Krim-Krise: Entpört Euch!

Krim-Krise
Entpört Euch!

Der russische Präsident Wladimir Putin ist nicht der ruchlose Aggressor, den der Westen aus ihm macht. Er verteidigt die selbstverständlichen Interessen seines Landes. Ein Plädoyer für die Rückkehr zur Realpolitik.
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Der Westen betreibt das, was die Amerikaner in lichteren Momenten "Pitbull-Politics" getauft haben: Ohne nachzudenken, geht man auf den anderen los, mit der animalischen Härte der Instinkte. Pitbull-Politics ist per Definition eine Politik mit gefletschten Zähnen, aber ohne Hirn.

In der politischen Kampfarena sieht das dann so aus: Nato-Einheiten werden an die Grenze Russlands verlegt, Wirtschaftssanktionen vorbereitet, Feuerwerke an Beschimpfungen gezündet. Die einen vergleichen Putin mit "Stalin", Hillary Clinton nennt ihn in einem Atemzug mit "Hitler". Noch zu haben sind die Verunglimpfungsdomains Graf Dracula und Kaiser Nero.

Dabei haben die Sowjetunion und dann Russland seit Michail Gorbatschow nur gemäßigte Führer hervorgebracht. Rund die Hälfte der damaligen sowjetischen Bevölkerung verließ den Einflussbereich des Kremls - darunter Litauer, Letten, Esten, Georgier, Kasachen, Moldawier und nun die Ukrainer - , ohne dass seitens der gekränkten Weltmacht zum Äußersten gegriffen wurde.

14 prowestliche Staaten sind rund um das einstige Staatsgebiet der UdSSR entstanden, zehn Staaten des ehemaligen Ostblocks sind sogar Nato-Mitglieder. Doch bis auf den kurzen Einmarsch in Georgien verlief dieser mehr als 20 Jahre währende Verfall des einstigen Großreichs ohne Blutvergießen.

Putin war immer bei denen, die das geschichtsmächtige Treiben zwar missbilligten ("größte geostrategische Katastrophe der Neuzeit"), aber gleichwohl geschehen ließen. Allenfalls versuchte er, die Erosion zu verlangsamen - zunächst in Georgien, jetzt auf der Krim. Aber als Expansionist kann man ihn nur unter Verdrehung der Tatsachen bezeichnen.

Realpolitik beginnt mit dem Anerkennen von Realitäten. Und die wichtigste Realität unserer Tage ist: Das ehemalige Sowjetreich zerfällt, und wenn es jemanden gibt, dem das physikalisch Unmögliche gelingen könnte, einen Zerfallsprozess in Stabilität zu organisieren, dann ist es Putin.

Die Krim, um nunmehr die heiße Zone der Pitbull-Politics zu betreten, gehört zu Russland wie Vermont zu den USA. Sie ist mehrheitlich russisch bewohnt. Sie ist der Stützpunkt der Schwarzmeerflotte. Von den 240 Jahren ihrer Staatlichkeit gehörte die Krim 171 Jahre zu Russland. Nur einer Wodkalaune des einstigen KP-Chefs Nikita Chruschtschow ist es zu verdanken, dass sie 1954 in das Staatsgebiet der - damals ebenfalls russisch dominierten - Ukraine wechselte.

Kommentare zu " Krim-Krise: Entpört Euch!"

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  • Mit Entsetzen habe ich diesen Leitartikel gelesen. Schon der erste Satz ist in seiner Arroganz und Anmaßung nicht mehr zu übertreffen.
    Nichts, aber auch gar nichts daran hat irgendetwas mit Realismus geschweige denn mit realer Politik zu tun.

    Den Westen gibt es nicht mehr, seit mehr als 24 Jahren. Es gibt mittlerweile weitere EU Staaten östlich von Deutschland. Und diese Demokratien sind der EU nicht beigetreten damit Deutschland mit ihnen nur einfacher Handel treiben kann. Diese Länder kennen die russische Realpolitik aus eigener Erfahrung. Uns sollten sich ihre Bürger für einen Beitritt zu irgendeiner internationalen Organisation entscheiden, dürfen Sie gerne ihre Bedenken äußern, der sich ein Leben im Schutz dieser Organisationen aufgebaut hat, aber als Real-Politiker sollten sie diese auch respektieren.

    Ich weiß wirklich nicht, ob Sie mit Pitpull-Politik nicht doch Einmarsch der Russen in die Ukraine meinen. Doch ich denke das hat nun überhaupt nichts mehr mit Pitbull zu tun. Niemand sollte unter Waffengewalt einer fremden Macht wählen müssen, ich will nicht die Bundeswehr vor meiner Wahlurne sehen, bloß weil irgendjemandem die Wahlbeteiligung zu niedrig ist. So funktioniert eine Demokratie und Recht und Gesetz nicht.

    Der der ganze Artikel strotzt nur von irrwitzigen Vergleichen (wie die Kubakrise – welche Atomraketen haben wir auf der Krim stationiert?) und haarsträubenden Behauptungen (Zitat: “Wer die Biologie der Macht nicht akzeptiert, taugt zwar zum Kirchentagspräsidenten, aber nicht zum Realpolitiker“) die man alle besprechen könnte. Doch wer heute mit Machiavelli argumentiert und dann zur Tagesordnung über geht, der hat nach meiner Ansicht überhaupt nichts in der demokratischen Politik zu suchen.

  • Ich finde Ihre Argumentation durchaus logisch, DushEbi, sie lässt nur außer Acht, dass ohne ein Militärbündnis Russland auf Dauer die Möglichkeit haben wird, militärisch in den Nachbarländern zu intervenieren, so wie es jetzt ja gerade passiert ist. Außerdem stehe ich auf dem Standpunkt, dass die Wahl von Bündnissen *allein* dem jeweiligen Volk selber zusteht.

    Aus meiner Sicht liegt das Problem woanders: Russland hat es nicht geschafft (und m.E. auch nicht ernsthaft probiert), nach z.T. Jahrhunderten der Kononialisierung den Völkern des Baltikums, Polens, Weißrusslands, der Ukraine und des Kaukasus das Gefühl zu geben, dass es ein attraktiver und vertrauenswürdiger Partner ist. Im Gegenteil, es hat gezeigt, dass es Gewalt gegen seine Nachbarn einzusetzen bereit ist, um seine Interessen durchzusetzen. In diesem Kontext ist doch vollkommen verständlich, dass die baltischen Länder, Polen und Tschechien nach dem Zusammenbruch der sowjetischen Herrschaft so schnell wie möglich einen NATO-Beitritt angestrebt haben.

    Ich finde, dass man die Sache von der falschen Seite aufzieht, wenn man hier nun "Verständnis" für die neoimperiale Politik Putins haben soll. Die Welt braucht Russland nicht als Großmacht. Im Gegenteil, es liegt im Interesse der Weltgemeinschaft, dass *alle* Staaten sich gemeinsamen Regeln unterwerfen, und das gilt natürlich auch und ganz besonders für die existierenden Großmächte. Ein autoritär regierender Putin, der sich über alle diese Regeln hinwegsetzt, Nachbarstaaten drangsaliert und deren territoriale Integrität verletzt, ist hier kein "Gegengewicht", sondern eine Vergrößerung des Problems, das die Weltgemeinschaft ohnehin schon hat.

  • Ich lebe selbst in einem Land, das mit Russlands Militär schon seine leidvolle Erfahrung gemacht hat(Georgien). Dennoch... Ich verstehe Putin in seiner Handlungsweise zum Teil recht gut. Die NATO hat an Russlands Grenzen nichts verloren. Georgiens damalige Regierung(unter Misha Saakashvili) war besessen davon der Nato beizutreten. Russland konnte das einfach nicht zulassen und machte daher immer Probleme mit SüdOsetien und Abchasien. Das diese Probleme dann irgendwann zum Krieg führten war abzusehen. dennoch... Russland hat jetzt eine "Pufferzone" geschaffen die es kontrollieren kann. Ebenso wird er in der Ukraine eine "Pufferzone" schaffen die sich je nachdem wie sich der Westen Russland gegenüber verhält nur auf die Krim, oder (wenn die Krim vom Westen isoliert wird) auch auf Teile(Verkehrs- u. Handelswege) der Ostukraine ausweiten kann. Ich verstehe ja nicht so sehr viel von Politik, aber ich denke, dass "neutrale Staaten" eine Möglichkeit wären damit sich Russland nicht zu Recht bedroht fühlen muss. Ich meine damit, dass Georgien, aber auch die Ukraine ein Neutraler Staat wie die Schweiz oder Österreich werden sollte und ihre eigene Identität finden sollten. OHNE Militärbündnisse. Welchen Handelsabkommen sie dann vielleicht irgendwann beitreten müssen die selber entscheiden. Bisher wäre ein Abkommen nur mit der EU ja ein Schritt in den Abgrund. Die Krim könnte ja, weil dort der russische Militärhafen liegt, eine gesonderte Regelung innerhalb der Ukraine bekommen. Aber die Möchtegernpolitiker in Kiew sind doch wirklich gesagt nur einfach dumm wie Stroh, oder total rücksichtslos was die Ukrainischen Bewohner angeht. Ich mag Putin nicht, aber ich bin nicht verbohrt sondern eher ein "Freigeist" und kann mir meine eigene Meinung bilden. Ps. Eine "reine Demokratie" würde in Russland nicht funktionieren UND in Deutschland bzw., in Europa gibt es diese schon erst recht nicht. Die EU ist mindestens genauso viel eine Diktatur wie Russland.

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