SPD: Der Mythos der Aufholjagd

SPD
Der Mythos der Aufholjagd

Altbundeskanzler Gerhard Schröder wollte den Genossen mit seiner Erinnerung an den Wahlkampf 2005 Mut machen. Aber ist es ein realistisches Szenario, dass die SPD wieder dicht an die Union heranrückt?
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90 Tage Wahlkampf bleiben Martin Schulz noch. In dieser Zeit muss es dem SPD-Kanzlerkandidaten gelingen, seine Partei zu mobilisieren und die Stimmung im Lande zu drehen. Doch derzeit scheint sein Ziel, Amtsinhaberin Angela Merkel (CDU) aus dem Kanzleramt zu jagen, weiter entfernt denn je. Längst sind die großen Zugewinne der SPD aus der ersten Zeit nach der Schulz-Nominierung in den Umfragen dahingeschmolzen. Einige Demoskopen sehen die Sozialdemokraten nur noch bei 23 Prozent.

Kein Wunder also, dass Altbundeskanzler Gerhard Schröder beim Parteitag am Sonntag ausgerechnet das Jahr 2005 beschwor: Damals habe die SPD unter seiner Führung 23 Punkte im Rückstand gelegen, am Ende sei sie nach einer Aufholjagd aber mit 34,2 Prozent nur knapp hinter der Union mit 35,2 Prozent gelandet. „Wir haben gekämpft, und wir haben aufgeholt. Und was damals ging, das geht heute auch“, rief Schröder. „Auf in den Kampf! Venceremos! (Wir werden siegen)“, zitierte er aus einer bekannten Sozialistenhymne. Doch kann das klappen?

2005 – damals hatte Schröder die Vertrauensfrage gestellt. Die Hartz-IV-Reformen trieben Tausende Demonstranten auf die Straße. Die SPD hatte bei mehreren Landtagswahlen Niederlagen erlitten, zuletzt im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Selbst viele Genossen gingen auf Distanz zum Kanzler. Schröder wollte darum die Abstimmung im Parlament gezielt verlieren, um Neuwahlen zu erreichen. Die SPD brauche für die Fortsetzung der Reformpolitik eine neue Legitimation durch die Bürger, erklärte er seinerzeit. Am 1. Juli 2005 wurde im Bundestag abgestimmt. Schröder verlor, der Wahlkampf begann.

Nicht Journalisten oder Umfrageinstitute entschieden Wahlen, sondern immer noch die Wähler, von denen sich ein Drittel erst am Wahltag oder kurz davor entschieden, bekräftigte der 73-jährige Schröder nun auf dem SPD-Parteitag. Wenn die SPD nicht die Köpfe hängenlasse und um jede Stimme kämpfe, könne es gelingen, stärkste Kraft zu werden. „Nichts ist entschieden“, versicherte er. „Es ist noch viel Zeit, um die Stimmung zu drehen.“ Die Aufholjagd sei enorm gewesen.

Tatsächlich ist die fulminante Aufholjagd in die Geschichte eingegangen, nicht zuletzt durch den  Bestseller „Höllenritt Wahlkampf“ von Frank Stauss. Der Mitinhaber der Kommunikationsagentur Butter beschreibt darin eindringlich, wie es fast noch für einen Wahlsieg gereicht hätte.

Stauss, der als Werbeguru auch für die aktuelle SPD-Kampagne im Gespräch war, dann aber absagte, sieht auch jetzt noch Chancen für einen Sieg von Schulz. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Stauss bekennender Sozialdemokrat ist. Er kann immerhin die Erfahrung aus gut 25 Wahlkämpfen vorweisen.

In seinem Blog schreibt Stauss aktuell von einer „Tranquilizer-Strategie der CDU“, die den Wählern nichts anbiete. Dies sei eine völlig unnötige Einladung an ihre Gegner und eine „zweite Chance“ für Schulz. Der habe wieder viel Raum, den er sich gar nicht hätte träumen lassen können.

Stauss erinnert sich an einen Satz, den er einst in der Clinton/Gore-Kampagne in den USA gelernt hat: „Wenn dein Gegner am Ertrinken ist, werfe ihm Blei zu.“ Übersetzt in die heutige Zeit heiße das: „Wenn dein Herausforderer von 30 Prozent wieder auf 24 Prozent abgesunken ist, dann unternimm alles, damit er nicht wieder hochkommt“, erklärt Stauss.

Aus Sicht der CDU hätte dies bedeutet, Schulz und die SPD inhaltlich zu treiben und selbst Ideen zu entwickeln. Das Gegenteil sei aber der Fall. „Nichts ist gefährlicher als ein Comeback-Kid“, analysiert Stauss mit Blick auf Schulz weiter. „Ein Gegner, der schon totgesagt war, aber wiederkommt und dadurch sogar noch mehr Momentum entfachen kann als beim ersten Anlauf.“ Die Menschen würden sehen, dass er kämpft und nicht aufgibt. Stauss sieht also durchaus noch Chancen für Schulz.

Auch der SPD-Wahlkampfmanager des Jahres 2005 zeigt sich derzeit zuversichtlich: „Die SPD hat nach einer schwierigen Phase nun wieder Tritt gefasst“, sagte Kajo Wasserhövel dem Handelsblatt. Die Partei müsse sich mit ihren Themen offensiv aufstellen und mit positiver Ausstrahlung agieren. „Martin Schulz kann jetzt nach vorn gehen“, sagt Wasserhövel.

Der SPD-Kanzlerkandidat selbst begann auf dem Parteitag am Sonntag, die „asymmetrische Demobilisierung“ zu thematisieren, also das bisherige Vorgehen der Union, bloß nicht konkret zu werden oder sogar die Positionen des politischen Gegners zu übernehmen. Das sei für die Union ein „erfolgreiches Modell“ für 2009 und 2013 gewesen, „aber nicht mehr im Jahre 2017!“, wetterte Schulz. Wenn das Hauptquartier einer Regierungspartei systematisch beschließe, die Debatte über die Zukunft des Landes zu verweigern und das Absinken der Wahlbeteiligung mit Vorsatz betreibe, dann sei das ein „Anschlag auf die Demokratie“.

Ob es dem SPD-Chef mit solchen Vorstößen gelingt, den Trend noch einmal zu drehen, da ist Parteienforscher Oskar Niedermayer skeptisch: „Was soll denn der Bürger mit dem Begriff der asymmetrischen Demobilisierung anfangen?“ Die SPD solle sich lieber auf die eigenen Inhalte besinnen, zumal die Union im Wahlkampf vor allem auf Merkels Image als internationale Krisendiplomatin abstellen werde. „Das wird auch beim G20-Gipfel in Hamburg wieder deutlich werden“, sagte Niedermayer dem Handelsblatt. „Da ist es schwierig, dem etwas entgegenzusetzen.“

Kommentare zu " SPD: Der Mythos der Aufholjagd"

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  • Sehr geehrte Frau Anger,

    die Wahlkampfknüller der SPD sind seit Wochen bekannt. Beifallsstürme habe ich nicht vernommen. Und was ist mit Pfeilen im Köcher? Die sind wohl eher vom bald vorgestellten Wahlprogramm der CDU/CSU zu erwarten. Kurz und gut: Wie die SPD aufholen will, ist beim besten Willen nicht zu erkennen.

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