Supervulkan: Europas gefährlichster Vulkan wird angebohrt
Über 150 Quadratkilometer dehnen sich die Phlegräischen Felder nahe Neapel aus. Experten zählen das Gebiet zu den gefährlichsten Vulkanen der Welt.
Foto: dpaNeapel. Europas gefährlichster Vulkan liegt nahe Neapel – und er heißt nicht Vesuv. Rund 20 Kilometer entfernt von dem markanten Vulkankegel erstrecken sich die Phlegräischen Felder – ein Supervulkan, der im Fall eines Ausbruchs seine Aschemassen bis nach Mitteleuropa schleudern könnte. Die letzte größere Eruption der Phlegräischen Felder gab es 1538, dabei entstand ein neuer Berg. Jetzt wollen Forscher den Supervulkan anbohren, um Hinweise auf einen möglicherweise bevorstehenden neuen Ausbruch zu prüfen.
Sorgen bereitet den Wissenschaftlern, dass sich die Erde seit Jahren immer wieder hebt und senkt – um bis zu einen Meter. Eine Studie von Experten aus Neapel sieht Zeichen für einen Anstieg von Gasen im Erdinneren. In die riesige Magmablase, die unterirdisch die Phlegräischen Felder im Westen Neapels und den Vesuv im Osten verbindet, ist Bewegung gekommen. Würde sie sich in einer Eruption schlagartig entleeren, wären allein im Großraum der italienischen Metropole 1,5 Millionen Menschen von den Lavamassen bedroht.
Die Region gilt als eine der vulkanisch am meisten gefährdeten Gegenden der Welt. Die Phlegräischen (griechisch: brennenden) Felder, in der römischen Antike als Sitz des Feuergottes Vulcanus angesehen, umfassen Dutzende kleinere Eruptionskrater auf 150 Quadratkilometern. Der letzte große Ausbruch vor rund 34.000 Jahren ließ die Erde über der entleerten Magmakammer einstürzen. In dem so entstandenen Krater, Caldera genannt, liegt heute die Metropolenregion Neapel.
Was im Erdinneren unter der Millionenstadt vor sich geht, will ein internationales Forscherteam nun mit Bohrungen erkunden. „Man sieht, dass das Ganze eine gewisse Bewegung zeigt, das ist beunruhigend“, sagt der Potsdamer Geowissenschaftler Ulrich Harms, der zu dem Team gehört. Im Juli startete unter Leitung von Giuseppe De Natale vom Osservatorio Vesuviano des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) die erste Bohrung.
„In den letzten 40 Jahren gab es Phänomene, die es vorher nicht gab. Wir verfolgen sehr aufmerksam die Veränderungen“, sagt De Natale. Zuletzt hatten Forscher Hinweise auf eine raschere Kristallisierung des Minerals Sanidin im Bereich des Supervulkans entdeckt. Das gilt als Indikator für den Anstieg von Gasen im Erdinneren, was die Explosionsgefahr erhöhen würde.
Seit Jahren hebt und senkt sich die Erde im Gebiet der Phlegräischen Felder um bis zu einen Meter.
Foto: dpaAuf einem stillgelegten Fabrikgelände im Stadtteil Bagnoli im Westen der Millionenstadt schraubt sich das Bohrgestänge in die Tiefe, zunächst auf rund 200 Meter. Ende November soll es weitergehen bis auf rund 500 Meter. Danach wird über die Tiefe der Hauptbohrung entschieden. Drei Kilometer könnten es werden. Messinstrumente sollen dann im Bohrloch versenkt Bewegungen in der Erde aufzeichnen und damit Hinweise auf die aktuelle Aktivität des Vulkans geben.
Doch nicht alle Wissenschaftler sind mit den Bohrungen einverstanden. Experten wie der INGV-Forscher Giuseppe Mastrolorenzo halten das Projekt für ein Spiel mit dem Feuer. Niemand wisse genau, was eine solche Bohrung bei einem Vulkan bewirken könne, so der Forscher. Zudem finde die Bohrung in dicht besiedeltem Gebiet statt. Andere Wissenschaftler warnen vor einem möglichen Austritt giftiger Gase.
„Das ist ein schwer vorstellbares Szenario“, sagt hingegen Ulrich Harms. Ventile würden mögliche heiße Dämpfe stoppen; das Bohrloch könnte verschlossen werden. Die Bohrung sei für den Vulkan nur ein Nadelstich. „Das wäre, als wenn man einen großen See durch einen Strohhalm entwässern wollte.“
Einig sind sich allerdings die Experten, dass die Vorsorgemaßnahmen für den Katastrophenfall in der Metropolenregion Neapel mehr als unzureichend sind. „Ein Notfallplan ist vor über 20 Jahren vom Zivilschutz angekündigt worden und liegt bis heute nicht vor“, kritisiert Mastrolorenzo. Vincenzo Figliolia, Bürgermeister der Stadt Pozzuoli nordwestlich von Neapel, rief den Zivilschutz zum Handeln auf. Das Szenario bei einem Ausbruch der Phlegräischen Felder müsse schnellstmöglich geprüft und neben dem kommunalen Evakuierungsplan in einem nationalen Plan umgesetzt werden - „zum Schutz unserer Bevölkerung“.