Carola Gräfin von Schmettow: HSBC-Chefin ohne Allüren
Sie gilt als „perfekte Lösung“.
Foto: picture allianceFrankfurt, New York. Carola Gräfin von Schmettow, in der Bank auch gerne kurz „die Gräfin“ genannt, wird oft unterschätzt: kleine Statur, lebhafter Blick, mitunter schüchtern, keine Allüren, keine Alphatier-Ausstrahlung.
Doch der erste Eindruck täuscht. Die künftige Chefin von HSBC Trinkaus ist schon seit ihrem Antritt im Jahr 1992 das Wunderkind der Bank. Sie kam als studierte Mathematikerin in eine Welt, in der Händler noch weitgehend nach Gefühl und Erfahrung am Kapitalmarkt agierten. Dass sie neben der Bankkarriere auch als klassische Altistin Erfolge feierte und fünf Kinder bekam, tritt da schon in den Hintergrund.
Während von Schmettow sich ins Geschäft einarbeitete, entwickelte sie Modelle, um die Risiken dieser Geschäfte abschätzen zu können – allerdings ohne dabei dem Wahn zu verfallen, mit Modellen alle Risiken perfekt vorhersagen zu können. „Mein Studium hat mir geholfen zu verstehen, was Mathematik kann – und was nicht“, sagt sie. In den turbulenten Jahren der Finanzkrise 2008, die Trinkaus weitgehend unbeschadet überstanden hat, war das von großem Vorteil.
Chefin über 2600 Mitarbeiter
Dass sie im Kapitalmarktgeschäft arbeitete, brachte ihr einen weiteren Pluspunkt ein. Dieser Bereich hat in den vergangenen Jahren auch die höchsten Gewinne abgeworfen. Und er ist besonders eng mit dem Mutterhaus in London verdrahtet, der mächtigen Bank HSBC. Daher ist sie dort seit langem bestens bekannt und genießt Vertrauen. Künftig will Trinkaus allerdings das heimische Mittelstandsgeschäft noch stärker nach vorn bringen.
Die neue Chefin ist für 2600 Mitarbeiter und eine Bilanz von gut 20 Milliarden Euro verantwortlich. Für Kunden verwaltet die Bank knapp 200 Milliarden Euro. Die Gräfin gilt in der Bank als sehr umgänglich und zugleich als „extrem clever“, wie ein ehemaliger Mitarbeiter sagt. Sie hatte nie Probleme, sich in einer von Männern dominierten Welt zu behaupten. „Sie hat die Einstellung: Lass die Jungs mal spielen“, sagt der Ex-Mitarbeiter. Am Ende hat sie die internen Machtspiele dann besser beherrscht als ihre Konkurrenten. In Finanzkreisen gilt sie als „perfekte Lösung“ und als „nah am Geschäft“.
Trinkaus ist eine Privatbank mit mehr als 200 Jahren Tradition, die an der feinen Düsseldorfer Königsallee sitzt. Der Haupteigentümer hat mehrfach gewechselt, aber seit 1992, also so lange, wie die neue Chefin dabei ist, gehört sie mehrheitlich zu HSBC. Die Landesbank Baden-Württemberg besitzt einen Minderheitenanteil von knapp 20 Prozent. Noch nie stand eine Frau an der Spitze der feinen Privatbank.
Vorteile des Rheinlandes
Für lange Zeit haben die Düsseldorfer innerhalb des mächtigen HSBC-Konzerns eine Sonderrolle gespielt und sich etwas mehr Selbstständigkeit als die anderen weltweiten Niederlassungen erhalten. Aber nach und nach wurde aus der traditionsreichen Privatbank eine Filiale der Londoner Mutter, die aus einer britischen Gründung in China hervorgegangen ist und heute noch sehr aktiv in Schwellenländern ist.
Trinkaus hat es stets als Vorteil gesehen, in Düsseldorf statt in der Finanzmetropole Frankfurt zu sitzen. Zum einen gibt es im Rheinland seit langem viele reiche Privatkunden und mittelständische Unternehmen. Außerdem ist abseits der großen Konkurrenten das Gehaltsniveau etwas entspannter, was sich positiv auf die Kosten der Bank auswirkt.
Dass von Schmettow endlich der Sprung an die Spitze gelang, hat sie auch dem früheren Bankchef Sieghardt Rometsch zu verdanken. Der zieht sich nach elf Jahren aus Altersgründen als Vorsitzender des Aufsichtsrats zurück. Ihm folgt der bisherige Bankchef Andreas Schmitz und macht damit den Weg für die Gräfin frei. Schmitz ist mit 55 nur vier Jahre älter als seine Nachfolgerin. Aber wie aus Finanzkreisen zu hören ist, wollte er verhindern, dass der Posten als Aufsichtsratschef neu vergeben wird und dann für lange Zeit blockiert bleibt. Daher war er bereit, jetzt schon dorthin zu wechseln. Für die Gräfin genau der richtige Zeitpunkt.