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Gewalt gegen ZDF-ReporterinSchwere Vorwürfe gegen AfD-Vize Gauland

Bei einer AfD-Kundgebung wird eine ZDF-Reporterin von mehreren Demonstranten angerempelt. Parteivize Gauland führt die Attacke auf die Berichterstattung über Flüchtlinge zurück. Der Journalistenverband ist empört.Dietmar Neuerer 27.11.2015 - 16:31 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Alexander Gauland spielt die Attacke auf eine ZDF-Reporterin als „Ausrutscher“ herunter.

Foto: Reuters

Berlin. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat den stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Alternative für Deutschland (AfD), Alexander Gauland,  mitverantwortlich für den Angriff von Partei-Anhängern auf eine ZDF-Reporterin gemacht. Gauland hatte den Vorfall als falsch bezeichnet, ihn aber zugleich mit der Berichterstattung des Senders über das Flüchtlingsthema begründet.

Der Sprecher des DJV, Hendrik Zörner, sagte dazu dem Handelsblatt: „Das ist eine vergiftete Entschuldigung, die der AfD-Politiker Gauland der ZDF-Journalistin nachgerufen hat. Mit seiner dümmlichen Kritik am angeblichen Willkommensfernsehen heißt er die Gewalt gegen Journalisten indirekt gut.“ Die deutschen Medien und damit auch ARD und ZDF berichteten „umfassend und ausgewogen“ über das Flüchtlingsthema, fügte Zörner hinzu. „Was Gauland fordert, wäre Hofberichterstattung für die AfD. So etwas hat in einer Demokratie aber keinen Platz.“

Scharfe Kritik an der AfD äußerte auch Bundesjustizminister Heiko Maas. Wer versuche, tätliche Übergriffe auf Medien zu rechtfertigen, verlasse den Boden des Grundgesetzes, sagte der SPD-Politiker am Freitag mit Blick auf Gauland.

Die Studio-Leiterin des ZDF in Brandenburg, Britta Hilpert, war am Mittwochabend bei einer AfD-Kundgebung in Cottbus von mehreren Demonstranten angerempelt und geschubst worden, als sie ein Interview führen wollte. Er habe sich persönlich bei der Journalistin entschuldigt, sagte Gauland im ZDF-„Morgenmagazin“.

Wie die AfD die Flüchtlingskrise lösen will
Die AfD fordert die sofortige Schließung aller nationalen Grenzen, an denen eine unkontrollierte wilde „Zuwanderung“ stattfindet. Außerdem verlangt die Partei die Wiedereinführung von Grenzkontrollen. Einreisewillige Asylantragssteller aus sicheren Dritt- oder Herkunftsstaaten sollten zudem zurückgewiesen werden. „Die Grenzen sind zu sichern“, heißt es in einem Forderungskatalog der Partei von Anfang September 2015. Gleichzeitig sei die Visumpflicht für die Länder des Westbalkans  (Albanien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien, Montenegro, Serbien) wieder einzuführen.Quelle: AfD (Kampagne gegen das "Asylchaos"); weitere Asyl-Forderungen in Pressekonferenz vom 9.10.2015
Alle sich rechtswidrig im Bundesgebiet aufhaltenden Personen sollten aus Sicht der Partei zur „unverzüglichen freiwilligen Ausreise“ aufgefordert werden. Nach einer hierzu „angemessenen Frist“ sollten sie „keinerlei öffentliche Unterstützung mehr“ erhalten. Danach seien sie in ihre Heimatländer oder international zu organisierende Aufnahmelager zu überführen, heißt es in dem Papier
Die AfD hat insbesondere alle rechtskräftig abgelehnten Asylbewerber im Blick, die unverzüglich außer Landes gebracht werden sollen. „Soweit sie nicht freiwillig ausreisen oder ihre Identität verschleiern, sind Unterstützungsleistungen ausschließlich als Naturalleistungen zu gewähren“. Gegebenenfalls seien materielle Anreize außerhalb der Transportkosten anzubieten, die eine freiwillige Ausreise attraktiv machten.
Die AfD fordert, alle in Deutschland anhängigen Asylverfahren von Personen aus einem EU-Staat oder einem sicheren Drittstaat „schnellstmöglich“ zu beenden.
Zur Regelung von Masseneinwanderung ist aus AfD-Sicht das Asylrecht im Grundgesetz  „weder gedacht noch geeignet“. Das Recht, in Deutschland Asyl zu beantragen, solle daher aufgehoben werden. Stattdessen müssten Asylanträge in deutschen Botschaften oder in EU- oder Uno-Einrichtungen gestellt werden. Sollte das nicht möglich sein, müssten die Botschaften in einem Nachbarland aufgesucht werden.
Für eine „unvorhersehbare Situation“, wie sie sich derzeit in Europa darstelle, sei die derzeit bestehende Rechtslage nicht geschaffen worden, meint die AfD. Die heutige Rechtslage in Deutschland und Europa müsse daher so verändert werden, „dass sie den historischen Leitgedanken gerecht wird“. Die AfD bezieht sich dabei auf das Aufenthaltsgesetz von 2004. Danach solle der Zuzug von Ausländern „unter Berücksichtigung der Aufnahme- und Integrationsfähigkeit sowie der wirtschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Interessen“ Deutschlands gesteuert und begrenzt werden. Die AfD will per Gesetzesänderung erreichen, „dass es in Zukunft nicht mehr für jeden Menschen weltweit möglich ist, sich auf das „deutsche Asylrecht“ zu berufen“. „Der deutsche Sonderweg“, heißt es, „muss zugunsten internationaler Standards verändert werden.“
AfD-Chefin Frauke Petry will eine drastische Beschleunigung der Asylverfahren. „Letztlich werden dem deutschen Rechtssystem vielfach falsche Tatsachen vorlegt“, sagt sie. Asylbewerber ohne einen Nachweis der Nationalität sollen deshalb in einem Schnellverfahren abgelehnt werden. Über Asylanträge von Flüchtlingen aus sicheren Dritt- und Herkunftsstaaten solle ebenso innerhalb von 48 Stunden entschieden werden. Damit könne man sicherstellen, „dass die nationalen Interessen geschützt und die Ordnung aufrechterhalten bleibt“.
Die Liste der sicheren Herkunftsstaaten soll nach Ansicht der AfD um alle diejenigen Staaten erweitert werden, die die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet haben. Nicht dazu zählen Staaten, die sich „schwerster Menschenrechtsverletzungen“ schuldig gemacht hätten. Alternativ schlägt die Partei vor, dass als sicherer Herkunftsstaat jeder Staat mit einer Anerkennungsquote von unter 2 Prozent zu gelten habe.
Die deutschen Asylbewerberleistungen seien für die Menschen aus dem Westbalkan „fast so, als ob sie hier Arbeit hätten“, sagt AfD-Vize Alexander Gauland. Bargeld sei Anreiz für weitere Flüchtlinge, nach Deutschland zu kommen. Leistungen für Asylbewerber sollen daher ausschließlich als Sachleistungen gewährt werden; Bargeld dürfe es erst nach Anerkennung des Asylantrages geben.
Mit Blick auf EU-Staaten, die ungehindert Asylsuchende nach Deutschland reisen lassen, verlangt AfD-Chefin Petry, die Zahlungen an die Staatengemeinschaft zu kürzen. „Alle asylrechtsbedingten Kosten sind von den Ländern zu erstatten, aus denen die Immigranten eingereist sind“, heißt es in einem Thesenpapier der Partei.

Er sagte allerdings auch: „Man muss erst einmal fragen, warum sind Menschen gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen?“ Da könne man deutlich sagen, dass die Menschen, die in Cottbus auf die Straße gegangen seien, „dieses Willkomensfernsehen, was zum Teil über ARD und ZDF läuft, nicht sehen und hören wollen“. Da gebe es „Ausrutscher“, was er jedoch „falsch“ finde. Man müsse aber sehen, „dass diese Menschen über vieles empört sind, was sie sehen, weil sie glauben, sie kommen selber im Fernsehen (…) mit ihren Bedenken und Sorgen und der Ablehnung von Flüchtlingen nicht vor“. Aber: „Natürlich distanziere ich mich von Angriffen auf die Pressefreiheit.“

Die ZDF-Reporterin ist auch Vorstandssprecherin von Reporter ohne Grenzen. Die Organisation dokumentiert den Vorfall in einer Pressemitteilung. Demnach sei Hilpert bei der Demonstration, die unter dem Motto „Asylchaos stoppen“ stattfand, durch mehrere Demonstranten so „massiv“ angegriffen, dass die anwesende Polizei habe dazwischen gehen müssen.

Nachdem sie Hilpert beim Pressesprecher der AfD beschwert hat, habe die AfD-Kreisvorsitzende Marianne Spring von der Bühne herab den Vorfall erwähnt und die Demonstranten aufgefordert, friedlich zu bleiben. „Die Menge reagierte darauf mit Buh-Rufen und skandierte „Lügenpresse, Lügenpresse!““, teilte Reporter ohne Grenzen mit. Nach der Veranstaltung habe sich Spring persönlich bei Hilpert entschuldigt.

Der Nazi-Jargon der AfD
Der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache, Peter Schlobinski, betont zwar, dass man nicht die gesamte (Alternative für Deutschland) AfD über einen Kamm scheren dürfe. „Doch einzelne Mitglieder pflegen eine auffällige Nazi-Rhetorik. Der Rhythmus, das sprachliche Diktum, die Emotionalisierung - es gibt einiges, was stark an die NSDAP-Sprache angelehnt ist.“ Und der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke sei ja schon „fanatisch in seiner Sprache“. Es folgen einige Beispiele.Quelle: „Stern“, eigene Recherche.
„3000 Jahre Europa! 1000 Jahre Deutschland!“
„Erfurt ist … schön … deutsch! Und schön deutsch soll Erfurt bleiben!“
„Das Boot ist übervoll und wird kentern.“
In einem Vortrag stellte Höcke das Bevölkerungswachstum Afrikas in einen Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise, was weithin als biologischer Rassismus bewertet wurde. Er sprach von einem „Bevölkerungsüberschuss Afrikas“ und erklärte, der „lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp“ treffe in Europa auf den „selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp“. Dann schlussfolgerte er: „Solange wir bereit sind, diesen Bevölkerungsüberschuss aufzunehmen, wird sich am Reproduktionsverhalten der Afrikaner nichts ändern.“
In ihrem auf Facebook verbreiteten Weihnachtsgruß vom 24.12.2015 sprach die AfD Sachsen-Anhalt unter anderem davon, in der Weihnachzeit über die „Verantwortung für die Volksgemeinschaft und nächste Generation“ nachzudenken. Der verwendete Begriff „Volksgemeinschaft“ löste daraufhin eine Diskussion aus. Denn, so der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn von der Universität Göttingen bei „tagesschau.de“, der Begriff der Volksgemeinschaft sei historisch „eindeutig durch den Nationalsozialismus belegt“. Der Begriff sei in einer Demokratie unhaltbar, so der Professor, selbst wenn man sich auf den Standpunkt historischer Naivität zurückziehen würde. Die Idee einer Volksgemeinschaft sei generell nicht mit den Vorstellungen von Demokratie vereinbar.
„Es wird Zeit, dass wir das Schicksal des deutschen Volkes, damit es ein deutsches Volk bleibt, aus den Händen dieser Bundeskanzlerin nehmen.“
„Das Boot ist voll. Auch um der Flüchtlinge willen muss Deutschland jetzt die Notbremse ziehen.“
„Die deutsche Politik hat eine Eigenverantwortung, das Überleben des eigenen Volkes, der eigenen Nation sicherzustellen.“
„Ich sage diesen linken Gesinnungsterroristen, diesem Parteienfilz ganz klar: Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht - denn wir sind das Volk, liebe Freunde.“

In einem späteren ZDF-Interview habe dann der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke die Pressefreiheit als „ein hohes Gut“ bezeichnet, er habe aber auch die Kritik wiederholt, viele Journalisten transportierten nur „die Meinung einer kleinen politischen Kaste“.

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Reporter ohne Grenzen beobachtet mit Sorge, dass die bei Pegida-Demonstrationen und NPD-Veranstaltungen schon „alltäglich gewordenen Angriffe auf Journalisten jetzt auch bei AfD-Anhängern kein Tabu mehr“ seien. „Hier offenbart sich eine deutliche Diskrepanz zwischen dem propagiertem Selbstbild der Partei und den Einstellungen zumindest eines Teils ihrer Anhänger, bis hin zur Gewaltbereitschaft“, erklärt die Organisation

Seit Januar 2015 zählte Reporter ohne Grenzen in Deutschland insgesamt 22 tätliche Angriffe gegen Journalisten. Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht Deutschland auf Platz 12 von 180 Staaten.

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