Mittelständler legen Gründerfonds auf: Wagemutige Familien
Mit einem zweistelligen Millionenbetrag wollen sich Familienunternehmer aus dem deutschsprachigen Raum zusammen mit Digitalexperten an deutschen Start-ups beteiligen.
Foto: picture allianceDüsseldorf. In Deutschlands digitale Gründerszene kommt tüchtig Bewegung: In einem neu aufgelegten Venture-Capital-Fonds namens „La Famiglia“ hat sich im Laufe des Jahres äußerst diskret ein schlagkräftiges Netzwerk bekannter, europäischer Unternehmerfamilien mit führenden Szeneköpfen der Digitalwirtschaft vereint, um gemeinsam in spannende Startups zu investieren. Das Ziel: Es soll der Brückenschlag zwischen etablierten Traditionsunternehmen und digitalen Gründern gelingen, und zwar, indem sich relevante Köpfe aus beiden Welten zusammen als Investoren formieren.
2016 hat sich der Fonds mit Sitz in München bereits an sieben Start-ups beteiligt. Im nächsten Jahr sollen mindestens zehn weitere Beteiligungen hinzukommen. Insgesamt steht ein mittlerer zweistelliger Millionenbetrag als Investitionssumme bereit.
Obwohl der Fonds nun schon seit etwa sechs Monaten existiert, ist bislang kaum etwas über La Famiglia bekannt geworden. Der Internetauftritt ist schlicht gehalten. Dabei verbergen sich hinter den Kapitalgebern des Fonds etliche Mitglieder großer europäischer Industriefamilien wie Miele, Viessmann, Siemens, Fürstenberg und Conrad aus Deutschland sowie Swarovski aus Österreich und Solvay aus Belgien.
Neben diesen Abgesandten aus der sogenannten Old Economy sind bei La Famiglia auch einige der erfolgreichsten Gründer und Business Angels Deutschlands investiert, die selbst bereits junge Unternehmen aufgebaut haben und einen Teil ihres Vermögens nun über La Famiglia wieder ins (digitale) Ökosystem reinvestieren.
Dazu zählen Hakan Koc, der im Jahr 2012 die Auto-1-Gruppe mitgründete und zur führenden digitalen Plattform für den Fahrzeughandel aufbaute, mit einer Unternehmensbewertung, die inzwischen jenseits einer Milliarde Euro liegt. Oder Sven Rittau, dessen von ihm mitgegründetes Unternehmen Zooplus inzwischen mehr als 700 Millionen Euro Umsatz erreicht.
Weitere junge Investoren sind Sebastian Pollok, Gründer des Erotikartikel-Portals Amorelie, das im vergangenen Jahr an Pro Sieben Sat 1 verkauft wurde, oder Nicole Junkermann, die die Vermarktungsagentur Infront Sports & Media mitgründete und später für über 500 Millionen Euro an Bridgepoint veräußerte.
„Brücke zwischen Gründerszene und Mittelstand“
An der Spitze von La Famiglia stehen zwei Managing Partner: Jeannette zu Fürstenberg, die selbst aus einer Industriellenfamilie stammt (Krohne Messtechnik in Duisburg, knapp 600 Millionen Euro Umsatz) und Robert Lacher, ehemals für die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) tätig, dessen Familie vor Jahren den Spezialmaschinenbauer Singulus an die Börse brachte und der sein selbst gegründetes Mode-Portal Amaze inzwischen an Zalando verkauft hat.
„Das Besondere an unserem Fonds ist, dass wir – vielleicht zum ersten Mal in Deutschland – eine wirkliche Brücke schlagen zwischen der Gründerszene und dem etablierten deutschen Mittelstand, der ja oft auf herausragender Ingenieurskunst fußt“, sagt Jeannette zu Fürstenberg, „es gibt insbesondere beim Thema industrieller Automatisierung noch die große Chance, dass europäische Firmen die Entwicklung treiben. Hier haben wir klare Standortvorteile.“ Und Co-CEO Robert Lacher ergänzt: „Wir suchen nach neuen digitalen Geschäftsmodellen und Technologien, die aktuelle Geschäftsmodelle aus der klassischen Industrie auf den Kopf stellen oder bedeutend ergänzen. Wir möchten diese über Generationen erfolgreichen Unternehmen mit den schlauesten Gründern und besten Ideen von morgen zusammenbringen und sehen darin ein bisher ungenutztes Potenzial.“
Neue Strategien für das Zeitalter der Digitalisierung – danach trachten ja inzwischen auch die allermeisten Unternehmen der sogenannten Old Economy. Und dennoch scheint es weiter zu wenige tragfähige Brücken zwischen dieser neuen Welt und eben jener zu geben, die immer noch den Kern der deutschen Wirtschaft definiert. Nach den Ergebnissen einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums haben 70 Prozent aller deutschen Unternehmen bislang keine nachhaltige Digitalstrategie entwickeln können. Zugleich fehlt es Start-ups in der Frühphase an Kapital und vor allem an Marktzugang.
La Famiglia versteht sich an dieser Stelle als Plattform, die Kapital, Kontakt und Zusammenarbeit zwischen beiden Welten bietet. Und verfolgt damit einen zumindest in Deutschland weithin neuen Ansatz.
Das alles klingt nach guten Nachrichten für den Gründer-Standort Deutschland. Steht doch hierzulande im Vergleich mit den USA immer noch zu wenig Kapital für Start-ups bereit. In Zahlen ausgedrückt: In Amerika gibt es etwa 200 Fonds mit einem Anlagevolumen von mindestens 100 Millionen Euro. In Deutschland sind es ungefähr zehn, darunter etablierte Namen wie e.ventures und Earlybird sowie eine neue Generation von Venture-Capital-Gesellschaften, zu denen etwa Cherry Ventures und Blue Yard Capital zählen.
Eine Art Radarsystem
Für viele Start-ups stellt Wagniskapital ein zentrales Finanzierungsinstrument dar, weil Banken jungen Firmen oft dringend benötigte Darlehen für Forschung und Entwicklung verweigern. Der Grund: Meist gibt es in diesen Fällen noch kein marktreifes Produkt, es fehlt deshalb an verlässlichen Einnahmen. Vor diesem Hintergrund fürchten die Banken um die Rückzahlung ihrer Kredite und reichen erst gar keine aus.
Venture-Capital-Gesellschaften hoffen auf eine spätere Rückzahlung ihrer Einlagen samt ordentlicher Rendite, wenn die jungen Firmen nach geglückter Wachstumsphase entweder an die Börse gehen oder von Konkurrenten übernommen werden.
2015 erhielten in Deutschland 725 Firmen knapp 840 Millionen Euro an Wagniskapital. Diese Zahlen haben sich seit 2011 kaum nach oben entwickelt, lag das Gesamtvolumen damals schon bei 717 Millionen Euro, wie der Bundesverband Deutscher Beteiligungsgesellschaften (BVK) ermittelt hat. Der Anstieg um etwa 15 Prozent spiegelt damit in keiner Weise die Chancen der Digitalisierung wider, die seither gerade in den USA einen neuen, gewaltigen Schub an Gründungsaktivitäten ausgelöst hat. Zum Vergleich: Dort ist das Gesamtvolumen an Wagniskapital seit 2011 um rund 150 Prozent gestiegen und liegt für 2015 nach Angaben der National Venture Capital Association (NVCA) in Washington bei umgerechnet 53 Milliarden Euro.
Die Unternehmerfamilien Swarovski, Solvay, Fürstenberg, Viessmann und Co. nutzen La Famiglia aber nicht nur als Anlagevehikel, sondern setzen auch auf den strategischen Mehrwert, vor allem den direkten Zugang zu den wichtigsten digitalen Trends und besten jungen Gründerteams. La Famiglia ist für sie eine Art Radarsystem, über das sie frühzeitig relevante digitale Trends erfassen, um sie dann in ihre eigenen Familienunternehmen zu tragen.
So leitet beispielsweise Max Viessmann, ebenfalls als Investor bei La Famiglia mit dabei, seit diesem Jahr als Gesellschafter und Chief Digital Officer des gleichnamigen hessischen Mittelständlers die digitale Transformation des Familienunternehmens. In Berlin ist Viessmann inzwischen eine feste Größe der Digitalszene und hat ein eigenes Lab aufgebaut, in dem neue Geschäftsmodelle und Technologien rund um das sogenannte Internet der Dinge entwickelt werden.
Exakt dieser frühe Zugang zu digitalen Trends und jungen Firmen stellt für die meisten klassischen Unternehmen immer noch eine große Herausforderung dar. La-Famiglia-Investor Christian Miele, der selbst für den Risikokapitalgeber e.ventures arbeitet und dessen Onkel Markus den Miele Konzern führt, sagt: „Die europäische Investorenszene braucht innovative Fondskonzepte wie La Famiglia, deren Angebote einen echten Mehrwert für die Gründer mitbringen und gleichzeitig den Mittelstand mitnehmen. Ein zu frühes direktes Investment eines Konzerns in ein Start-up schränkt deren strategischen Spielraum zu sehr ein.”
Deshalb hat sich der Fonds selbst eine weitgehende Zurückhaltung auferlegt. La Famiglia strebt weder Beteiligungsmehrheiten an noch Sitze in Aufsichts- oder Beiräten. Der Fonds gibt zudem keinerlei Exitpläne vor und verlangt auch keine Kaufoptionen.
„Unser Ziel ist es, den Unternehmen zu nachhaltigem Erfolg zu verhelfen. Sie erhalten Zugriff auf das Know-how unseres Netzwerks, und dabei agieren wir gern auch so wie klassische Business Angel. Wir wollen dabei alles vermeiden, was die jungen Gründer in ihrer Kreativität behindern oder lähmen könnte“, sagt Jeannette zu Fürstenberg.
Das sehen erfahrene Manager aus der klassischen Industrie sehr ähnlich. Franz Fehrenbach, Aufsichtsratsvorsitzender beim weltgrößten Autozulieferer Bosch, sagte dem Handelsblatt kürzlich: „Wer erst Anträge auf Genehmigungen schreiben muss, käme nicht voran. Sie müssen einfach loslegen können und auch mal Fehler machen dürfen.“
Bosch-Aufsichtsrat Franz Fehrenbach: „Wer erst Anträge auf Genehmigungen schreiben muss, käme nicht voran. Sie müssen einfach loslegen können und auch mal Fehler machen dürfen.“
Foto: Andy Ridder für HandelsblattBosch selbst hat sich über eine eigene Venture-Capital-Tochter inzwischen an über 30 jungen Firmen beteiligt und versucht, innerhalb des Konzerns diesen Firmen jene Freiheiten zu bieten, die Fehrenbach soeben beschrieben hat. Er sagt: „Sehr oft tritt das Not-invented-here Syndrom ein“, also die Ablehnung und Angst innerhalb eines etablierten Konzerns vor Ideen, die andere außerhalb hatten. „Das gilt es zu verhindern. Sonst laufen junge Unternehmer bei Konzernstrukturen gegen eine Wand.“
Das will auch La Famiglia mit seinen Investments vermeiden, etwa beim Berliner Start-up Freight Hub. Das Unternehmen der Gründer Fabian und Ferry Heilemann konzentriert sich als sogenannter Full-Service-Spediteur darauf, internationale Containertransporte in der See- und Luftfracht komplett elektronisch über eine digitale Plattform abzuwickeln.
Frühen Zugang zu neuen Themen
Vereinfacht gesagt geht es darum, dass die Kundschaft einen Absende- und einen Zielort wählt und dann eine Übersicht aller buchbaren Transportunternehmen erhält – und zwar inklusive Kosten, Dauer der Lieferung, Zollbeschränkungen sowie des exakten Zustelltermins der Ware.
Ein weiteres Investment, das La Famiglia gemeinsam mit e.ventures eingegangen ist, heißt Coya. Die Firma baut eine neue, von der Bafin lizenzierte digitale Versicherung auf, die auf Basis von Nutzerdaten Versicherungsangebote dynamisch in Echtzeit erstellt.
Möchte der Kunde etwa für einen Abend in der Oper die wertvolle Handtasche für drei Stunden gegen Diebstahl extra versichern, so ist dies für etwa einen Euro möglich. Coya nutzt intelligent Daten, um günstige und maßgeschneiderte Versicherungsprodukte anzubieten und die Police auf die wirklich relevanten Risiken zu reduzieren. Der Markteintritt ist für Ende nächsten Jahres geplant.
Investment-Beispiel drei: Kürzlich beteiligte sich La Famiglia zudem an einem Software Start-up, das seinen Kunden die Verschlüsselung und Qualitätssicherung technischer Konstruktionsdateien von Bauteilen ermöglicht, die auf 3D-Druckern und CNC-Maschinen hergestellt werden. Damit sind sie vor Produktpiraterie geschützt. Mit Hilfe der Software lässt sich präzise nachverfolgen, auf welchen Maschinen in der Welt gerade welche Bauteile und in welcher Form hergestellt werden.
„Die Software adressiert eines der Kernprobleme deutscher Industrieunternehmen im Kontext Industrie 4.0: Nämlich Sicherheit, Stabilität und gleichbleibende Qualität digitaler Wertschöpfungsketten”, berichtet Jeannette zu Fürstenberg. „Diese direkte Beziehung zur traditionellen Industrie ist für uns sehr spannend, da wir Geschäftsmodelle bereits vor einem Investment überprüfen können. Unsere Investoren wiederum bekommen einen sehr frühen Zugang zu neuen Themen.“