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WeltgeschichteRussland – kein Land für Warmduscher

In Russland wird den Bürgern jedes Jahr ohne Vorwarnung für mehrere Wochen das warme Wasser abgedreht. Ein Relikt aus Sowjetzeiten.André Ballin 24.05.2018 - 14:41 Uhr Artikel anhören

Besucher spazieren zur blauen Stunde auf dem Roten Platz. Die meisten konnten vermutlich nur kalt duschen, das die Versorger das Warmwasser abgestellt haben.

Foto: dpa

Moskau. Dass es in Russland etwas rauer zugeht als anderswo, ist kein großes Geheimnis. Und so verabreicht der Staat seinen Bürgern im Sommer zur Prophylaxe eben mal eine kalte Dusche. Buchstäblich. Jedes Jahr wird nämlich in den Großstädten das warme Wasser für mehrere Wochen abgestellt – glücklicherweise zumeist in der warmen Jahreszeit.

Reihum drehen die Wasserversorger dann Stadtteil für Stadtteil den Heißwasserhahn ab. Glücklich kann sich dann der schätzen, der einen eigenen Boiler besitzt. Für die übrigen heißt es, entweder beim Nachbarn klingeln, oder Zähne zusammenbeißen, ab unter die kalte Dusche und bibbern. Viele behelfen sich notdürftig damit, Wasser umständlich auf dem Herd oder im Wasserkocher zu erhitzen.

Erst wenn das Warmwasser fehlt, merkt der Mensch, wie wichtig der zivilisatorische Fortschritt für uns inzwischen ist; nicht nur beim Haare oder Füße Waschen, sondern beispielsweise auch beim Geschirrspülen. Gerade für Familien mit Kindern sind die kalten Wochen schwer.

So richtig verstehen können die Russen den Umstand, dass es auch Jahrzehnte nach dem Untergang der Sowjetunion immer noch zur zentralen Ab- und Gleichschaltung kommt, selbst nicht. „Wir können in den Weltraum fliegen, Atomraketen bauen und mit unseren Hackern den US-Präsidenten bestimmen, nur das ganze Jahr normal duschen, wie der Rest der Welt, können wir nicht“, spottet der Moskauer Jewgeni. Aber vielleicht sollen wir ja damit für den Krisenfall abgehärtet werden, fügt er ironisch hinzu.

Zumindest offiziell dient die Maßnahme nicht der Abhärtung, sondern der Vorbereitung der Städte auf den Winter. Im Sommer heißt es, würden die Leitungen und die Heizkraftwerke repariert und dazu müsse das Wasser abgestellt werden. Warum das länger dauert als im Rest der zivilisierten Welt, erklären die Beamten einerseits mit dem harten Winter, andererseits mit dem zentralisierten Fernwärmesystem, das viel länger als in Europa sei und damit auch länger gewartet werden müsse.

In Moskau immerhin hat sich der Zeitraum der Warmwasserabschaltung in den letzten Jahren auf etwa zehn Tage reduziert. In anderen Städten kann der Vorgang drei Wochen in Anspruch nehmen. Auf der Krim, die der Kreml seinen Bürgern nun als heimisches Urlaubsparadies präsentiert, müssen privat untergebrachte Touristen übrigens damit rechnen, auch mal einen Tag völlig ohne Wasser – weder heiß, noch kalt – auszukommen. Das wird dann eben einfach ganz abgestellt – manchmal sogar ohne Vorwarnung.

Doch vor einigen Tagen kündigte sich in Moskau eine Revolution an: Mit der Rechnung für die Wohnnebenkosten flatterte auch die frohe Kunde ins Haus, dass in diesem Jahr das heiße Wasser nicht mehr abgestellt werde. Die Freude war groß. Sie währte allerdings nur kurz; genauer gesagt bis Mitte der Woche, als der Druck beim Anstellen des Warmwasserhahns auf Null fiel.

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Der Dispatcher in der kommunalen Wohnungsverwaltung erklärte den Vorfall lapidar: „Sie sind nicht die ersten, die sich beschweren. Aber in meinem Computer steht, dass das Wasser nicht abgeschaltet wurde, Theoretisch sollten Sie also heißes Wasser haben. Tun können wir leider nichts.“

Das erinnert schon stark an einen Witz aus Sowjetzeiten: Steigt ein Mann in Moskau am Bahnhof aus und fragt den ersten Polizisten, den er sieht: „Wo ist denn hier das Kaufhaus Prinzip?“ – „Von so einem Kaufhaus habe ich noch nie gehört.“ – „Das muss aber hier irgendwo sein. In den Nachrichten wird doch immer gesagt: Im Prinzip gibt es in Moskau alles.“

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