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Liqui-Moly-Eigentümer Ernst ProstRoter Kapitalist

Ernst Prost, Alleineigentümer des Schmierstoffproduzenten Liqui Moly, beendet seine öffentliche Abstinenz. Er will sich wieder einmischen – mit provokanten Forderungen zur aktuellen Steuer- und Sozialpolitik.Reinhold Böhmer 20.07.2017 - 13:00 Uhr Artikel anhören

Er hält es nicht im Schmollwinkel aus.

Foto: Michael Trippel/laif

Ulm . Ernst Prost ist zurück – und der Unternehmer redet wieder wie zu seinen besten Zeiten: Der Mindestlohn von derzeit 8,84 Euro? „Davon kann doch niemand eine Familie ernähren.“ Ein höherer Spitzensteuersatz für Reiche, wie dies Grüne, Linke und SPD fordern? „Das kann man machen, die paar Prozent mehr, die sind wurscht.“ Mehr Steuern auf Zinseinkünfte? „Da kann man den Hebel ansetzen, das ist Einkommen, für das die Leute nix schaffen.“

Der Alleineigentümer des Motorenöl- und Zusatzmittelherstellers Liqui Moly mit rund 500 Millionen Euro Umsatz hat sein Schweigegelübde gegenüber den Medien aufgegeben. Vor sechs Jahren noch war der 60-Jährige das Werbegesicht seiner Firma und gern gesehener Talkshowgast, wenn ein Unternehmer-Querkopf, Marke „Guter Kapitalist“, gebraucht wurde. Einer, der gegen gierige Manager und „Zockergesindel“ wütet und Verantwortung predigt. 2011 war Prost der Unternehmer mit den meisten Talkshowbesuchen, noch vor Wolfgang Grupp, dem Trigema-Chef, quasi Prosts Bruder im Geiste.

Doch wer provoziert, wird auch selbst zur Zielscheibe: Bald kam der „Stern“ an unflätige E-Mails, in denen Prost einen entlassenen Mitarbeiter als „jämmerlichen Spesenbetrüger“ beschimpfte – an 500 Mitarbeiter in cc. Nach der Enthüllung gelobte Prost Besserung und Abstinenz in den Medien. Er wollte fortan nur noch „in Frieden“ seine Arbeit machen.

Doch damit ist es jetzt wieder vorbei. Einer wie Prost, der es vom Kfz-Mechaniker zum Multimillionär gebracht hat, hält es nicht bis zum Lebensende im Schmollwinkel aus. Er will sich wieder einmischen und blickt angriffslustig drein in seinem Büro in Ulm. In den Regalen und auf den Fenstersimsen drängen sich Figuren und Plastiken aus aller Herren Länder. „Das sind Gastgeschenke von Kunden“, sagt Prost, „hinter jedem steckt eine Geschichte.“

Die eigentliche Geschichte ist diejenige, die Prost nun wieder in aller Öffentlichkeit weiterschreibt. Es ist die vom Sohn eines bayerischen Maurers und einer deutschstämmigen Fabrikarbeiterin aus dem heutigen Rumänien, der aufgestiegen ist zum Unternehmer und nicht nachlassen kann, fast missionarisch den Quell seines Reichtums zu preisen: seine Mitarbeiter, seine Mitarbeiter und noch einmal seine Mitarbeiter. „Meine Leute, das sind diejenigen, die Ahnung haben, aber hallo!“, sagt er. „Die kämpfen seit 27 Jahren Schulter an Schulter für den Erfolg des Unternehmens.“ Sie stünden „Tag und Nacht“ für die Firma bereit. „Mitunternehmer“ nennt er sie deshalb, seit Jahren schon.

Im Gegenzug provoziert Prost all jene in der Wirtschaft, die seiner Ansicht nach ignorieren, wer letztlich den Wohlstand hierzulande schaffe. Als er erfahren habe, dass der Autokonzern Daimler jedem Mitarbeiter für 2016 eine Erfolgsprämie von 5.400 Euro bezahle, habe er morgens früh im Bett gelegen und entschieden: „Dann zahle ich das Doppelte.“ Also überwies Prost in diesem Frühjahr jedem seiner rund 800 Mitarbeiter 11.000 Euro als „Siegesprämie“, wie er die erfolgsabhängigen Zahlungen bezeichnet.

„Für einen unserer Lagerarbeiter in Südafrika ist das ein Geldregen“, sagt er, „das sind für ihn zwei Jahresgehälter.“ Er selbst verzichtete dafür auf fast 20 Prozent seines Jahresgewinns nach Zinsen und vor Steuern. „Unser Herr Prost ist ein Super-Arbeitgeber vom sozialen Engagement her“, lobt Betriebsratschef Friedrich Wiesmüller. Vereinbare die Gewerkschaft mit den Arbeitgebern ein Plus bei den Löhnen, „erhöht der Chef meist ein bisschen mehr“.

Dass Liqui Moly 2016 zum dritten Mal hintereinander ein Rekordergebnis einfuhr, ist für Prost nur ein Teil der Begründung für seine Großzügigkeit. Für ihn zählt genauso, dass er mit solchen Aktionen andere ein wenig vorführen kann, in diesem Fall Daimler-Chef Dieter Zetsche. Er mache sich halt gern „ein Späßle“, sagt Prost. Deshalb agitiert er ungebrochen weiter gegen Arbeitsplatzverlagerer, Steuerverschieber und Finanzkapitalisten, nur eben im Foyer seiner Firma und nicht vor den Fernsehkameras.

„Mittelstand statt Multi“

„Ulm statt Liechtenstein“ lässt er einen Mitarbeiter auf einem Plakat am Empfang gegen Steuerflüchtlinge wettern. „Deutschland statt China“ darf eine Kollegin ergänzen, „Arbeitsplätze statt Aktienkurs“ ein Kollege und „Mittelstand statt Multi“ ein Produktionsarbeiter. Zur Abrundung prangt auf der Wand gegenüber ein Herz mit der Botschaft „Dem Gemeinwohl dienen – mit über 500 Kolleginnen & Kollegen Steuern und Sozialbeiträge erarbeiten“.

Testimonials solcher Art brachten Prost den Beinamen „Roter Unternehmer“ ein. Es ist eine Sonderrolle, aber sein Erfolg gibt ihm recht. 1990 stieg er nach der Lehre in einer Autowerkstatt als Vertriebsmitarbeiter bei Liqui Moly ein, bis 1998 übernahm er schrittweise die Firma. Zusammen mit dem 2006 erworbenen Ölhersteller Méguin im Saarland machte Prost im vergangenen Jahr 489 Millionen Euro Umsatz, rund 33-mal so viel wie 1998. Der Gewinn habe 2016 „satt über 40 Millionen Euro“ nach Zinsen und vor Steuern gelegen, sagt er. Der Exportanteil betrage zwei Drittel, die Eigenkapitalquote 86 Prozent.

Und Prost blickt optimistisch nach vorn. Benjamin, sein einziges Kind, ist 24 Jahre alt, besitzt die Fachhochschulreife, hat Maurer gelernt und baut zurzeit ein Mietshaus für die Eltern. Es existiere ein Testament, sagt Prost. Doch um über die Nachfolge zu reden, seien er und sein Sohn „beide noch zu jung“.

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Zwar laufe die Elektrifizierung des Autos „voll gegen das Kerngeschäft“ von Liqui Moly, da 70 Prozent der Einnahmen aus dem Verkauf von Öl und Schmierstoffen für Fahrzeuge stammen würden. Deshalb versucht Prost, mit neuen Produkten für die Pflegemittel- und Zusatzstoffe-Sparte zusätzliche Absatzfelder aufzubauen.

Aktuell treiben den Selfmademan vielmehr die großen Themen der Welt um, die Veränderungen durch den Brexit und US-Präsident Donald Trump. Und natürlich die Bundestagswahl. Hätte er zu entscheiden, sagt Prost, dann wäre das sein Wahlprogramm: „Wir müssen die Steuern von allen holen, die keine bezahlen beziehungsweise die diese trickreich oder illegal ins Ausland verlagern.“ Und die Politik müsse, bitte schön, ebenso bei den Ausgaben sparen. Dazu zähle auch das 15 Milliarden Euro schwere Rüstungsprogramm, inklusive 2,5 Milliarden Euro für fünf Korvetten, die vom Rechnungshof als überteuert gerügt wurden. „Wozu brauchen wir die“, fragt Prost, „und gegen wen?“

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