Kommentare

_

Kommentar: Ist die „Bild“ Segen oder Fluch?

Die „Bild“ wird 60 Jahre alt. Deutschlands führendes Boulevard-Blatt ist das pralle Leben, mit Sternstunden und Abgründen. Und „Bild“ polarisiert - immer noch. Die Kritik der linken Eliten aber zeugt von einem Menschenbild unmündiger Bürger.

Nur eine von vielen Schlagzeilen, die Geschichte schrieb: Ein riesiges Plakat an der Fassade des Axel-Springer-Hochhauses, das Papst Benedikt XVI auf einer Titelseite der „Bild“ zeigt. Quelle: dpa
Nur eine von vielen Schlagzeilen, die Geschichte schrieb: Ein riesiges Plakat an der Fassade des Axel-Springer-Hochhauses, das Papst Benedikt XVI auf einer Titelseite der „Bild“ zeigt. Quelle: dpa

Der "Zeit"-Reporter Ulrich Stock hat die "Bild"-Zeitung einmal mit einem Jahrmarkt verglichen: "mit Schießbuden, Achterbahnen, Gruselkabinetten, Fischbrötchen, Handlesen und Hau-den-Lukas".

Anzeige

Am Sonntag wird "Bild" 60 Jahre alt - und noch immer ist das Blatt laut, grell, bunt - selten dumm, manchmal vulgär, gelegentlich hintergründig, schon auch mal ungerecht und verletzend, oft kreativ, häufig platt, ab und zu genial, immer unterhaltsam und niemals langweilig.

"Bild" ist das pralle Leben mit seinen Sternstunden und seinen Abgründen. Und "Bild" polarisiert - immer noch.

Für Günter Grass ist das vom Presserat meistgerügte Blatt Deutschlands ein "Instrument des Appells an die niederen Instinkte" und "regelrecht widerlich". Sein Schriftstellerkollege Max Goldt findet: "Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen." "Bild"-Redakteure hält er für "schlechte Menschen, die Falsches tun".

Diskussion in der Arena Darf man die Bild-Zeitung lesen?

In diesen Tagen feiert die Bild ihren 60. Geburtstag. Was meinen Sie? Muss man Deutschlands größte Boulevard-Zeitung lesen? Darf man sie lesen? Unsere Leser haben mit uns in der Arena diskutiert.

Diskussion in der Arena: Darf man die Bild-Zeitung lesen?

Viele Intellektuelle und Künstler stören sich vor allem daran, dass "Bild" die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ereignisse nicht (nur) beobachtet - sondern Position bezieht und Teil des Geschehens wird. Während andere Zeitungen oft krampfhaft versuchen, nüchtern, sachlich und - scheinbar - objektiv zu erscheinen, hält sich "Bild" mit solchen Fragen nicht auf. Von Fall zu Fall kämpfte das Blatt leidenschaftlich - gegen die Studentenbewegung, für die deutsche Einheit, gegen Sozialhilfemissbrauch oder für eine deutsche Stabilitäts- und Geldwertkultur in der Euro-Krise. "Bild" deckte Skandale wie die Bonusmeilen- und die Wulff-Affäre auf oder identifizierte pointiert und treffsicher gesellschaftliche Stimmungen, beispielsweise mit der legendären Schlagzeile: "Wir sind Papst."

Die Geschichte der Bild-Zeitung

  • Der Vater der Bild-Zeitung

    Axel Springer hatte ein großes Ziel: Er wollte "das größte Zeitungshaus Europas" schaffen - und es gelang ihm. Streitbar war der Verleger der Bild-Zeitung immer, aber besonders Ende der 60er-Jahre. Der Historiker Tim von Armin hat Springers Leben in seiner Biografie "Und dann werde ich das größte Zeitungshaus Europas bauen" (Campus Verlag) festgehalten. Es folgt der spannende Teil über die Einführung der Bild-Zeitung.

  • Die Vorbilder

    Inspiriert wurde Axel Springer von der Hamburger Morgenpost und dem britischen Daily Mirror. Beide zielten auf die Psyche des Ins-Büro-Fahrenden, wie Springer es ausdrückte. Damals war es ungewöhnlich, dass Tageszeitungen auf dem Weg zur ARbeit erworben wurden.

  • Die Idee

    Axel Springer persönlich war die treibende Kraft der Bild-Zeitung. Viele Details der Gründungsphase sind nur spärlich überliefert. Die Idee war von Beginn an eine am Morgen erscheinende, niedrigpreisige Boulevardzeitung. Vorbilder gab es nicht nur im Ausland ...

  • Die Preis-Strategie

    Die Bild-Zeitung sollte der Preisführer unter den deutschen Zeitungen und schon für zehn Pfennig zuhaben sein. Das entspricht dem Bestreben, die Bedürfnisse der breiten Bevölkerung zu erfüllen. Hier sah Springer ein enormes Absatzpotenzial.

  • Wie es zu nackten Frauen kam

    Natürlich gab es das Seite-1-Mädchen (übrigens jüngst in den Innenteil verbannt) damals noch nicht. Aber klar war von Beginn an, dass der Name "Bild"-Zeitung kein Zufall war. Springer war fasziniert von der fortschrittlichen anglo-amerikanischen Presse und der konsequenten Betonung visueller Effekte.

  • Das Logo

    Die vier dicken Buchstaben gibt es noch heute. Entworfen hat das Logo der Werbegrafiker Günther T. Schultz, ein langjähriger Freund Springers. Über den vier Lettern stand "10 Pfg" und darunter Zeitung".

  • Die Seite Eins

    Die erste Seite 1 der Bild-Zeitung sah völlig anders aus als heute. Sie bestand ausschließlich aus Fotos und Unterzeilen. Plus natürlich die dicke Überschrift. Die Fotos waren schwarz-weiß und entsprechend groß. So sollte die Wirkung der Bilder voll zur Geltung kommen.

    Kritik daran gab es im Verlagshaus durchaus. Doch Springer setzte sich durch gegenüber der Meinung, dass eine Seite 1 nicht nur aus Bildern bestehen könne.

  • Die Einführung der Bild-Zeitung

    Die Druckkosten-Kalkulation gab es im Oktober 1951. Es folgten viele Gespräche mit führenden Verlagsvertretern. Die erste Ausgabe hielten Leser am 24. Juni 1952. Die erste Auflage lag bei 500.000 Exemplaren. Sie wurden kostenlos in Hamburg verteilt.

    Springer nutzt die kurz darauf beginnenden Olympischen Spiele in Helsinki, da gerade zu dieser Zeit das Informationsbedürfnis der Leser besonders hoch war.

  • Erhebliche Startschwierigkeiten

    Ein Erfolgsmodell von Beginn an war die Bild nun wahrlich nicht. Trotz der vielen Bilder auf der Seite 1 und den boulevardesken Inhalten inklusive der Sinnsprüche und der berühmten Kolumne "Hans im Glück" war das Interesse am ersten Verkaufstag (25. Juni 1952) gering. Bis Ende 1952 lag die durchschnittliche verkaufte Auflage bei 165.000 Exemplaren und es war keine Besserung in Sicht.

  • Die Wende

    Axel Springer hielt aber an seinem Vorhaben fest - ließ aber mit sich reden. Umfang und Bedeutung der Textelemente wurden erhöht. Im Januar 1953 sagte Springer: "Wir müssen mehr Text machen." Es folgte ein experimenteller Prozess. (Wenig) Sex und (viel) Crime machten den wesentlichen Teil aus. Bis 1958 wuchs die Zahl der Redakteure von einer Handvoll auf über 100.

  • Der Durchbruch

    Der Erfolg setzte nach rund einem Jahr ein. Neben der redaktionellen Umgestaltung halfen auch Verbesserungen beim Vertrieb. Im September 1953 wurden erstmals über eine Million Exemplare verkauft. Ein Jahr später war die Bild Europas größte Tageszeitung.

  • Springers Rückzug

    Nach dem Durchbruch der Bild zog sich Axel Springer aus dem redaktionellen Tagesgeschäft zurück. Prägende Chefredakteure werden in den kommenden Jahren Rudolf Michael, Peter Boenisch und Günter Prinz.

Und ist das nicht eigentlich viel ehrlicher, als dem Leser eine (Schein) Objektivität vorzugaukeln und dabei sogar in Meinungsbeiträgen auf Ausgewogenheit zu achten? Keine Frage: "Bild" ist einseitig, dabei aber eben auch offen und direkt. Jeder Leser weiß, unabhängig von seinem Bildungsgrad, was das Boulevard-Blatt denkt, fühlt und fordert - und doch bringt gerade diese Meinungsstärke Teile unserer linken Eliten immer wieder gegen "Bild" auf.

Im Grunde offenbart diese Kritik ein Weltbild der willenlosen, manipulierbaren Massen, die jederzeit bereit sind, jemandem hinterherzulaufen - und sei es einer Zeitung. Dieser Blick auf die Menschen lag übrigens auch dem "Proletarischen Theater" des Regisseurs Erwin Piscator zugrunde, einer Agitprop-Truppe, die in der Weimarer Republik Arbeiter zu guten Sozialisten bekehren wollte.

  • 27.06.2012, 01:30 UhrW.S

    Wer nur Bild liest ist für mich ein ungebilderter Mensch
    ( Diskussionen zwecklos).Es werden massiv in der
    BZ Menschen in Europa und anderswo gegeneinander
    aufgehetzt, Vorurteile geschürt um die Auflagen zusteigern.
    Ich drau mich momentan aufgrund der Hasschlagzeilen
    nicht nach GL um Urlaub zu machen. Merkel, Schäuble und
    Bild lassen grüßen. So werden Völker bewusst auseinander
    dividiert. Es muss bei Bild ein umdenken erfolgen. Wie heißt es
    so schön:"der Mensch( Politiker) ist das Problem."
    MfG
    Walter Schmid

  • 22.06.2012, 20:10 UhrTabu

    auf den Punkt getroffen..
    Wer differenzieren kann,darf eh alles lesen..
    und solange Bild neben dem Busenbild auch noch
    Politisches Interesse weckt in dem Malocher,
    welches er in seiner Stammpinte diskutiert..wunderbar.
    Nichts trifft den Nagel oftmals dermaßen auf den
    Punkt,wie die einfache Volksseele.Da ist einiges an
    Unverfälschtheit zu registrieren.
    Dem Volk aufs Maul geschaut..auch wenns dem
    Intellektuellen schmerzt.

  • 22.06.2012, 14:46 UhrPRhodan

    Auch nach 60 Jahren gilt immer noch: BILD, blind, blöd! Die miserablen Pisa-Ergebnisse sind doch durch BILD erst möglich geworden. Denn schließlich liegt das Schmutzblatt in paar Millionen Haushalten herum und infizieren Kinder schon in frühen Jahren. Und nur noch peinlich finde ich es, dass jede Menge Promis, darunter sogar einer der SAP-Gründer vor diesen Jauchewagen spannen lassen. Es gibt kein Presseorgan in Deutschland, das häufiger zurecht verklagt und gerügt wurde. Und mit Einführung der Herdprämie kann in naher Zukunft vielleicht der Leser- und Auflageschwund wieder gestoppt werden. Eine ordentliche Spende von Springer an die CSU sollte dabei rausspringen.

  • Kommentare
Proteste in der Türkei: „Solange wir Raki trinken, soll uns Erdogan egal sein“

„Solange wir Raki trinken, soll uns Erdogan egal sein“

Ein Volk begehrt gegen seinen Präsidenten auf – gilt das für die Türkei? Nein. Die Protestler sind alles andere als glaubwürdig, meint der türkische Kabarettist und Bestseller-Autor Serdar Somuncu in seinem Gastbeitrag.

Kommentar: Mit einer Frauenquote wird die Wirtschaft besser

Mit einer Frauenquote wird die Wirtschaft besser

Dass die meisten Männer und Frauen in den Vorstandsetagen gegen eine Frauenquote sind, ist nicht verwunderlich. Dabei könnte sie dazu führen, dass die Führung von Unternehmen insgesamt besser wird.

  • Kolumnen
Was vom Tage bleibt: Eine Million Millionäre

Eine Million Millionäre

Die Deutschen werden immer reicher. Anleger profitieren vom Bieterkampf ums Kabelnetz. Reeder gründen eine neue Hanse. Und die ICE- Klimaanlagen nehmen hitzefrei. Der Tagesbericht.

Walter direkt: Unstillbarer Wissensdrang

Unstillbarer Wissensdrang

Die Machenschaften des US-Geheimdienstes NSA zeigen die gigantischen Möglichkeiten der Ausforschung via Internet. Die Wirtschaft muss darauf mit transparenten Regeln für ihre Informationsrecherche reagieren.

Spezialblog Warum Brüderle das Denken sein lassen sollte

Es gibt ein Forum, das nennt sich Trainertalk. Dort können sich verzweifelte Übungsleiter mit Fragen wie "Was mache ich, wenn mein Stürmer nicht mehr trifft?" an die Kollegen wenden. Auch die FDP hat eine Sturmspitze, die in den Strafräumen... Von Stefan Kaufmann. Mehr…

  • Gastbeiträge
Gastbeitrag: Rote Linien für den Handels-Deal

Rote Linien für den Handels-Deal

Europa winkt durch eine Handelspartnerschaft mit den USA ein Wachstumsimpuls von weit mehr als 100 Milliarden Euro. Dennoch sollten den Vereinigten Staaten bei den Verhandlungen klare Bedingungen gestellt werden.

Gastbeitrag: Transatlantische Werte neu justieren

Transatlantische Werte neu justieren

Amerikas Datenskandal und die geplanten Freihandelszone zwischen Europa und den USA prägen den Besuch des US-Präsidenten in Berlin. Dabei werden die Weichen für das transatlantische Verhältnis neu justiert.

Gastbeitrag zur US-Netzspionage: Wenn der gläserne Mensch Realität wird

Wenn der gläserne Mensch Realität wird

Die Polizeigewerkschaft sieht die US-Netzspionage als Vorbild für Deutschland. Der Grünen-Europapolitiker Albrecht weist das zurück und erläutert, warum der EU-Datenschutz immer noch löchrig ist.

  • Presseschau
Presseschau: „Spaniens Tage sind gezählt“

„Spaniens Tage sind gezählt“

Die Verstaatlichung der spanischen Großsparkasse Bankia ist nach Medieneinschätzung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die entscheidende Frage sei, wie Spanien die Rettungsmaßnahmen bezahlen wolle. Die Presseschau.