Kritik
Flassbeck spottet über Krisenpolitik

Er berät Regierungen in aller Welt und sitzt bei G20-Treffen mit am Tisch: Der Ökonom Heiner Flassbeck kritisiert das Krisenmanagement europäischer Spitzenpolitiker. Auch an Angela Merkel lässt er kein gutes Haar.
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Brüssel Der Ökonom Heiner Flassbeck spricht den zentralen Akteuren in der Euro-Krise ausreichenden Sachverstand und echtes Problembewusstsein ab. "Wir haben nicht die Politiker, die in der Lage wären, diese Krise zu managen", sagte der Chefvolkswirt der UN-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD). Umso bedenklicher sei, dass ohne lange Vorlaufzeit ständig neue, mit erheblichen Risiken behaftete Anti-Krisen-Instrumente getestet würden. "Wir schaffen dauernd mächtige Maschinen und haben keinen, der sie bedienen kann", warnte Flassbeck. "Irgendwann werden die Maschinen so gefährlich, dass man sie abschalten müsste."

Wirklich inhaltliche Diskussionen über die besten Krisenstrategien führten die verantwortlichen Spitzenpolitiker selbst untereinander kaum, kritisierte Flassbeck, der Regierungen in aller Welt berät und auch bei den Treffen der G20-Finanzminister häufig mit am Tisch sitzt. "Ausgetauscht werden vor allem Plattitüden, die Zeit für tiefer gehende Analysen nimmt sich keiner. Da geht es vor allem darum, sich politisch durchzusetzen." Gleiches gelte für die Treffen der EU-Finanzminister im sogenannten Ecofin-Rat: "Selbst im Ecofin sitzen sich 27 Delegationen gegenüber, spulen ihre Positionen herunter, das allein dauert fünf Stunden - und dann ist oft Schluss."

Auch an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU) lässt Flassbeck, der die Euro-Krise nach eigenen Worten schon vor 15 Jahren vorhergesagt hat, kein gutes Haar. "Wie oft hat die Kanzlerin in den vergangenen Jahren mal die besten Ökonomen der Welt um sich versammelt und zwei, drei Stunden konzentriert mit ihnen über die Krise beraten? Oder Schäuble? Meines Wissens nie!" Im Ergebnis fehle es den Handelnden in Detailfragen an Sachkompetenz, Entscheidungen würden viel zu oft "aus dem hohlen Bauch" getroffen. "Das ist dann so, als wenn man mit Laien über Atomphysik spricht", spottete Flassbeck, der in den 1990er Jahren kurzzeitig als Staatssekretär im Bundesfinanzministerium tätig war.

Agentur
dapd 
DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Kritik : Flassbeck spottet über Krisenpolitik "

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  • Nun, da sagt Flassbeck ja nichts Neues.

    Wenn Kohl etwas von Wirtschaft verstanden hätte, hätte er den Euro ablehnen müssen. Es hätte allerdings schon genügt, wenn er nicht in Österreich sondern in Italien öfters Urlaub gemacht hätte. Auch ihm hätte dann auffallen müssen, dass die Italiener alle drei bis vier Jahre gegenüber der DM kräftig abgewertet haben. Wie kann also für zwei so unterschiedliche Volkswirtschaften und soziale Systeme eine gemeinsame Währung funktionieren? Geht nicht, wäre dann auch Kohls Erfahrung gewesen. Und auch Frankreich musste in gewissen Abständen gegenüber der DM abwerten. Aber so wurde eben über etwas entschieden, von dem man keine Ahnung hat. Geht manchmal gut, hier aber ist es absolut schief gegangen. Und die Aufnahme von Griechenland durch Schröder und Fischer war dann das absolute Chaos. Mit Merkel und der Euro-Krise scheint es leider ähnlich zu laufen. Anscheinend ist bei den Politikern der Hang zu Fehlentscheidungen "alternativlos".

  • Hallo,
    "Europa" und auch der "EURO" müssen nicht schlecht sein:
    Bei den "Vereinigten Staaten von Europa" existieren keine Nationalstaaten mehr und alle Macht geht nach Brüssel.
    Bei der "Union der Staaten von Europa" bleiben die Nationalstaaten existent und Brüssel wäre ein Ort an dem sich die nationalen Staatschefs abstimmen.
    Der EURO könnte, ähnlch wie seinerzeit der ECU, eine Währung sein, innerhalb der von nationalen Umrechnungen zum Tragen käme (D z.B. 1 :1,95583).
    Damit wären beide Hauptfehlerquellen relativ schnell zu beseitigen, ohne dass eine EU weite Bürgerverelendung stattfinden müsst.

  • Nun hat er ja wie wir alle,über Jahre von außen
    beim Fehler machen zugeschaut..
    Dann zu einer Gesamtanalyse zu kommen,fällt dem größtem
    Deppen nicht mehr schwer..

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