Summer Schools: So werden Ferien im Elite-Internat möglich
Kiel. Das Eton College zählt zu den exklusivsten Privatschulen der Welt: Jungen müssen sich drei Jahre im Voraus anmelden und ein strenges Auswahlverfahren überstehen. Mädchen sind gar nicht zugelassen. Das britische Elite-Internat zeigt wenig Verständnis für mäßige Noten oder holpriges Englisch. Von den Auserwählten wird erwartet, dass sie mindestens zwei Jahre bleiben – bei Kosten von rund 60.000 Euro pro Schuljahr. Kein Wunder, dass man an der Kaderschmiede nur selten deutsche Austauschschüler trifft. „Es ist schon sehr lange her, dass wir einen Jungen in Eton untergebracht haben“, sagt Ferdinand Steinbeis von der Internatsberatung von Bülow Education.
Und doch gibt es hierzulande Jungen und sogar Mädchen, die von sich sagen können, dieselbe Schule besucht zu haben wie britische Prinzen und Premierminister – in den Sommerferien. Denn für Summer Schools öffnen manche britischen Internate ihre Tore für Gäste. Jugendliche aus aller Welt bevölkern dann die Zimmer der Privatschüler und drücken dieselben Schulbänke.
In Eton können Teenager in den Ferien etwa ihr Englisch verbessern oder Kurse in Mathe, Medizin oder Geschichte belegen. Nachmittags stehen Ausflüge und Aktivitäten an. Wer will, kann zum nahe gelegenen Schloss Windsor bummeln, im Pool schwimmen oder auf dem berühmten Regattasee rudern, auf dem schon olympische Wettkämpfe stattfanden.
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Die Idee für die akademischen Ferienprogramme stammt aus den USA, wo Summer Camps eine lange Tradition haben. Auch in Großbritannien gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Angeboten für unterschiedliche Altersstufen, Interessen und Geldbeutel – oft in filmreifer Kulisse oder faszinierender Natur.
Das Konzept kommt an: Ferienaufenthalte in englischen Internaten würden bei deutschen Familien immer beliebter, heißt es beim Fachverband Deutscher Sprachschulen und Sprachreise-Veranstalter (FDSV). Teenie-‧Serien wie „Maxton Hall“, „Young Royals“ oder „Elite“ lassen grüßen. Großbritannien ist für jugendliche Sprachschüler das meistgebuchte Ziel, fast 70 Prozent entscheiden sich dafür.
Ganz nebenbei fördert das Reisen ohne Eltern und das Zusammenleben mit Gleichaltrigen aus aller Welt die persönliche Entwicklung. „Summer Schools sind eine gute Möglichkeit, um Toleranz, Teamfähigkeit, Selbstständigkeit und Verhandlungsgeschick zu trainieren“, so Steinbeis, dessen Agentur Auslandsaufenthalte an britischen Internaten vermittelt. Er rät interessierten Familien, sich vor der Entscheidung umfassend über Inhalte und Anbieter zu informieren: „Preislich und qualitativ gibt es große Unterschiede.“
Bei Summer Schools für Schüler aus dem Ausland steht in der Regel der Sprachunterricht im Mittelpunkt, akademische Programme wenden sich eher an englischsprachige Schüler. Wer sich in Englisch fit genug fühlt, ist jedoch willkommen und kann aus einer breiten Themenpalette wählen, von Storytelling für Nachwuchsautoren bis zu Global Leadership oder International Business. Exkursionen und gemeinsame Outdoor- und Freizeitaktivitäten ergänzen das Lernprogramm.
Keine Garantie für Exzellenz
Die bloße Tatsache, dass eine Summer School in Oxford, Cambridge oder Eton stattfindet, ist jedoch keine Garantie für akademische Exzellenz oder gar persönliche Kontakte zu Elite-Schülern und ihren Lehrern. Die haben in dieser Zeit Ferien. Die Sommerkurse am Eton College etwa werden von privaten Unternehmen veranstaltet, die lediglich die Räumlichkeiten mieten. Auch hinter den Summer Schools an Spitzenuniversitäten wie Oxford oder Cambridge stehen bis auf wenige Ausnahmen private Veranstalter (siehe Kasten). Die Hochschulen selbst stellen weder Konzepte noch Personal.
Anbieter wie Oxford Summer Courses, Oxford Royale oder Summer Boarding Courses (SBC) räumen zwar ein, nicht mit ihren akademischen Hausherren verbunden zu sein. Doch alle betonen, sich an deren Lehrmethoden zu orientieren und Studierende oder Alumni als Lehrkräfte zu beschäftigen. Für beide Seiten ein gutes Geschäft: Den renommierten Instituten beschert die Ferienvermietung willkommene Zusatzeinnahmen; die Anbieter profitieren von der Strahlkraft weltbekannter Bildungsmarken und können dafür Höchstpreise verlangen.
So kostet die zweiwöchige „Oxford College Experience“, die Teenagern zwischen 15 und 17 einen Einblick in potenzielle Studienfächer wie Computer Science, Engineering oder Recht vermittelt, bei SBC umgerechnet 7200 Euro. Ähnliche Preise ruft Wettbewerber Oxford Royale für seine „Cambridge Business Summer School“ auf, die 16- bis 18-Jährige zu innovativen „Future Business Leaders“ machen soll. Auf den Summer Schools des Londoner Veranstalter InvestIn treffen die Jugendlichen Investmentbanker, Filmemacher oder forensische Ermittler und besuchen Unternehmen.
Das Premiumpaket inklusive Business English, Karrierecoaching, Galadinner mit Professionals und persönlichem Referenzschreiben kostet mit Unterkunft und Verpflegung für zwei Wochen rund 8200 Euro. Viel Geld im Vergleich zu einer klassischen Sprachreise, die laut FDSV im Schnitt für 14 Tage mit 1245 Euro zu Buche schlägt.
Allen, die einen authentischen Eindruck vom Internatsleben suchen, empfiehlt Steinbeis Summer Schools, die von den Privatschulen selbst durchgeführt werden. Hier unterrichten die eigenen Lehrer, teilweise engagieren sich Internatsschüler als Paten.
Testlauf fürs Internatsleben
Die Kosten für solche Programme liegen umgerechnet zwischen 1200 und 2400 Euro pro Woche und werden von Agenturen wie Bülow Education, Töchter & Söhne oder Stanford & Ackel vermittelt. Auch ein Blick auf die Website der britischen Boarding Schools Association (BSA) hilft weiter. Allerdings sollten Interessierte langfristig planen: „Beliebte und bewährte Summer Schools an renommierten Internaten sind teilweise ein bis zwei Jahre im Voraus ausgebucht“, sagt Bildungsberater Steinbeis.
Für deutsche Privatschulen wie Louisenlund, UWC Robert Bosch oder Schloss Salem sind Ferienangebote eine gute Gelegenheit, interessierten Familien ihr Schulkonzept zu präsentieren. „Rund die Hälfte entscheidet sich später für Louisenlund als Internat“, sagt Schulleiter Peter Rösner. Auch in Salem hat rund jeder fünfte Schüler zuvor eine Summer School besucht.
Die Konzepte sind ähnlich multikulturell wie bei den britischen Vorbildern: „Letztes Jahr hatten wir Schüler aus Norwegen, Frankreich, Dubai und Taiwan“, so Rösner. Mit Gebühren zwischen 550 und 3150 Euro sind die Kurse im internationalen Vergleich fast schon ein Schnäppchen und regelmäßig ausgebucht. „Young Royals“ gibt es schließlich auch bei Netflix.