1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Mittelstand
  4. Penell-Pleite: Der seltsame Fall des Hauses Penell

Penell-PleiteDer seltsame Fall des Hauses Penell

Ein Kupferschatz, ein überforderter Firmenchef und eine alte Dame, die nicht loslassen kann: Was nach einem schlechten Krimi klingt, waren die Zutaten zur Pleite des Elektro-Großhändlers Penell. Ein Report.Michael Brächer 12.02.2015 - 14:04 Uhr Quelle: Handelsblatt ePaperArtikel anhören

Sicherheit für die Anleihen?

Foto: dpa

Ober-Ramstadt. Grau ist der Himmel über dem hessischen Ober-Ramstadt, grau sind die Mehrfamilienhäuser, und grau ist die Katze, die am Zaun des Werksgeländes von Penell entlangschleicht. Hier, im Bermudadreieck zwischen Lidl-Parkplatz, Farbfabrik und dem Tanztreff Babylon, soll ein Schatz verschwunden sein: Rund 7,3 Millionen Euro sei er wert, so hieß es vor nicht einmal einem Jahr.

Rückblende: Im Mai 2014 wirbt Kurt Penell, Chef des gleichnamigen Familienunternehmens aus der Nähe von Darmstadt, um die Gunst von Anlegern. Die Firma mit nicht einmal 40 Mitarbeitern hat sich auf die Lieferung von Kupferkabeln für Großbaustellen spezialisiert – vor allem für Tunnel. Penell sei bei „allen interessanten Tunnelprojekten weltweit vertreten“, sagt Kurt Penell in einem Interview.

Die Anleihe, die in den Freiverkehr der Börse Düsseldorf aufgenommen wird, ist nur fünf Millionen Euro groß. Selbst für Mittelstandsanleihen, die wegen ihres geringen Volumens auch Minibonds genannt werden, ist das wenig. So wäre die Geschichte der Penells nur eine Randnotiz im dicken Buch der Minibond-Skandale, wenn sie nicht so unglaublich wäre. Denn um die Anleger von der Anleihe zu überzeugen, verspricht Penell ihnen „maximale Sicherheit“. Geht etwas bei der Firma schief, dann ist ja noch immer das Kupfer in den Kabeltrommeln als Sicherheit da, so verspricht es der Wertpapierprospekt.

So kommt es, dass dieser Tage merkwürdige Gäste in Ober-Ramstadt gesichtet werden. Anleger erklimmen den Hügel neben der Farbfabrik und fotografieren die Kabelrollen auf dem Werksgelände, in denen Kupfer im Wert von 7,3 Millionen Euro stecken soll. Das Problem: Das tut es nicht.

Von den Kupferbeständen, die Penell auf der Firmenhomepage noch immer als „solide Sicherheit für Anleger“ bezeichnet, existiert wohl nur ein Bruchteil, wie das Unternehmen inzwischen einräumte. Mehr noch: Lagerbestände sollen gefälscht, Rechnungen im Auftrag der Ex-Chefin fingiert worden sein.

Risiken und Nebenwirkungen von Hochzins-Anleihen
Hochzinspapiere erscheinen relativ attraktiv, da finanzstarke Emittenten nur extrem niedrige Zinsen zahlen. Gerade schwach beleumundete Schuldner sind auf steigende Preise für ihre Produkte angewiesen, um ihren Verpflichtungen nachzukommen. Signalisieren die Niedrigzinsen gar eine Phase fallender Preise (Deflation), steigt das Pleiterisiko erheblich.
Unternehmensanleihen im Rahmen der Streuung des Depots beimischen. Deutet sich eine Phase fallender Güterpreise an, sollten Anleger ihre Hochzinsanleihen verkaufen und keine Neuengagements eingehen.
Bei steigenden Zinsen bieten Hochzinspapiere und Schrottbonds etwas Schutz vor sehr hohen Kursverlusten, weil sie einen relativ hohen Kupon bieten. Allerdings kommen lang laufende Papiere spätestens dann unter Druck, wenn sich neue Papiere gut beleumundeter Schuldner im Zins den Kupons alter Schrottbonds deutlich annähern.
Papiere mit einer Bonität knapp unterhalb der Investitionsklasse mit einer Laufzeit bis zu rund vier Jahren sind attraktiv. Allgemeine Konjunktur- und Branchenprobleme oder individuelle Fehlgriffe des Managements bedrohen Hochzinsbonds generell.
In Phasen halbwegs erträglicher Konjunktur und fallender Zinsen sind Hochzinsbonds gut geeignet. Diese Kombination dürfte es aber in den kommenden Jahren kaum noch geben.

So steht es im Entwurf für einen Bericht der Berliner Wirtschaftsprüfung MSW, der dem Handelsblatt vorliegt. MSW ist der Treuhänder der Anleihe, sozusagen der Hüter des Schatzes. Eines Schatzes, den es so wohl niemals gab. Denn im vergangenen November fliegt bei einer Prüfung auf, dass Penell die Lagerbestände viel zu hoch veranschlagt hat. Firmenchef Kurt Penell gerät unter Druck – und gesteht den MSW-Treuhändern laut Bericht, dass die Zahlen „nach oben korrigiert“ worden waren.

Im Auftrag von Kurt Penell nehmen die MSW-Mitarbeiter die Vergangenheit der Firma unter die Lupe. Und stellen fest: Bei Inventuren wurden Gegenstände gezählt, die sich nicht oder nicht mehr im Lager befanden. Im Geschäftsjahr 2012 soll so Vorratsvermögen für 1,6 Millionen Euro erfunden worden sein; im Jahr 2014 – vor der Emission der Anleihe – war es schon mehr als doppelt so viel. So wuchs der mysteriöse Kupferschatz heran. Tatsächlich sollen die gesamten Vorräte von Penell laut MSW zuletzt maximal 2,3 Millionen Euro wert gewesen sein. Davon entfallen nur rund 620.000 Euro auf Kupfer.

Laut MSW sollen Penell-Mitarbeiter nachträglich Inventurlisten ergänzt haben, um Bestände aufzubauschen. Die Bilanzen wurden vom Hamburger Wirtschaftsprüfer TPW testiert. Die Prüfer wollen sich zu dem Mandat nicht äußern.

Mit den mutmaßlichen Bilanzfälschungen sollen die Penells über Jahre ihre Verluste kaschiert haben, so der MSW-Bericht: Während das Unternehmen in seinen Bilanzen stets Gewinn ausweist, soll Penell ab dem Jahr 2012 tatsächlich rote Zahlen schreiben. Allein zwischen April und Dezember des vergangenen Jahres fällt laut ihren Berechnungen ein Verlust von rund fünf Millionen Euro an. Penell habe mit „dolosen Handlungen“, also arglistig, die Zahlungsunfähigkeit verschleiert, so die Gutachter.

Trotzdem gönnen die Penells sich laut MSW ein ordentliches Gehalt: Rund 316.000 Euro fließen im vergangenen Jahr an drei Mitglieder der Familie.

Der amtierende Firmenchef Kurt Penell taugt trotzdem nicht recht als Bösewicht: Mitarbeiter sagen, er sei mit der Situation völlig überfordert. Die MSW-Gutachter schreiben, Penell sei „den Anforderungen, die an einen Geschäftsführer zu richten sind, in keiner Art und Weise gewachsen.“ Sie attestieren ihm „die fehlende Fähigkeit zu kalkulieren und das Phänomen, dolosen Handlungen seiner Mutter nicht zu widersprechen.“ Tatsächlich, so berichten Mitarbeiter übereinstimmend, ziehe seine Mutter Waldtraut Penell noch immer die Fäden im Unternehmen – und das im Alter von 79 Jahren. „Nach Auskunft einzelner Mitarbeiter wird die Eingangspost weiterhin von ihr gesichtet“, heißt es etwa im MSW-Bericht.

Dass Gründer nicht loslassen können, kommt bei Mittelständlern öfter vor. Doch laut MSW ging das Engagement von Waldtraut Penell deutlich über das erlaubte Maß hinaus. Sie soll ab Mai 2013 Forderungen an ein Factoring-Unternehmen verkauft haben, um an Geld zu kommen. Forderungen, die es so gar nicht gab: Penell-Mitarbeiter bestätigen dem Treuhänder, dass „einzelne Rechnungen auf Anweisung der Geschäftsführerin, Frau Waldtraut Penell, erstellt wurden“. Dabei seien gar keine Leistungen erbracht worden.

Penell habe die Rechnungen nach einigen Tagen storniert – und sich mit der Masche dringend benötigtes Kapital verschafft. Im vergangenen September soll das Factoring-Unternehmen die Zusammenarbeit mit Penell beendet haben. Eine fast 80-Jährige, die Rechnungen fälscht? Auch dazu schweigt Waldtraut Penell. Zu einer Anfrage des Handelsblatts wollen Kurt und Waldtraut Penell sich nicht äußern – mit Hinblick auf die laufenden Ermittlungen. Denn auch die Darmstädter Staatsanwaltschaft interessiert sich für den Fall: Sie ermittelt wegen Betrugs.

Im Dezember 2014 scheidet Waldtraut Penell aus der Geschäftsführung aus – zwei Wochen nachdem das Unternehmen per Pressemitteilung eingeräumt hat, dass die Kupferbestände viel kleiner ausfallen als gedacht.

Für die Kupferschwindsucht präsentiert ein Insider eine so abenteuerliche wie einfache Erklärung: Bei Penell sei ein Kilometer nur hundert Meter lang gewesen. So sei den Treuhändern von MSW zehnmal mehr Material präsentiert worden als vorhanden. Trotzdem dauerte es Monate, bis die Treuhänder begriffen, dass ihnen falsche Zahlen präsentiert wurden. „Wir waren auf die Daten angewiesen, die wir von Penell erhielten“, heißt es heute bei MSW. Man habe so schnell wie möglich reagiert – und sich an die Bestimmungen des Treuhandvertrags gehalten.

Was die Treuhänder von MSW nach eigenen Angaben nicht wussten: Bevor die Penells den Anlegern das Warenlager als Sicherheit versprachen, hatten sie es schon jemand anderem überlassen. Die genossenschaftliche DZ Bank, bei der Penell ebenfalls in der Kreide steht, meldet Ansprüche auf das verbliebene Kupfer an.

Bei ihren Recherchen entdecken die misstrauisch gewordenen MSW-Mitarbeiter einen „Sicherungsübereignungsvertrag“ vom April 2013, der zugunsten der Genossenschaftsbank ausgestellt wurde. Die DZ Bank möchte sich dazu nicht äußern. So scheint es, als täuschten die Penells gleich drei Parteien: Die DZ Bank, den Treuhänder und die Anleger der Mittelstandsanleihe. Doch wie schaffte es ein Unternehmen wie Penell überhaupt an den Kapitalmarkt? Bei der Emission stand der Firma der Finanzberater Dicama zur Seite.

„Wir haben die Emission von Penell nach bestem Wissen begleitet und geprüft“, sagt Dicama-Vorstandssprecher Markus Dietrich. „Die Zahlen, die Penell präsentierte, hatten Wirtschaftsprüfer uneingeschränkt testiert.“ Inzwischen habe man die Anforderungen an künftige Emittenten deutlich erhöht.

Zwar zählt zum Erfolgsrezept von Geschäftsbeziehungen, dass man nicht jede Wahrheit ausspricht. Doch Dicama hätte zumindest ahnen können, dass Penell nicht für den Anleihemarkt gewappnet war. Das legt ein weiteres Gutachten nahe, das ein externer Wirtschaftsprüfer im Rahmen der Anleiheemission erstellte. Ihm kommt die „überdurchschnittlich lange Kapitalbindung“ bei Penell spanisch vor. Sie solle „kritisch geprüft werden“.

Der Prüfer sieht „nicht zu unterschätzende Risiken bei Management-Ressourcen, kaufmännischer Transparenz und Kapitalbindung.“ Zwar könne Penell von der Anleihe profitieren, aber das Gutachten hält es „für zwingend erforderlich, die ‚endogenen Strukturprobleme‘ kurzfristig abzustellen“.

Verwandte Themen
Deutschland

Der Bond geht trotzdem an den Markt. Die Pläne von Penell seien durchaus machbar gewesen, sagt Dicama-Chef Dietrich heute – vorausgesetzt, die Zahlen hätten gestimmt. Doch das taten sie nicht.

„Um es klar zu sagen, Penell wird es auch ohne Anleihe weiter geben“, hatte Kurt Penell im vergangenen Jahr noch versprochen. Am Montag vor einer Woche beantragte er für seine Firma die Insolvenz.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt