sicherste Umsatz. Online-Shopping beherrschen die meisten stationären Geschäfte ohnehin nicht, das ist meist gewollt und nicht gekonnt. Und so weiter …
      Das Thema, ob man denn auch die Waren führt, welche die Kundschaft wirklich will/zum Kauf anregen könnte, ein eigenes Thema wäre, speziell Modehändler haben da manchmal recht antiquierte Vorstellungen.

      Wer vom letzten Einkaufsbummel frustriert ist, der spart sich den Ausflug in die Stadt - und da nutzt auch kein Café, kein Restaurant und kein Event. Apropos Events: Man kann auch des Guten zu viel tun, manchmal will man auch einfach nur in Ruhe einkaufen - gilt für Geschäfte wie auch die Kommunen.

      Apropos Kommunen:
      Auch die können durchaus etwas für die Förderung des Einzelhandels tun. Die Innenstädte müssen gut erreichbar sein - vor allem mit dem ÖPNV, was eine attraktive Taktfrequenz einschließt; ein Halbstundentakt oder noch seltener entspricht dem nicht. Und der ÖPNV muss auch ins Herz der City fahren und nicht nur an den Rand, das ist zugleich ein Schaufensterbummel.

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