Carmen Würth: Die Schraubenkönigin
Authentisches Engagement für Kunst und Kultur.
Foto: dpaStuttgart. Wer Carmen Würth zum ersten Mal sieht, fragt sich vor allem eines: Wie bitte, 80 Jahre alt, das kann doch nicht sein? Die meist strahlenden Augen, der stets gut gebräunte Teint führen in die Irre. Und dann noch der Name Carmen. Carmen Würth hat keine iberischen Wurzeln. Die Ehefrau von „Schraubenkönig“ Reinhold Würth stammt ursprünglich aus Pforzheim, wuchs in Friedrichshafen am Bodensee auf. Als sie vier Jahre alt war, begann ihr Vater in der Zahnradfabrik, heute ZF Friedrichshafen AG, zu arbeiten. Bei ZF fand auch sie später ihre erste Stelle als Sekretärin. Im Kirchenchor soll der Neuapostole Würth die damals 19-Jährige entdeckt haben, als er auf Dienstreise am Bodensee abends ins Gotteshaus ging. Nur ein halbes Jahr später fand die Hochzeit statt, Carmen zog in das Haus der Schwiegermutter nach Künzelsau.
Ihr Mann ist einer der bekanntesten Unternehmer des Landes und einer der reichsten Deutschen. Nach dem frühen Tod seines Vaters begann er 1954 im Alter von nur 19 Jahren aus einer kleinen Schraubenhandlung einen Weltkonzern für Befestigungs- und Montagetechnik mit heute über 7. 000 Beschäftigten weltweit und über zwölf Milliarden Euro Umsatz zu formen. Würth besitzt über 17.000 Kunstwerke, eigene Flugzeuge, Hotels, ein Schloss und eine Luxusjacht.
Reichtum, der sich auch auf Carmen Würths 80. Geburtstag auswirkt. Am Dienstag widmet ihr Mann ihr ein Konzerthaus für über 60 Millionen Euro, samt Orchester mit 60 Musikern. 1.400 Gäste werden die Eröffnung zu einer überdimensionalen Geburtstagsparty machen. 18 Monate wurde auf einem Acker neben der Firmenzentrale in Gaisbach gebaut, nach den Plänen des britischen Star-Architekten David Chipperfield. Das Bauwerk soll für Firmen- und Kulturveranstaltungen genutzt werden. Es umfasst eine Halle mit 2.500 Sitzplätzen, einen Kammerkonzertsaal mit 600 Plätzen und ein Open-Air-Gelände. Höhepunkt der Eröffnungswoche ist das dreitägige Festival mit Deutsch-Rapper Cro und Superstar Sting. Für das Eröffnungskonzert der Würth Philharmoniker kommt aus Hamburg Star-Dirigent Kent Nagano.
Bei Würth rechnet sich fast alles
Man könnte leicht auf den Gedanken kommen, dass bei Würth provinzielle Gigantomanie ausgebrochen ist. Aber Würths Engagement hat immer mindestens zwei Seiten. Er hat etwas für die Region, in der er groß geworden ist, übrig und bei ihm rechnet sich alles – fast alles. Und wenn nicht, zahlt die Kunst immerhin auf Image und Bekanntheitsgrad ein, was sich wiederum positiv auf das Geschäft auswirkt. So gibt es in 14 europäischen Landesgesellschaften ein Museum von Würth, Eintritt jeweils frei. Der Großteil der 17.000 Kunstwerke darin gehört dem Unternehmen und bildet in Summe durch Wertsteigerungen erhebliche stille Reserven.
In Künzelsau hat Reinhold Würth einen ganzen Konzertsaal für seine Frau errichtet.
Foto: picture alliance / Marijan MuratBeim Konzerthaus wird man erst sehen müssen, wie es sich wirtschaftlich entwickelt. Als Hommage an die Gattin heißt es „Carmen-Würth-Forum“. Es ist ein Projekt, das ihr Mann schon seit Jahren verfolgt. „Das Forum hat meinen Namen, aber ich habe eigentlich damit gar nichts zu tun. Das ist das Baby meines Mannes, das ich aber natürlich sehr schön finde“, sagt Carmen Würth. Die Größe des Baus nimmt sie auf ihre natürliche Art: „Es ist einfach schön zu sehen, dass hier etwas aus der Erde heraus entstanden ist, das bis zum Himmel hinauf leuchtet.“ Sie freut sich aber noch viel mehr auf die musikalischen Erlebnisse dort. Selbst mag sie es eigentlich lieber etwas bescheidener und beschaulicher. Am 2. Mai 2017 eröffnete sie ihr Kulturhaus Würth in Künzelsau, eine Bibliothek in einem ausgebeinten mittelalterlichen Gebäude samt ihrer privaten Büchersammlung mit 7.000 Werken.
Natürlich hat Carmen Würth die Entwicklung des Konzerns begleitet. Als Unternehmergattin kann sie auf Kommando lächeln, funktionieren und auch Zähne zeigen. Dass muss man an der Seite eines Reinhold Würth auch können. Der ist ein eigenwilliger Mann und Eigentümer. Obwohl offiziell nicht mehr operativ tätig, sind seine Briefe an die Belegschaft gefürchtet, etwa dass die Mitarbeiter ihre Dienstwagen gefälligst nicht in der Arbeitszeit tanken zu haben. Die Rechnung, wie viel ihn die „vergeudete Arbeitszeit“ bei den mehreren Tausend Außendienstlern kostet, liefert er gleich mit.
Harte Arbeit in allen Ecken
Aber der gleiche Mann lässt in seiner Kunsthalle eine Ausstellung zu Frida Kahlo zusammenstellen. Ähnlichkeiten mit seiner Frau rein zufällig. Wer die Porträts und Fotos von der mexikanischen Künstlerin kennt, kann dort zugleich Wärme, Verletzlichkeit, aber auch Härte finden. Auch das Leben von Carmen Würth zeigt Brüche, die es verändert haben. Ihr Bruder starb, als sie ein kleines Kind war. „Den Schmerz spüre ich heute noch“, sagt sie. Ihr Sohn Markus, Jahrgang 1965, erlitt einen Impfschaden und wurde dadurch geistig behindert.
Sie sei damals zu allen möglichen Ärzten gegangen. Aber keiner konnte helfen. „Ich habe sofort gemerkt, dass ich mehr als nur seine Mama für ihn sein muss“, sagt Würth. Sie überlegte ständig, wie sie seine Entwicklung fördern könnte. Lange behielt sie Markus zu Hause, bis die Belastung zu groß wurde. Er lebte dann in einer integrativen Wohngemeinschaft in Hessen. Vor zwei Jahren der nächste Schock. Der Sohn wurde entführt. Aber es ging nach einem Tag und einer gescheiterten Lösegeldübergabe noch glimpflich ab. Die bis heute unbekannten Entführer ketteten den Sohn an einen Baum, bis ihn die Polizei fand. Seither lebt Markus Würth auf einem Bauernhof mit Tieren, bei denen er sich besonders wohlfühlt. Den Ort verrät Carmen Würth lieber nicht.
„Mein Herzensanliegen ist es, Menschen zu gewinnen, um die Welt ein bisschen besser zu machen“, sagt sie heute. Das nimmt sie wörtlich. 2003 eröffnete sie das Hotel-Restaurant Anne-Sophie in Künzelsau, das Mitarbeiter mit und ohne Behinderung betreiben. Dass es eine Herzenssache ist, ist überall im Hotel zu spüren. Sie nutzt ihre Möglichkeiten als Unternehmergattin vielfältig und erhielt dafür zahlreiche Auszeichnungen. Und wenn sie an das Geburtstagsgeschenk denkt, dann kommt wieder das sparsame Nachkriegsmädchen zum Vorschein, ihr Respekt vor körperlicher Arbeit. „Wir stöckeln in High Heels unbeschwert über den Vorplatz des neuen Forums und vergessen manchmal, welche Arbeit im ganzen Areal steckt.“