Mein Kopf gehört mir: Michal Hvorecký, Christoph Ingenhoven, Jette Joop, Gisa Klönne, Brigitte Kronauer

Mein Kopf gehört mir
Statements von Künstlern

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Michal Hvorecký, Christoph Ingenhoven, Jette Joop, Gisa Klönne, Brigitte Kronauer

Ich bin für File-Sharing

Ich lebe und schreibe in der Slowakei, wo es kein einziges Literaturhaus gibt und wo die Lesungen nicht bezahlt werden – eine Arbeitssituation, die sich ein publizierter freier deutscher Schriftsteller, gewöhnt an den subventionierten Literaturbetrieb, kaum noch vorstellen kann. Ich habe herausgefunden, dass zwei meiner Hörbücher als mp3 und drei Romane im E-Book Format bereits illegal im Netz zum Herunterladen stehen. Statt meine „Rechte“ zu verteidigen, stellte ich einige meiner Werke kostenlos im Internet zur Verfügung. 

Ich wünsche mir, dass das File-Sharing mit den Texten stattfindet. Die meisten Leser haben meine elektronischen Bücher als Lockmittel, nicht als Ersatz für die gedruckten betrachtet. Ich glaube nicht, dass das E- Book meine Arbeit im copyrightversessenen Literaturbetrieb ernsthaft gefährden oder meine gedruckten Bücher aus dem Buchmarkt verdrängen könnte, und falls es doch so weit kommt, bin ich dann hoffentlich in einer besseren Ausgangsposition.

MICHAL HVORECKÝ, slowakischer Schriftsteller und Journalist, der gerade seinen dritten Roman "Tod auf der Donau" veröffentlicht hat

Unsere Ideen sind unser Kapital

Was hat Europa der Welt noch zu verkaufen, wenn jeder unsere Ideen umsonst benutzen darf?

CHRISTOPH INGENHOVEN, Architekt

Geistige Arbeit schafft Werte

Die Gestaltung eines Produktes ist ein langer Prozess, weit bevor das jeweilige Werk haptisch wird. Diese substanzielle Auseinandersetzung mit einer konkreten Aufgabe im Prozess der Erschaffung ist für mich Arbeit und schafft bereits einen Wert. Wenn ich von meinen Ideen nicht leben kann, warum soll ich sie dann entwickeln? Kann ich mein Design nicht schützen, wird meine Gestaltung zum Hobby. Als Urheber übernehme ich für meine Leistung auch die Verantwortung. Ich betrachte die Fantasie des Künstlers und das imaginäre Vermögen des Forschers als wertvolles und schützenswürdiges Eigentum.

JETTE JOOP, Designerin und Unternehmerin

Bäcker verschenken ihre Brötchen auch nicht

Eigentlich ist das bislang ziemlich fair: Je mehr Menschen meine Romane lesen wollen, desto mehr Geld verdiene ich. Und weil nicht nur mein aktuellstes Buch, sondern auch die früheren immer neue Leser finden, kann ich seit etlichen Jahren sagen, dass ich nur und ausschließlich Schriftstellerin bin. Ich lebe aber wohlgemerkt nicht vom Schreiben oder von meinen schönen Ideen, sondern vom Verkauf meiner Bücher. Genau so, wie – sagen wir mal - ein Bäcker auch nicht davon lebt, dass er sich Rezepte ausdenkt und leckere Brötchen backt, sondern davon, dass seine Kunden ihm vor deren Verzehr etwas dafür bezahlen.

Nun käme wohl nicht einmal die Piratenpartei auf die Idee, im Namen der Freiheit zu fordern, die deutschen Bäcker sollten ihre Brötchen in Zukunft verschenken und sich das Backen doch einfach vom Staat sponsern zu lassen. Wohl aber sind sie dreist genug, mir als Autorin das Besitzrecht an meinen Werken absprechen zu wollen. Hallo? Geht’s noch? Freiheit bedeutet ja wohl nicht, anderen ihr geistiges Eigentum und somit die Existenzgrundlage zu klauen. Das ist nicht Freiheit - sondern Kannibalismus! Ich kann nur hoffen, dass die Kulturpolitiker der etablierten Parteien vor lauter Angst vor der Webgemeinde nicht einknicken. Gäbe es nämlich kein Urheberrecht mehr, könnte ich keine Bücher mehr schreiben. Und weil das nicht nur mir so geht, schließen sich aktuell hunderte meiner Kollegen zu einer Pro-Urheberrechts-Bewegung zusammen. Nachzulesen unter: www.ja-zum-urheberrecht.de. PS: Logo und Name der Piratenpartei sind übrigens beim Patentamt angemeldet. Warum eigentlich, wenn es doch laut Parteiprogramm gar kein geistiges Eigentum geben soll?

GISA KLÖNNE, Autorin

Altes Elend

Es ist das alte Elend: Immer haben die Parteien, mit denen ich ansonsten sympathisiere, keine Ahnung von Kultur.

BRIGITTE KRONAUER, Schriftsteller

Kommentare zu " Mein Kopf gehört mir: Statements von Künstlern"

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  • Wenn Sie die "Kreativen" in Anführungszeichen schreiben, so als sei deren Arbeit nur mit einem übertrieben hohem Maß an aufzubringendem Altruismus überhaupt erwähnenswert, scheint da schon ein gewissen Maß an Verachtung durch. Ohne jetzt darauf eingehen zu wollen, welches Studium härter ist, das eines Ingenieurs oder das eines Musikers zum Beispiel würde ich gerne Ihre Vermutung aufgreifen, dass irgendeine Riege der Künstler sich auf irgendetwas ausruhen kann. Klar gibt es vereinzelt Ausnahmen, aber der überwältigende Großteil der Musiker in Deutschland muss mit knapp über 1000,- EUR im Monat auskommen, trägt dabei das komplette unternehmerische Risiko seiner Freiberuflichkeit, muss sich selber versichern, darf nicht krank werden, kann kaum Rücklagen bilden, geschweige denn eine Familie auch nur ansatzweise ernähren und was im Alter noch bleibt verdient kaum die Bezeichnung Rente. Aus irgendeinem Grund scheinen Sie missgünstig zu sein gegenüber Künstlern, von denen Sie meinen, dass sie in Geld schwimmen und dafür kaum was tun müssen. Beide Annahmen sind falsch.

  • Ideenreichtum und Kreativität sind wichtige Bestandteile des Fundamentes, deren Umsetzung und Vermarktung tragende Säulen einer funktionierenden Wirtschaft. Den "Zement", welcher der ganzen Konstruktion seine Stabilität verleiht, stellen Schutzrechte dar. Es wäre nun sehr bedenklich und sogar töricht, wenn man bewusst versuchte an einigen Stellen diesen "Zement" auszuwaschen!

    Martin Ecker, Handwerker

  • @ujf99
    zugegeben, "der mp3 Erfinder" war von mir etwas "vereinfacht" dargestellt. Ich wollte da nicht ausführlich darauf ausgehen sondern nur eine Antwort auf Mortonmensh geben. Denn die grundlegende Aussage bleibt ja richtig: Eine wissenschaftliche Arbeit muss gegen viel Geld geschützt werden, und dieser Schutz besteht dann für maximal 20 Jahre (hängt davon ab wie lange das Patenamt zur Prüfung braucht). Demgegenüber stehen 70 Jahre nach dem Tod beim Urheberrecht - ohne Prüfung etc.
    Dass sich die Patentanmeldungen kaum jemand privat leisten kann bzw. Universitäten / Firmen dann die Lizenzen verkaufen kommt noch dazu (haben Sie ja mit Ihren Links bestätigt). Ich hatte allerdings irgendwo gelesen dass Brandenburg nicht an den Lizenzeinnahmen beteiligt wird, so ist das oft auch üblich (die Gebühr für Patentanmeldung, Anwalt etc. darf verrechnet, auch wenn es eine Diensterfindung ist!), bzw. es findet eine, ich nenne es einmal "Alibivergütung" statt.
    Aber wie gesagt, darum ging es mir nicht primär, sondern darum dass angesichts der irrsinnigen Schutzfristen nicht mehr von Gleichbehandlung gesprochen werden kann.

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