1. Startseite
  2. Politik
  3. International
  4. Online-Troll im Dienste des Kreml: „Putin ist genial!“

Online-Troll im Dienste des Kreml„Putin ist genial!“

Eine Agentur in St. Petersburg wirbt um Mitarbeiter, vordergründig „Redakteure“ oder „Content Manager“. Doch die Angestellten müssen Stimmung im Netz machen. Für Putin und gegen die Ukraine. Eine Mitarbeiterin packt aus. 07.04.2015 - 11:57 Uhr Artikel anhören

Die Mitarbeiter der ominösen Agentur bezahlen für Propaganda im Sinne des Kremlchefs.

Foto: dpa

St. Petersburg. Die Sätze gleichen sich: „Putin ist genial!“, „Die Ukrainer sind Faschisten“, „Europa ist dekadent“. Zwei Monate – bis März 2015 – war Ljudmilla Sawtschuk nach eigenen Angaben für den russischen Präsidenten Wladimir Putin als bezahlte Cyber-Aktivistin im Internet unterwegs. Jetzt hat sie sich geoutet. „Unser Job bestand darin, im Sinne der Regierung zu schreiben, Putin und seine Politik zu loben und seine Gegner niederzumachen“, sagt die 34-jährige Russin, die mit ihren beiden Kindern in St. Petersburg lebt.

Ihr Tätigkeitsfeld waren Diskussionsforen und Newsgroups, Chatrooms und Blogs. Dort brachte sie am Tag – mal als angebliche Hausfrau, mal als Studentin oder Sportlerin – an die hundert Kommentare und Beiträge unter. Dafür gab es ein monatliches Salär von 40.000 bis 50.000 Rubel (640 bis 800 Euro). In Russlands zweitgrößter Stadt gilt das als gutes Geld.

Putin spricht...
„Russland hat keine Absicht, Krieg gegen das ukrainische Volk zu führen.“am 4.3. in einer Pressekonferenz„Wenn ich will, kann ich in zwei Wochen Kiew einnehmen.“am 01.09. in einem Telefonat mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, das dieser öffentlich machte. Die russische Seite erklärte im Anschluss, das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen worden.
„Die Militarisierung des Weltraums und die US-Stützpunkte in Europa und Alaska, direkt an unserer Grenze, nötigen uns zu einer Reaktion.“am 10.09. in einer Pressekonferenz
„Russland behält sich das Recht vor, alle vorhandenen Mittel zu nutzen, sollte es in östlichen Regionen der Ukraine zu Willkür kommen.“am 4. 3. in einer Pressekonferenz„Diese Gebiete (im Süden und Osten der Ukraine) waren als Neurussland historisch ein Teil des Russischen Reiches. Erst in den 1920er Jahren wurden die Territorien von den Bolschewiken der Ukraine gegeben. Gott weiß warum.“am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen„Es müssen umgehend substanzielle inhaltliche Verhandlungen anfangen - nicht zu technischen Fragen, sondern zu Fragen der politischen Organisation der Gesellschaft und der Staatlichkeit im Südosten der Ukraine.“am 31. 8. vor dem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe
„In der Ukraine gibt es bislang keine legitime Macht, mehrere Staatsorgane werden von radikalen Elementen kontrolliert.“am 18. 3. in der Rede an die Nation„Sind sie da jetzt völlig verrückt geworden? Panzer, Schützenpanzerwagen und Kanonen! (...) Sind sie total bekloppt? Mehrfachraketenwerfer, Kampfjets im Tiefflug! (...) Sind sie dort jetzt völlig bescheuert geworden, oder was?am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen
„In der Ukraine überschritten die westlichen Partner die rote Linie, verhielten sich grob, verantwortungslos und unprofessionell.“am 18.3. in der Rede an die Nation„Die Vereinigten Staaten dürfen in Jugoslawien, Irak, Afghanistan und Libyen agieren, aber Russland soll es verwehrt sein, seine Interessen zu verteidigen.“am 18.3. in der Rede an die Nation
„Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die Russen zu einem der größten geteilten Völker der Welt. Millionen von Menschen gingen in einem Land ins Bett und erwachten in einem ganz anderen und wurden zur nationalen Minderheit.“am 18.3. in der Rede an die Nation„Ich glaube daran, dass die Europäer, vor allem aber die Deutschen, mich verstehen werden (...). Unser Land hatte das starke Bestreben der Deutschen nach Wiedervereinigung unterstützt. Ich bin sicher, dass sie das nicht vergessen haben und rechne damit, dass Bürger Deutschlands das Bestreben der russischen Welt, ihre Einheit wiederherzustellen, (...) ebenfalls unterstützen werden.“am 18.3. in der Rede an die Nation

Die Bezahlung war für Sawtschuk das Motiv, sich online zu bewerben. Ihr Einstellungsgespräch bei der mysteriösen Agentur zur Erforschung des Internets war kurz. Ihr Gesprächspartner habe sich nur mit dem Vornamen Oleg vorgestellt und sie als erstes gefragt: „Was halten Sie von unserer Politik in der Ukraine?“

Das Thema Ukraine spielte fortan eine wichtige Rolle bei der Arbeit der 34-Jährigen. Sawtschuk erzählt, dass sie jeden Tag Anweisungen für ihr Wirken erhielt. Sie zeigt einen derartigen auf ihrem Handy gespeicherten „Tagesbefehl“: „Die Ukraine hat einen Reformplan verabschiedet, um Hilfsgelder vom Internationalen Währungsfonds zu bekommen.“ Hauptidee der Kommentare: „Für die ukrainische Regierung steht der militärische Bedarf über den Interessen der Bürger.“

Litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite

„Der Kreml kann keine Regeln einhalten“

Die Arbeit fand laut Sawtschuk in einem unscheinbaren grauen Gebäude an der Sawuschkinstraße im Norden von St. Petersburg statt. Ihre Kollegen waren überwiegend jung, viele Studierende. „Politik war ihnen vollkommen gleichgültig, sie nahmen nichts ernst. Für sie war es bloß eine Art Geld zu verdienen.“ Daneben habe es einige ältere Beschäftigte gegeben, die ihre Arbeit als „wirkliche Mission“ verstanden hätten und vollständig darin aufgegangen seien.

Sawtschuk beschreibt die Tätigkeit als hart. Pausenlos müssten die Mitarbeiter große Mengen Kommentare im Internet veröffentlichen, längst nicht jeder habe das Zeug dazu. Viele Leute würden entlassen, weil sie die geforderten Ansichten nicht in die richtigen Worte kleiden könnten, die Rotation sei hoch.

Die Arbeitsstelle ist laut Sawtschuk weitgehend abgeschottet und streng überwacht, unter den Mitarbeitern herrscht eine Atmosphäre der Angst: „Überall gibt es Kameras.“ Gespräche fänden kaum statt: „Entschuldigung, ich habe es eilig“, heiße es bloß.

Reporter der Oppositionszeitung „Nowaja Gaseta“ hatten das Online-Propagandazentrum 2013 undercover besucht. Demnach arbeiteten damals rund 400 Mitarbeiter dort in einem kleinen Gebäude am Stadtrand von St. Petersburg. Laut Lokalmedien zog die Agentur im vergangenen Oktober in ein größeres, vierstöckiges Gebäude, von einigen Medien als „Trollfabrik“ bezeichnet. Berichten zufolge hat die Agentur inzwischen neue Abteilungen für Mitarbeiter mit Fremdsprachen- oder Photoshop-Kenntnissen eingerichtet.

Verwandte Themen
Russland
Ukraine
Internet

Die ominöse Agentur zur Erforschung des Internets ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Einziges Zeichen ihrer Existenz sind Jobanzeigen im Internet, in denen scheinbar unverfängliche Posten wie der eines „Redakteurs“ oder „Content Managers“ angeboten werden. Kandidaten werden aufgefordert, sich über eine Website zu bewerben. Eine automatisch versandte Antwort verspricht dann baldige Rückmeldung.

Als Trolle werden Internetnutzer bezeichnet, die durch ihre Kommentare bewusst Online-Diskussionen stören und die Atmosphäre in Chatrooms vergiften. Dadurch richten sie nicht nur inhaltliche Schäden an, sondern versuchen auch, Konflikte innerhalb der Internet-Gemeinde zu schüren. Die Aktivitäten der russischen Online-Propagandisten haben schon mehrere russische Medien gezwungen, Kommentar-Foren auf ihren Websites zu schließen.

afp
Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt