Analyse zu 25 Jahre Deutsche Einheit: Eine Frage der Mentalitäten
Im November 1989 tanzten die Deutschen in Berlin auf der Mauer, die Ost und West getrennt hatte.
Foto: apJa, es gibt sie, sie sind keine Fata Morgana: die blühenden Landschaften im Osten. Aber nicht überall. Ja, es gibt sie: die verödeten, verarmten, trostlosen Landstriche im Osten. Aber nicht überall. Ja, es gibt ihn, den Wohlstand, vor allem rund um die Leuchttürme des Ostens, bei den Großstädten und in den Regionen, in die viel Geld für die Infrastruktur und die Forschung geflossen sind. Aber ja doch: Es gibt ihn noch, den Unterschied zwischen Ost und West.
Im Gegensatz zu den Unterschieden zwischen Süd und Nord, arm und reich im Westen, allerdings, ist der Unterschied zwischen Ost und West gewaltig. Noch immer. Das hat mit der DDR-Vergangenheit zu tun. Und auch mit einem Erbe, das wenig greifbar, kaum sichtbar, aber immer spürbar ist: mit Mentalitäten.
Rüdiger Scheidges ist Handelsblatt-Korrespondent in Berlin.
Foto: HandelsblattHelmut Kohl, der ehemalige Bundeskanzler, hatte den „Brüdern und Schwestern“ im Osten nach dem Fall der Mauer und der Zonengrenze blühende Landschaften versprochen. Mit dem 1:1-Umtausch für die marode Währung der DDR allen demonstriert, dass es ihm – Ökonomie hin, Produktivität her – ernst war mit seinem Versprechen, nicht länger zwei Deutschlands auf der politischen Landkarte zu akzeptieren.
Doch was ist aus den Versprechungen, den Plänen und den unterschiedlichen Mentalitäten in Ost und West wirklich geworden, 25 Jahre nach der Wiedervereinigung? Wie nahe sind sich Deutsche, Ost und Deutsche, West geworden. Sind sie nun tatsächlich Brüder und Schwestern geworden oder bleibt es bei dieser ideologischen Hülse, die Jahrzehnte des Kalten Kriegs dazu diente, die Einheit Deutschlands emotional wach zu halten?
Das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung, selber an der Nahtstelle zwischen Ost und West gelegen, beantwortet die Frage in einer Studie, die heute veröffentlicht wurde, auf vielfältige Art. Unter dem Nenner ist die Aussage so klar wie erwartbar. Eine einzige Generation reicht beileibe nicht aus, um über zwei Generationen gewachsene Mentalitäten, Lebensbilder und gewachsene und gelernte, aber auch weitergegebene Vorstellungen vom richtigen Leben zu tilgen, heißt es in der Studie: „So geht Einheit – Wie weit das einst geteilte Deutschland zusammengewachsen ist.“
25 Jahre nach der Wiedervereinigung, so die Forscher, haben noch sehr viele Menschen zahlreiche Vorurteile über die jeweils anderen. Ein Drittel der Ostdeutschen hält ihre Landsleute im Westen für arrogant. Offenbar zementiert und weit verbreitet ist weiterhin die Vorstellung, Wessis seien besserwisserisch und egoistisch. Natürlich spiegelt sich darin auch das weiterhin immense wirtschaftliche Gefälle zwischen Ost und West, natürlich speist sich daraus auch ein Teil der Aversion gegenüber den „Siegern“ und den Wohlhabenderen. Auch das ist eine Form der Normalität.
Umgekehrt herrsche, so die Studie, im Westen oft das Klischee-Bild vom anspruchsvollen, unzufriedenen Ossi weiter, der alles haben will, aber wenig leisten möchte. Das ist die Mentalität der Geldgeber, jener also, die glauben, für die Einheit zahlen und deshalb Einbußen an Lebensstandard erleiden zu müssen.
In der Selbstwahrnehmung der Befragten zeigen sich auffallende Unterschiede zwischen Ost und West: Ostdeutsche begreifen sich selbst sehr positiv: als bescheiden, fleißig und strebsam. Hans-Joachim Maaz, Psychotherapeut und professioneller DDR-Seelendeuter, hat die Enttäuschung der Ossis über „Westdeutschland“ mal so formuliert: „In der DDR war es keine Kunst, den Westen zu idealisieren. Nun stellt man fest, dass auch dieses System erhebliche Nachteile hat. Eine kritische Auseinandersetzung der Ostdeutschen mit der westdeutschen Lebensweise hat es bislang ja auch nicht gegeben, vielleicht war das auch noch gar nicht möglich.“ Die Selbstwahrnehmung der Wessis ist negativer, gebrochenen, zweifelnder.
Das Ende der DDR und die Wiedervereinigung bedeuten einen der tiefsten und jähsten Brüche in der deutschen Geschichte. Die Transformation von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft der ehemaligen DDR ist da ein wesentlicher, aber eben nur ein Aspekt, der das Leben der Menschen bestimmt.
Zwar hat sich diese Transformation als eine Daueraufgabe in Deutschland erwiesen, die das Land länger und in größerem Umfang in Anspruch nimmt als ursprünglich gedacht. Doch womöglich noch länger, das legt die Studie jetzt offen, braucht es, damit Menschen unbelastet von Gesellschaftssystemen, nationalen Identifikationen vorurteilsfrei miteinander umgehen.
Selbst dann, wenn sie sich als Teil eines Ganzen fühlen. Selbst dann, wie es Ex-Bundeskanzler Willy Brandt einmal formulierte, „zusammen wächst, was zusammen gehört.“ Auch hier gilt die gesamtdeutsche Weisheit: Gut Ding will Weile haben.