Öl und Gas: Big Oil schreibt Milliardengewinne – schlechte Nachricht für Verbraucher
Für die Öl- und Gasbranche könnte es derzeit kaum besser laufen.
Foto: dapdDüsseldorf. Die großen Öl- und Gaskonzerne vermelden aktuell eine Rekordzahl nach der anderen: die höchsten Gewinne seit sieben Jahren, einen Cashflow wie zuletzt 2008 und so wenig Schulden wie seit Langem nicht mehr.
Wo die fünf Branchengrößen Exxon Mobil, Chevron, Shell, BP und Total Energies im vergangenen Jahr noch ein Minus von mehr als 60 Milliarden Dollar verkraften mussten, verbucht „Big Oil“ 2021 ein Plus von fast 90 Milliarden. Die Erwartungen der Analysten sind damit zum größten Teil übertroffen worden.
Spitzenreiter ist der US-Konzern Exxon Mobil mit 23 Milliarden Dollar Gewinn, dicht gefolgt von der britischen Shell. Aber auch der kleinste im Bunde, die französische Total Energies, kommt noch auf einen Nettogewinn von 16 Milliarden Dollar.
Gute Bilanz für BP, Exxon, Shell und Co.
„Im vierten Quartal stiegen die Ölpreise weiter an, während die Gaspreise in Europa und Asien aufgrund der steigenden Nachfrage ein Allzeithoch erreichten und die europäischen Strompreise auf Rekordniveau sind“, sagte Total-CEO Patrick Pouyanné bei der Vorstellung der Zahlen am Freitag. Besonders das LNG-Geschäft sowie das Stromsegment hätten im vergangenen Jahr für ein gutes Ergebnis gesorgt.
Diese Ausgangslage sorgt für Feierlaune bei den Öl- und Gaskonzernen. Nachdem die fossile Branche 2020 das wirtschaftlich schlimmste Jahr ihrer Geschichte erlebt hat, werden die Gewinnmaschinen ihrem Ruf wieder gerecht. Das freut vor allem ihre Aktionäre.
Mit Ausnahme von Exxon Mobil und BP haben alle Supermajors ihre Dividende deutlich erhöht. Seit einem Jahr steigen die Kurse der Ölkonzerne kräftig. Fast alle Unternehmen konnten den massiven Kursabsturz bei Ausbruch der Coronapandemie mittlerweile kompensieren.
Die US-Konzerne Chevron, Exxon Mobil und Wettbewerber Total Energies aus Paris legten dabei die beste Performance hin. Die britischen Unternehmen Shell und BP liegen zwar deutlich dahinter, konnten aber ebenfalls zulegen.
Das liegt vor allem an der neu entdeckten Ausgabendisziplin. 2020 verbrachten die Unternehmen mit aggressiven Kostensenkungen, kündigten Zehntausende Entlassungen an und kürzten in einigen Fällen ihre Dividenden. Damit waren sie gut für 2021 gerüstet, als sich der Einbruch in eine bemerkenswerte Rally verwandelte.
Ölpreis wird auf hohem Niveau bleiben
„Der Ölpreis ist so hoch wie seit sieben Jahren nicht mehr. 2022 werden Angebot und Nachfrage wieder ausgeglichen sein“, sagte BP-Chef Bernard Looney bei der Vorstellung der Jahreszahlen in London.
Trotzdem bleibe der Energiemarkt volatil, mit international massiv gestiegenen Gaspreisen, geopolitischen Unwägbarkeiten und leeren Speichern. „Wir glauben deswegen, dass der Ölpreis auch weiterhin steigen wird.“ Die Chefs der großen Ölkonzerne warnen einhellig: Verbraucher müssen sich jahrelang auf hohe Energiepreise einstellen.
Allein im Januar legte der Preis in der Spitze um 17 Prozent auf mehr als 90 US-Dollar je Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zu. Infolge der weltweiten Lockerungen der Covid-19-Beschränkungen erholt sich die globale Wirtschaft deutlich schneller als angenommen, die Ölnachfrage gleich mit.
Die Internationale Energieagentur (IEA) hatte ihre Prognose für 2022 im Dezember sogar überraschend nach oben angepasst. Die Nachfragedynamik sei angesichts der milderen Folgen der Omikron-Variante des Coronavirus stärker als von vielen Marktbeobachtern gedacht, sagte IEA-Chef Fatih Birol.
Weil die Ölkonzerne seit der großen Preiskrise 2014 einen ordentlichen Sparkurs hingelegt haben, können sie sich jetzt über hohe Gewinne freuen. Das sind zwar gute Nachrichten für die Konzerne, aber schlechte Nachrichten für Verbraucher. Bereits im vergangenen Jahr verteuerte sich Rohöl um rund 55 Prozent, und in Europa und den USA ächzt die Bevölkerung unter Rekordspritpreisen.
„Ich habe keine guten Nachrichten zu verkünden, die Ölpreise werden hoch bleiben“, sagte auch Total-Energies-CEO Pouyanné. In Frankreich ist die Situation so angespannt, dass der Ölkonzern am Donnerstag ankündigte, Kunden einen Gutschein über je 100 Dollar auszuzahlen, um bei der Bewältigung hoher Energierechnungen zu helfen.
Öl und Gas werden weiter knapp gehalten
Denn nicht nur der Ölpreis ist enorm gestiegen, die Erdgaspreise haben sich im vergangenen Jahr mehr als verdreifacht. Ende vergangenen Jahres hatten sie aufgrund niedriger saisonaler Lagerbestände Rekordhöhen erreicht.
„Was wir erwarten können, ist Volatilität in den kommenden Monaten und Jahren“, sagte BP-CEO Looney, nachdem das britische Unternehmen den höchsten Gewinn seit acht Jahren gemeldet hatte. Die Knappheit am Markt ist ein weiterer Faktor für die steigenden Öl- und Gaspreise.
Auch Equinor, Europas zweitgrößter Pipeline-Gaslieferant nach der russischen Gazprom, meldete in dieser Woche einen Rekordgewinn. Vorstandsvorsitzender Anders Opedal sagte, er erwarte, dass der europäische Gasmarkt angespannt und die Nachfrage in diesem Jahr stark bleibe, da die unterdurchschnittlichen Lagerbestände wieder aufgefüllt werden müssten. „Man könnte sich eine Welt vorstellen, in der die Ölpreise aufgrund mangelnder Investitionen viel, viel höher sind, obwohl sich die Energiewende beschleunigt“, sagte Looney.
Denn vor allem die europäischen Multis halten an ihrem langfristigen Strategieschwenk weitestgehend fest. So will BP die Ölproduktion bis 2030 um 40 Prozent oder etwa eine Million Barrel pro Tag reduzieren, auch durch den Verkauf von Öl- und Gasanlagen.
Konkurrent Shell hatte bereits im September sein größtes US-Ölfeld für fast zehn Milliarden Dollar verkauft. Ebenfalls vor dem Hintergrund, die Investitionen in fossile Förderungen auf Druck von Politik, Aktivisten und Aktionären weiter zurückzufahren.
Die Vereinigung der Erdöl exportierenden Länder (Opec) heizt die Energiepreisrally zusätzlich an. Bei ihrem Gipfeltreffen Anfang Februar beschloss die Opec plus, die Fördermengen auch zukünftig nicht weiter zu erhöhen als bislang geplant. Es bleibt bei einer Ausweitung der Tagesfördermenge um 400.000 Barrel. Die Ölmärkte werden damit weiter künstlich knapp gehalten.