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Nach Euro-VerhandlungZweifel an Neutralität der Karlsruher Richter

Hat die EZB bei der Euro-Rettung ihre Kompetenzen überschritten? Zwei Tage suchte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Antworten – bei Sachverständigen, die Zweifel an der Neutralität der Richter aufkommen lassen.Dietmar Neuerer 13.06.2013 - 06:50 Uhr Artikel anhören

Der Zweite Senat beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe mit Peter Huber (links), Andreas Voßkuhle (Vorsitz) und Gertrude Lübbe-Wolff: Die Wahl der Sachverständigen stößt auf Kritik.

Foto: dpa

Berlin. Die zwei Verhandlungstage vor dem Bundesverfassungsgericht sind vorüber, zwei Tage stand in Karlsruhe die Euro-Rettungspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) auf dem Prüfstand. Ob die Richter allumfassend ergründen konnten, inwiefern das EZB-Programm für einen unbegrenzten Anleiheaufkauf gegen Grundgesetz und EU-Vertrag verstößt? Mit der Anhörung der verschiedenen Sachverständigen deutete sich schnell an, wohin die Reise gehen würde. Die Auswahl sorgt jedenfalls für Kritik.

Das ist auch nicht verwunderlich - angesichts der betont eurokritischen Äußerungen. So drückte sich Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn gewohnt drastisch aus und äußerte die Einschätzung, dass sich das potenzielle Volumen für Anleihekäufe auf dreieinhalb Billionen Euro belaufen könne. Der Wirtschaftsprofessor rechnet dabei aber sämtliche Anleihen von Krisenländern einschließlich Frankreichs dazu, obwohl die EZB nur Staatspapiere mit bis zu drei Jahren Laufzeit kaufen würde. Sinns Ausführungen waren aber schon in der Welt und hinterließen wohl auch einen nachhaltigen Eindruck bei den Richtern. Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle brachte jedenfalls die Möglichkeit ins Spiel, den Auftrag der EZB weiter zu regeln als bisher im EU-Vertrag.

Die umstrittenen Staatsanleihen-Kaufprogramme der EZB
Als die Schuldenkrise zum ersten Mal in Griechenland eskaliert, beschließt der EZB-Rat den Kauf von Staatsanleihen überschuldeter Euro-Länder. Damit wirft die EZB erstmals in ihrer Geschichte de facto die Notenpresse an, um Krisenländern zu helfen und das politische Projekt der Gemeinschaftswährung nicht zu gefährden. In der Folge kauft sie für mehr als 200 Milliarden Euro Papiere von Griechenland, Irland und Portugal.
Die EZB dehnt unter dem Druck der sich verschärfenden Schuldenkrise ihre Staatsanleihen-Käufe auf Spanien und Italien aus. Zudem wird bekannt, dass der damalige Notenbankchef Jean-Claude Trichet Briefe an die Regierungschefs dieser Länder, Silvio Berlusconi und Jose Luis Zapatero, geschrieben hat, in denen er ihnen Ratschläge für eine nachhaltige Finanzpolitik und Haushaltsführung erteilt. Der Brief an Berlusconi, den auch Trichets designierter Nachfolger - Italiens Notenbankchef Mario Draghi - unterzeichnet, wird zum Politikum.
Draghi, mittlerweile EZB-Präsident, kündigt angesichts der immer weiter eskalierenden Krise ein neues Anleihen-Kaufprogramm an. Wenige Tage zuvor hatte er in London völlig überraschend erklärt, die EZB werde alles tun, um den Euro zu retten. Heftiger Widerspruch kommt von Bundesbank-Chef Jens Weidmann.
Der EZB-Rat beschließt das von Draghi einen Monat zuvor angekündigte Anleihe-Kaufprogramm OMT (Outright Monetary Transactions). Es ist an Bedingungen geknüpft, etwa dass ein Land, um in den Genuss der Hilfe durch die Notenpresse zu kommen, unter den permanenten Euro-Rettungsschirm ESM schlüpfen muss. Im Gegenzug erklärt sich die EZB bereit, theoretisch unbegrenzt Staatsanleihen zu kaufen. Begründet wird das Programm, das im EZB-Rat gegen den Widerstand Weidmanns durchgesetzt wurde, mit einer Störung der Geldpolitik in den 17 Euro-Ländern.
Das Bundesverfassungsgericht gibt in einem Eilverfahren grünes Licht für den ESM. Das Gericht kündigt zudem an, bei der Hauptverhandlung auch die Rettungspolitik der EZB unter die Lupe zu nehmen - und damit vor allem das Anleihe-Kaufpogramm OMT.

Derlei Gedankenspiele machten nicht nur den anwesenden EZB-Direktor Jörg Asmussen stutzig. Auch außerhalb des Gerichts blickt man mit Kopfschütteln nach Karlsruhe. Woran sich der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, vor allem stößt, ist der Umstand, dass das Gericht fast ausschließlich Sachverständige geladen hatte, die die Krisenpolitik der EZB ablehnen.

Dass in einem Gerichtsverfahren auch die andere Seite gehört werde, unterstreiche normalerweise das Bild von Richtern als abwägenden Menschen. „Umso erstaunlicher und ärgerlicher ist, dass die Richter am Bundesverfassungsgericht in ihrer Anhörung zur Legitimität der EZB-Politik in der gegenwärtigen Krise fast ausschließlich Sachverständige aus der Wissenschaft geladen haben, die der EZB Politik sehr kritisch gegenüberstehen“, sagte Horn Handelsblatt Online.

So sei es nicht überraschend, dass Ökonomen wie Sinn und der „neoliberale Chicago-Boy“ Harald Uhlig, die sich in der Vergangenheit „teilweise extrem ablehnend“ zu den Anleihekäufen der EZB öffentlich geäußert hatten, die Richter von dieser Sichtweise zu überzeugen versuchten. „Warum aber hört man nicht die zahlreichen in- und ausländischen Ökonomen, die es für selbstverständlich halten, dass eine Zentralbank wie die amerikanische Fed die Rolle des Gläubigers der letzten Zuflucht einnimmt“, fragte Horn. Nur so sei eine Währung jedoch letztlich zu verteidigen. „Aber genau das wollen vielleicht weder die Sachverständigen noch die Richter“, kritisierte der IMK-Chef.

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„Das Gericht könnte die Stabilität gefährden“

Die Liste der Sachverständigen erstellt das Gericht auf Vorschlag der Prozessbeteiligten. Neben Sinn und Uhlig waren noch die Ökonomen Kai Konrad, Clemens Fuest und der frühere Bundesbank-Vize Franz-Christoph Zeitler geladen, die alle als Kritiker des Anleiheprogramms bekannt sind. Lediglich vom Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, konnte sich die EZB Schützenhilfe erhoffen. Fratzscher, der vom Gericht als Sachverständiger nachnominiert worden war, war bis vor kurzem selbst bei der EZB.

Bezeichnend ist, dass andere prominente Befürworter der EZB-Politik nicht eingeladen wurden, dafür aber im Handelsblatt ausführlich Stellung bezogen. In einem Gastkommentar warnte ein internationales Ökonomen-Team um die ehemalige Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro vor den Folgen eines Urteils gegen die EZB. „Das hohe Gericht wäre gut beraten, die Klage abzuweisen, will es nicht selbst zum höchsten Risiko für die Stabilität der Euro-Zone und deren Steuerzahler werden.“

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Bei den Richtern lässt sich ebenfalls eine zumindest skeptische Grundhaltung zum Eurorettungskurs der EZB annehmen. Der zuständige Berichterstatter Peter Huber, ein ehemaliger CDU-Mann, war einer der scharfen Kritiker des Maastricht-Vertrages. Huber war zudem Mitglied des Kuratoriums von „Mehr Demokratie“. Der 37.000 Mitglieder umfassende Verein ist einer der Kläger gegen die EZB-Politik.

Dass es in Karlsruhe womöglich nicht ganz neutral zuging, mutmaßt auch der Wirtschaftsredakteur Mark Schieritz von der Wochenzeitung „Die Zeit“. Im Blog „Herdentrieb“ auf „Zeit Online“ nennt er die Liste der Sachverständigen einen Skandal und stellt fest: „Die Ökonomie ist keine exakte Wissenschaft, wer diese Liste zusammengestellt hat, wollte das Programm diskreditieren.“ Dazu komme, dass Zeitler kein Ökonom sei und bei der Bundesbank nicht unbedingt als Experte für europäische Geldpolitik aufgefallen war.

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