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Klimapioniere Ikea will wachsen und gleichzeitig klimapositiv werden

Vegane Köttbullar, Secondhand-Möbel, begrünte Einrichtungshäuser: Der Möbelhändler investiert Milliarden in Klimaschutz – und Erfolge sind sichtbar.
10.12.2020 - 12:52 Uhr Kommentieren
Das Einrichtungshaus arbeitet schon länger an seiner Klimabilanz.  Quelle: dpa
Ikea

Das Einrichtungshaus arbeitet schon länger an seiner Klimabilanz. 

(Foto: dpa)

Düsseldorf Am Anfang stand die Frage, was sich die Bürger wünschen würden für den attraktiven Standort direkt am Wiener Westbahnhof, wenn sie die freie Wahl hätten. „Die Antwort war klar – einen innerstädtischen Park“, so Jakob Dunkl vom beauftragten Architekturbüro Querkraft. Die Aufgabe lautete jedoch, ein neues Einrichtungshaus von Ikea zu bauen – allerdings eines der etwas anderen Art.

Das Ergebnis ist praktisch ein vertikaler Park mit 160 Bäumen, in dem das Möbelhaus, ein Hostel und vier Wiener Traditionsgeschäfte untergebracht sind. Das Gebäude, das zurzeit im Bau ist und im kommenden Jahr eröffnet werden soll, wird gut mit Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sein und soll einen positiven Beitrag zum Mikroklima der Stadt leisten.

Es wird in der fünfstöckigen Ikea-Filiale auch kein klassisches Lager für Möbel zum Mitnehmen mehr geben. Die Einkäufe werden den Kunden klimaschonend nach Hause geschickt. Das Konzept von Ikea wurde mit dem „Greenpass Platinum“-Zertifikat ausgezeichnet, dem ersten internationalen Zertifizierungsstandard für Klimaresilienz.

Das Start-up Greenpass, das dieses Zertifikat vergibt, ist aus dem Forschungsprojekt Green4Cities hervorgegangen und unterstützt mit seiner Software Stadtplaner und Architekten.

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    Projekte wie der Neubau in Wien dienen einem ehrgeizigen Ziel: Bis zum Jahr 2030 will der Möbelhändler Ikea nicht nur klimaneutral, sondern klimapositiv werden. Das Unternehmen will den Spagat schaffen, zwar weiterzuwachsen, gleichzeitig aber die Auswirkungen auf die Umwelt so gering wie möglich zu halten.

    Um dieses Ziel zu erreichen, hat Ikea zusätzliche Investitionen in Höhe von 600 Millionen Euro in den Klimaschutz angesetzt. Damit summieren sich die Ausgaben für Nachhaltigkeitsmaßnahmen auf insgesamt 3,8 Milliarden Euro.

    Umweltschutzorganisationen wie das Carbon Disclosure Project (CDP) bescheinigen Ikea, auf einem guten Weg zu sein. Im gerade veröffentlichten Ranking für 2020 bekommt Ikea beim Klimaschutz mit „A“ die Bestnote. Bei der Bewertung 2017 hatte der Konzern schon ein „A–“ erhalten.

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    Maxfield Weiss, Direktor für Corporate Engagement bei CDP in Europa, sieht deutliche Fortschritte. Das Unternehmen habe sich mehr geöffnet und werde transparenter. „Bei Ikea haben wir noch mal eine deutliche Verbesserung gesehen, das ist ermutigend“, berichtet er, „das Unternehmen zählt im Klimaschutz zu den Vorreitern.“

    Vorzeigefiliale in Kaarst spart 700 Tonnen CO2 pro Jahr

    Um das weiter voranzutreiben, sollen gerade die Landesgesellschaften des Unternehmens einen wichtigen Beitrag leisten. „Die Arbeit vor Ort ist entscheidend“, sagt Katarzyna Dulko-Gaszyna, Nachhaltigkeitsmanagerin bei Ikea Deutschland, im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Wir haben eine globale Strategie, aber wenn sie nicht in den einzelnen Ländern umgesetzt wird, werden wir nichts erreichen.“

    Vor zwei Jahren wurde der jeweilige Landeschef zusätzlich zum Chief Sustainability Manager ernannt. „Das war eine fundamentale Veränderung“, sagt Dulko-Gaszyna. „Damit wird es zu seiner zentralen Verantwortung, dass alle Funktionen im Unternehmen die Nachhaltigkeitsstrategie unterstützen. Und dadurch wird noch deutlicher, dass Klimaschutz eine Aufgabe aller Mitarbeiter ist.“

    Und da kommt dem deutschen Markt eine wichtige Stellung im Unternehmen zu. Immerhin werden hier 15 Prozent des weltweiten Umsatzes gemacht.

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    Auch in Deutschland sind die Gebäude ein wichtiger Ansatzpunkt für Fortschritte im Klimaschutz. „Sie machen zwar nur drei bis vier Prozent des CO2-Abdrucks aus, aber mit 54 Einkaufshäusern in Deutschland haben wir trotzdem einen guten Hebel, um etwas zu bewirken“, erklärt die Nachhaltigkeitsmanagerin. „Wir haben es in der Hand, welchen Einfluss der Betrieb der Gebäude auf das Klima hat, etwa beim Energieverbrauch oder der Abfallentsorgung.“

    In Deutschland steht auch das bisherige Vorzeigeprojekt des Konzerns beim Thema Nachhaltigkeit: das Einrichtungshaus in Kaarst mit seinen begrünten Terrassen und einer begehbaren Dachlandschaft. Entscheidend aber ist das Energiekonzept, das Blockheizkraftwerk, Solarthermie, Photovoltaik und die Wiederverwendung von Regen- und Abwasser kombiniert. Allein das Blockheizkraftwerk und die Photovoltaikanlage sparen nach Angaben von Ikea pro Jahr 700 Tonnen CO2 ein.

    Wenn man klimapositiv werden wolle und auf die komplette Wertschöpfungskette schaue, müssten jedoch viele Entscheidungen global getroffen werden. „Allein die eingesetzten Materialien machen schon mehr als 40 Prozent des CO2-Fußabdrucks aus“, berichtet Dulko-Gaszyna. Dazu kommen noch 25 Prozent aus der Benutzung und Entsorgung der Produkte.

    Wie schwer es ist, bei einem wachsenden Großkonzern die absolute Belastung des Klimas zu reduzieren, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Obwohl sich Ikea schon seit Jahren für den Klimaschutz engagiert, ist erst im Geschäftsjahr 2019 erstmals die ausgestoßene Menge an Kohlendioxid zurückgegangen – von 26,1 auf 24,9 Millionen Tonnen CO2-Äquvalent.

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    Ein Unternehmen wie Ikea hat schon durch seine schiere Größe und sein Geschäftsmodell einen riesigen Einfluss auf das Klima. So entfällt beispielsweise ein Prozent des kompletten weltweiten Holzverbrauchs auf Ikea. Das Unternehmen versucht deshalb, den Anteil des Holzes aus nachhaltiger Waldwirtschaft zu steigern.

    So waren nach Angaben von Ikea im vergangenen Jahr schon 91 Prozent des verwendeten Holzes als nachhaltig deklariert. Das Unternehmen ist auch Gründungsmitglied der Organisation, die das Siegel FSC vergibt. Umweltorganisationen kritisieren jedoch immer wieder, dass illegal geschlagenes Holz in das FSC-System eingeschleust werde.

    Gleichzeitig versucht Ikea deswegen, den Holzverbrauch in den Möbeln zu verringern. So werden seit einigen Jahren viele Produkte in der sogenannten Board-on-Frame-Technik hergestellt, bei der zwischen dünnen Hartfaserplatten recyceltes Wabenpapier eingesetzt wird. Das spart nicht nur Holz, sondern macht die Möbel auch leichter, wodurch der CO2-Verbrauch im Transport verringert wird.

    Ikea hat bereits eine vegane Alternative zu den beliebten Fleischbällchen im Angebot. Quelle: obs
    Vegane Plantbullar

    Ikea hat bereits eine vegane Alternative zu den beliebten Fleischbällchen im Angebot.

    (Foto: obs)

    Ein weiteres Beispiel sind die beliebten Köttbullar: In den Einrichtungshäusern werden weltweit jedes Jahr rund eine Milliarde dieser Fleischbällchen verkauft. Die Rindfleischproduktion gilt jedoch weltweit als einer der größten Verursacher von Treibhausgasen. Pro Kilo Rindfleisch entstehen 13,3 Kilo CO2-Äquivalent.

    Ikea hat deshalb schon vor fünf Jahren die vegetarischen Grönsaksbullar eingeführt. Seit Kurzem gibt es unter dem Namen Plantbullar auch eine vegane Variante.

    Ein Ziel von Ikea ist es auch, dass die einzelnen Möbel länger genutzt werden, was ebenfalls dem Klimaschutz dient. Das Konzept für einen Secondhand-Markt für Produkte wie Billy und Co. wurde vor zwei Jahren von der deutschen Landesgesellschaft entwickelt und wird jetzt in immer mehr Ländern ausgerollt.

    Einen Push bekam der Secondhand-Handel mit der Idee des Unternehmens, einen „Buy Back Friday“ auszurufen als Alternative zum Black Friday. Kunden bekommen dabei einen Wertgutschein, wenn sie ihre gebrauchten Ikea-Möbel zurückgeben, die dann im Markt zu reduzierten Preisen weiterverkauft werden. Die Zahl der zurückgegebenen Möbel hat sich durch den medialen Hype um den „Buy Back Friday“ verachtfacht.

    Trotz all dieser Maßnahmen ist der Weg zum klimapositiven Weltkonzern weit. „Du musst immer wieder Kompromisse machen, aber es geht in die richtige Richtung“, sagt Nachhaltigkeitsmanagerin Dulko-Gaszyna. „Und wichtig ist: Unsere Investitionen in Klimaschutz haben sich fast immer bezahlt gemacht, wir haben keine davon bereut.“

    Serie – Klimapioniere der Wirtschaft: Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht ein neues Unternehmen auf der Welt seine frisch gesetzten Klimaziele und Ambitionen für die Energiewende erklärt. Dabei gibt es einige, die dem Trend der „Green Economy“ schon lange vorausgehen und seit vielen Jahren beweisen, dass Ökologie und Ökonomie kein Widerspruch sein müssen. In unserer Serie stellen wir ein paar dieser „Klimapioniere“ vor.

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