DDR-Zwangsarbeiter klagt Ikea an: „Die Bedingungen waren menschenunwürdig“
Zwangsarbeiter für Ikea: Dieter Ott am Checkpoint Charlie in der Friedrichstrasse in Berlin.
Foto: Andreas Labes für HandelsblattIch kam ins Gefängnis, weil ich nicht mehr in meinem Land eingesperrt sein wollte. 1986, da war ich gerade 22 Jahre alt, habe ich es einfach nicht mehr ausgehalten. Ich war kein Aktivist, kein Systemkritiker: Ich wollte einfach nur reisen. Nach Amerika, nach Kanada, Norwegen und Schweden. Aber ich durfte nicht. Meine Lösung für das Problem machte dann alles nur noch schlimmer.
Ich kündigte meine Arbeitsstelle als Maschinenschlosser. Meinem Chef sagte ich: „Wenn ich dem Staat jetzt nicht mehr nutze, dann kann er mich ja gehen lassen.“ Dann stellte ich einen Ausreiseantrag. Ein paar Tage später bekam ich Post von der Abteilung für innere Angelegenheiten.
Nach drei Monaten Untersuchungshaft in Berlin wurde ich in das Gefängnis Naumburg verlegt. Dass wir arbeiten mussten, war von vornherein klar. In der DDR gab es ein Gesetz, dass alle zur Arbeit verpflichtete. Das galt auch hinter Gefängnismauern.
Der Bus, der uns zur Ikea-Arbeit brachte, war vergittert. Wir fuhren durch ein großes Metalltor, und sobald wir in dem Gebäude waren, gab es nur noch Neonlicht. Kein Fenster, keine Sonne. Wegen meiner Vorkenntnisse kam ich an die Metallstanze. Die Maschinen waren grün, sonst war alles grau.
Die Firma in Naumburg, zwanzig Minuten vom Gefängnis entfernt, hieß Mewa. Wir Häftlinge waren abgeschottet von allen anderen Arbeitern, ich habe nie ein Wort mit den Zivilisten gewechselt. Es gab nur: raus aus dem Bus, arbeiten, rein in den Bus.
Hätte ich gewusst, dass die Schrankscharniere, Türgriffe und Stuhlroller, die ich herstellte, für Ikea bestimmt waren, hätte ich das wahrscheinlich toll gefunden. Ich wollte ja unbedingt in den Westen, eine Arbeit für eine Westfirma hätte mich begeistert. Aber das hat uns damals keiner gesagt.
Davon habe ich gerüchteweise erst im letzten Herbst gehört und dann vor einigen Tagen, als mich das schwedische Fernsehteam ansprach. Das hatte Unterlagen, in der Mewa als Ikea-Lieferant auftauchte. Da wurde mir klar, dass die Teile, die ich damals im Gefängnis herstellte, tatsächlich aussahen wie das, was ich dann Jahre später bei Ikea im Regal fand.
Mein Wunsch an Ikea wäre heute, dass der Konzern dieses Kapitel ordentlich aufarbeitet. Die Bedingungen, unter denen ich für Ikea gearbeitet habe, waren menschenunwürdig. Ikea soll ehrlich sein und sagen, wie viele Zwangsarbeiter genutzt wurden. Wenn der Konzern einen wirtschaftlichen Vorteil von diesem Arrangement hatte, dann sollte man auch über eine Entschädigung sprechen.
Denn Bezahlung gab es eigentlich nicht. Das Geld, das ich verdiente, konnte ich nur im Gefängnisladen ausgeben. Da gab es Schokolade und Süßigkeiten, aber in schlechter Qualität. Später, vor meiner Ausreise, hatte sich die Führung dann noch etwas besonders Perfides ausgedacht. Man durfte kein Geld mitnehmen, sondern musste in dem dortigen Gefängnisladen irgendwelche unsinnigen Sachen kaufen. Danach musste man unterschreiben, dass man ordentlich bezahlt worden war.
Mir war das letztlich egal. Mit Ostmark konnte ich im Westen sowieso nichts anfangen. Viele Häftlinge haben die Sachen, die sie einkaufen mussten, dann einfach in der Zelle stehen lassen.
Aufgezeichnet von Sönke Iwersen