Verbote in Deutschland
Willkommen in der Nanny-Republik

Für ihre Veggie-Day-Idee ernteten die Grünen viel Kritik. Tatsächlich berührt der Vorstoß ein sensibles Thema: die staatliche Bevormundung und die Frage: Sind wir schon eine Verbotsrepublik – und, falls ja, ist sie grün?
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BerlinAls einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, dass die Grünen einen fleischlosen Tag in Kantinen durchsetzen wollen, um so den Fleischkonsum in Deutschland zu senken, war die Aufregung groß. Selbst die Linke wendete sich dagegen, obwohl die Idee lediglich im Wahlprogramm der Ökopartei steht und noch gar nicht ausgemacht ist, ob der „Veggie-Day“ jemals den Weg in ein Regierungsprogramm finden wird. Von einem „gruseligen Freiheitsverständnis“ sprach Linksparteigeschäftsführer Matthias Höhn. „Ich jedenfalls will nicht in einer grünen Erziehungsdiktatur leben, und ich glaube, viele Wählerinnen und Wähler auch nicht.“ Ob sich Höhn da mal nicht täuscht.

Zwar gibt es keine aktuellen Erhebungen, wie es die Bürger in Deutschland mit staatlichen Regeln und Verboten halten. Eine spezielle Umfrage aus dem vergangenen Jahr lässt aber dennoch aufhorchen. Das Heidelberger John-Stuart-Mill-Institut hat einen „Freiheitsindex“ konstruiert, der neben der Umfrage auch Zeitungen analysiert und bewertet, wie oft Bürger und Journalisten für staatliche Verbote plädieren oder freie Entscheidung bevorzugen. Das Ergebnis überrascht: Bei der Abwägung gegen Sicherheit und Gleichheit liegt die Freiheit im Hintertreffen. Die Mehrheit der Bürger fordert ausdrücklich eine Ausweitung der Staatsaufgaben. Der "betreuende", "sich kümmernde Staat" wird demnach im Unterschied zum liberalen Staat, der wenig eingreife, als der gerechtere gesehen, in dem es menschlicher zugehe und der mehr Wohlstand ermögliche.

Freiheit wird zwar hochgeschätzt, viele Bürger befürworten aber gleichzeitig viele Verbote. Die Mehrheit findet laut dem Index, der Staat solle Drogen verbieten, Klonen von Menschen, rechtsradikale Parteien, Filme mit Gewaltdarstellungen, Kredite für Personen, die schon verschuldet sind und: ungesunde Lebensmittel. Liegen dann also die Grünen mit ihrem Veggie-Day gar nicht so falsch? Da die Wahrnehmung der Bürger keine feste Größe ist, die sich nie verändert, lässt sich das nicht eindeutig sagen.

Oft sind Meinungen Momentaufnahmen. So wohl auch im aktuellen Fall. Die Forderung nach einem vegetarischen Tag in Kantinen stößt jedenfalls auch bei der Mehrheit der Bundesbürger auf Ablehnung, wie jüngst eine Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der „Welt am Sonntag“ ergab. Im Wahlkampf sind solche Erhebungen eine willkommene Steilvorlage für den politischen Gegner. Kein Wunder also, wenn der FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle den Ball dankbar aufnimmt und lospoltert: „Die Grünen lechzen geradezu danach, aus Deutschland eine Verbotsrepublik zu machen.“ Aber, und das ist die eigentlich spannende Frage, hat er mit seiner Behauptung Recht.

Steuern wir auf eine durchregulierte Republik zu – und sind die meisten Verbote tatsächlich auf grünem Mist gewachsen? Ja und Nein. Der „Nanny-Staat“ ist längst schon Realität, zu verantworten haben ihn aber auch die anderen Parteien, vor allem auch die derzeitige Bundesregierung. Der „Spiegel“ hat einige Beispiele zusammengetragen, die das Bild der Verbotsrepublik treffend illustrieren.

Kommentare zu " Verbote in Deutschland: Willkommen in der Nanny-Republik"

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  • Ein wunderschöner Artikel zur Abwechslung und es ist einfach nur die traurige Wahrheit. Wir sind zu einem Volk von unmündigen Schildbürgern verkommen, naja villeicht waren wir das ja irgendwo schon immer, das würde es aber nicht besser machen :-/

  • Warum listet man hier seitenlang die Ermordeten auf? Das hat mit dem Thema nichts zu tun. Wir wissen doch alle(?), dass über 98,5% aller Straftaten aus der Gruppe der männlichen Jugendlichen von Migranten begangen werden. Und dieses Verhalten endet ja nicht abrupt mit 18. Und wir wissen doch alle , dass das Gebot Du sollst nicht töten - seit es existiert, kaum befolgt wird. Hier geht es aber um Verbote, die völlig unnötig sind und lediglich erlassen werden um unsere Grundrechte einzuschränken oder um uns zu gängeln. Das liegt aber auch daran, dass unsere nachwachsende Generationen ihre Freiheiten auf Kosten der Mitmenschen exzessiv austesten. Grillen, laute Musik und Lärm nach 22 Uhr.... wer kennt das nicht? Und doch verstoßen wir massenhaft gegen die Rechte der anderen.... und wundern uns dann wenn entsprechende Regulierungen erlassen werden. Mehr gelebte Rücksichtnahme braucht keine selbstverständliche Vorschriften. Kommt ei Krüppel in die SBahn und keiner steht auf, dann wird eben eine entsprechende Vorschrift erlassen...usw

  • Diese Wichtigtuer und Möchtegernintelligenzler kümmern sich um alles, nur nicht um das, was wirklich wichtig ist.
    Man kann dieses absurde Geschwafel nicht mehr hören. genau wie der letzte Quatsch, mit dem fleischlosen Tag
    Übrigens essen viele gar nicht jeden Tag Fleisch, weil es auch viele andere leckere Speisen gibt und sie aus eigener Überzeugung fleischfreie Tage machen, auch ich mache das, dazu brauche ich keine Vorschrift von einer OBERNANNY.
    Das sind doch genau die, welche Wasser predigen, aber Wein saufen.

    Einen gesunden Menschenverstand muß man in der Politik bald mit der Lupe suchen.

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