Investor steigt bei 50Hertz ein: China kapert das deutsche Stromnetz
Das Stromnetz zählt zur kritischen Infrastruktur.
Foto: picture alliance / ZBBerlin. Boris Schucht freut sich auf den neuen Anteilseigner aus China. 50Hertz habe zur Umsetzung der Energiewende in den vergangenen acht Jahren bereits viel Unterstützung seiner Shareholder Elia und IFM Investors erfahren, „auch mit einem erweiterten Gesellschafterkreis möchten wir diesen Weg fortsetzen“, sagte der Vorsitzende der 50Hertz-Geschäftsführung dem Handelsblatt.
Schuchts Optimismus wird allerdings nicht überall geteilt. Denn der Interessent aus China, der 20 Prozent der Anteile an 50Hertz übernehmen will, ist kein harmloser institutioneller Investor, sondern ein expansionshungriger Gigant: die State Grid Corporation of China (SGCC). Das Unternehmen hat über 900 000 Mitarbeiter, erzielt einen Jahresumsatz von deutlich über 250 Milliarden Euro und belegt in der Rangliste „Fortune Global 500“ hinter dem US-Konzern Walmart Platz zwei unter den größten Unternehmen der Welt.
Und SGCC verfolgt knallharte strategische Interessen. Der staatseigene Konzern hilft der chinesischen Regierung dabei, das Land bis zum Jahr 2025 zu einer Industrienation zu formen, die in vielen Schlüsselbranchen weltweit die Führungsrolle übernimmt. Zu den zehn von der Regierung definierten Schlüsselsektoren, die man voranbringen will, gehört neben IT und Luftfahrt auch die Energietechnik. Bestandteil der Strategie, die unter der Überschrift „Made in China 2015“ firmiert, ist es, sich Know-how im Ausland zu sichern. Chinesische Unternehmen verfolgen deshalb eine mitunter als aggressiv empfundene Expansionsstrategie – ganz besonders in Deutschland. Seit der spektakulären Übernahme des Augsburger Robotikkonzerns Kuka durch den chinesischen Midea-Konzern ist auch die Politik hellhörig geworden.
Auch die Fälle Aixtron und Ledvance machten Schlagzeilen. Beim Spezialmaschinenbauer Aixtron widerrief die Bundesregierung sogar ihre Zustimmung. Bei Ledvance, der früheren Glühbirnen‧sparte von Osram, warfen Nachrichten über einen geplanten Stellenabbau Fragen auf. In der vergangenen Legislaturperiode wurde unter der Führung des damaligen Wirtschaftsministers Sigmar Gabriel (SPD) das Außenwirtschaftsgesetz (AWG) reformiert. Damit können ausländische ‧Direktinvestitionen leichter untersagt werden. Das AWG soll insbesondere dann greifen, wenn ein Investor es auf kritische Infrastruktur wie etwa Stromnetze abgesehen hat. Doch im Fall des Einstiegs von SGCC bei 50Hertz kommt das AWG nicht zum Tragen. Die Chinesen wollen lediglich 20 Prozent an 50Hertz kaufen. Die Regeln des AWG greifen aber erst, wenn ein Investor mehr als 25 Prozent eines Unternehmens übernehmen will. Es sei geschickt, sich auf diese Weise an einen Netzbetreiber heranzuschleichen, sagt ein Branchenexperte. Die Chinesen könnten von 50Hertz viel lernen. Ihr Engagement bleibe aber unterhalb des Radars der Politik.
Gleichwohl heißt es aus Verhandlungskreisen, SGCC habe sich im politischen Raum abgesichert. Es seien Gespräche mit dem Bundeswirtschaftsministerium, mit Ministerpräsidenten und mit Bundestagsabgeordneten geführt worden. Dabei sei deutlich geworden, dass die Aktivitäten der Chinesen zwar genau beobachtet würden. Solange jedoch die Schwelle von 25 Prozent bei der Beteiligung nicht überschritten werde, werde die Politik sich nicht einmischen. Im Bundeswirtschaftsministerium hieß es, man äußere sich nicht zu „etwaigen unternehmerischen Planungen“ und beteilige sich nicht an Spekulationen.
50Hertz leistet gemeinsam mit den anderen drei Übertragungsnetzbetreibern in Deutschland – Amprion, Tennet und TransnetBW – Pionierarbeit und ist daher für die Chinesen besonders interessant. Bei 50Hertz stammt bereits 53 Prozent des im Netzgebiet verbrauchten Stroms aus fluktuierenden Quellen, vor allen Dingen aus Windrädern. Das ist ein weltweiter Rekord für einen Übertragungsnetzbetreiber. Das Unternehmen aus Berlin hat damit bewiesen, dass man auch mit einem sehr hohen Anteil volatiler Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen einen sicheren Netzbetrieb gewährleisten kann. Davon wollen die Chinesen lernen. Auch China verfolgt ehrgeizige Ziele beim Ausbau der erneuerbaren Energien und muss die Stromnetze deshalb umrüsten und ausbauen.
50Hertz ist bereits heute komplett in der Hand ausländischer Investoren. Anteilseigner von 50Hertz sind zu 60 Prozent der belgische Übertragungsnetzbetreiber Elia und zu 40 Prozent der australische Infrastrukturfonds IFM Investors. IFM will nun die Hälfte seines Anteils an die Chinesen verkaufen. Auf Nachfrage bestätigten alle beteiligten Parteien, es sei eine Vereinbarung über den Verkauf einer Minderheitsbeteiligung von IFM an SGCC getroffen worden. Nach ‧Informationen des Handelsblatts aus Verhandlungskreisen hat Mehrheitseigner Elia noch bis Ende März Zeit, ein Vorkaufsrecht auszuüben. Wenn dies nicht geschehe, könne der Verkauf voraussichtlich in der ersten Jahreshälfte komplett abgeschlossen werden. Über den Kaufpreis wurde nichts bekannt.
Die Beteiligung von 20 Prozent an 50Hertz fällt nicht in den gesetzlichen Einflussbereich.
Foto: ddp images/Klaus-Dietmar GabbertNicht nur 50Hertz gehört schon heute ausländischen Investoren. Tennet befindet sich zu 100 Prozent in der Hand es niederländischen Staates. Der Übertragungsnetzbetreiber Amprion gehört zu 74,9 Prozent einem Konsortium von überwiegend deutschen institutionellen Finanzinvestoren und zu 25,1 Prozent dem Energiekonzern RWE. Allein TransnetBW, der vierte deutsche Übertragungsnetzbetreiber, ist noch zu hundert Prozent in der Hand des Energiekonzerns EnBW.
Die Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) spielen eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung der Energiewende. Ihre Aufgabe ist es, den Strom in Deutschland großflächig zu verteilen und an viele Hundert Verteilnetzbetreiber weiterzureichen, die den Strom dann bis zur Steckdose leiten.
Die Herausforderungen, die sich den ÜNB stellen, sind in den vergangenen Jahren erheblich gewachsen. Das liegt am rasanten Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland. Der Schwerpunkt der Stromerzeugung verlagert sich insbesondere mit dem Zuwachs an Windparks immer mehr in den Norden und Nordosten Deutschlands. In Bundesländern wie Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern wird heute schon mehr Strom erzeugt als verbraucht. Immer mehr Strom muss aus der Nordhälfte Deutschlands in den Süden geleitet werden, wo die Stromerzeugungskapazitäten eher knapp sind, aber der meiste Strom verbraucht wird.
Das macht den Bau gigantischer „Stromautobahnen“, sogenannter Hochspannungsgleichstromübertragungsleitungen (HGÜ), erforderlich. Über diese Leitungen können große Mengen Strom von Nord nach Süd annähernd verlustfrei transportiert werden. Überdies müssen bestehende Nord-Süd-Leitungen verstärkt werden.
Die Übertragungsnetzbetreiber stemmen Milliardeninvestitionen. Allein bis 2030 werden die vier Übertragungsnetzbetreiber in Deutschland 50 Milliarden Euro in den Netzausbau investieren. Davon sind rund 30 Milliarden Euro für die Netze an Land und 20 Milliarden für die Netzanbindung von Offshore-Windparks vorgesehen.
Ein Know-how-Transfer ist nicht nur von Deutschland nach China denkbar. Branchenmanager weisen darauf hin, dass die Chinesen zwar nicht über die Erfahrung bei der Integration stark fluktuierender Stromquellen wie etwa Windrädern verfügen. Dafür würden sie aber bereits in großem Maßstab und mit Erfolg HGÜ-Leitungen betreiben. Die „Stromautobahnen“ sind in China seit Jahren Realität.
Visionäre sehen den chinesischen und den europäischen Strommarkt bereits zusammenwachsen. „Mittels HGÜ-Leitungen könnten man die beiden Märkte theoretisch verbinden“, sagt ein Netzexperte. Solche Pläne lägen allerdings noch in ferner Zukunft. Gleichwohl würden sie sich gut ins chinesische Seidenstraßen-Projekt einfügen, mit dem China den historischen Handelsweg zwischen Asien und Europa wieder aufleben lassen will.
Die Chinesen investieren dazu eine Menge Geld (siehe Artikel rechts). Überdies ist SGCC bereits an Stromnetzbetreibern in Portugal, Italien und Griechenland beteiligt. Die Idee transkontinentaler Stromleitungen erscheint vor diesem Hintergrund gar nicht so abwegig. Dazu passt: In Berlin unterhält SGCC bereits in bester Lage das „Global Energy Interconnection Research Institute“ (GEIRI). Es befasst sich mit Fragen der Stromübertragung über weite Entfernungen.