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KosmetikprodukteRossmann-Chef kritisiert Amazon-Händler: „Fast wie im Darknet“

Der Inhaber der Drogeriekette Rossmann warnt gemeinsam mit dm und Douglas vor dubiosen Kosmetikhändlern auf Amazons Marketplace und ruft nach dem Gesetzgeber.Florian Kolf 04.06.2018 - 18:47 Uhr Artikel anhören

„Eigentlich müsste der Marketplace für bestimmte Produktgruppen sofort geschlossen werden“, sagt der Rossmann-Inhaber.

Foto: dpa

Düsseldorf. Als sich der Juniorchef der Drogeriekette Rossmann die Kundenbewertungen für viele Kosmetikprodukte auf dem Amazon Marketplace anschaute, war er regelrecht schockiert. „Wenn ein Produkt hundert Ein-Sterne-Bewertungen hat und Kunden über massive Probleme berichten, müsste es doch eigentlich aus dem Handel genommen werden“, schimpft Raoul Roßmann. Was er gesehen habe, sei „skandalös“, berichtet er im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Das ist ja fast wie im Darknet.“

Roßmann beauftragte das Testinstitut Sefiro, das auch die Eigenmarkenprodukte von Rossmann prüft, in Stichproben die meistverkauften Kosmetikprodukte der Plattform zu untersuchen. 24 Artikel kamen in die Laboranalyse, alle sind Topseller der Website, darunter Haarwuchsmittel, Gesichtsmasken und Sonnenschutzlotionen.

Das Ergebnis war ernüchternd: Gerade mal zwei der untersuchten Produkte waren ohne Einschränkungen verkehrsfähig, so das Ergebnis der Experten. Insgesamt 93 Verstöße wurden festgestellt, darunter falsche Deklarationen und fehlende Wirkstoffe. Ein Haarwuchsmittel unter der Marke „LuckyFine“ war sogar so stark mit Keimen verunreinigt, dass die Überwachungsbehörde eingeschaltet wurde.

Gemeinsam mit dm und Douglas hat er einen Brandbrief an die zuständigen Ministerien geschickt.

Foto: Daniel Pilar/laif

„Das ist keine Bagatelle, da hilft nur hartes Durchgreifen“, erklärt Roßmann. Wenn man die Stichproben hochrechne, dürften höchstens 20 Prozent der Kosmetikartikel auf dem Marketplace überhaupt verkehrsfähig sein, so seine Einschätzung. „Eigentlich müsste der Amazon Marketplace für bestimmte Produktgruppen sofort geschlossen werden“, fordert der Unternehmer.

Amazon weist auf Nachfrage darauf hin, dass die Sicherheit der Kunden oberste Priorität habe und dass man proaktiv vorgehe, um zu verhindern, dass unsichere Produkte gelistet werden. Welche Produkte genau nach den Beschwerden bereits entfernt wurden, sagt das Unternehmen nicht. Das mit Keimen belastete Haarwuchsmittel jedoch ist offenbar schon seit einiger Zeit von der Website verschwunden.

Das grundsätzliche Problem: Amazon sieht sich nur als Vermittler und lehnt deshalb eine Haftung für Produktmängel ab. Die Verkäufer jedoch haben ihren Sitz oft im Ausland und können von Verbrauchern nur schwer belangt werden.

Roßmann hat sich deshalb mit dem Konkurrenten dm und der Parfümeriekette Douglas zusammengetan und gemeinsame Briefe an die Bundesministerinnen Katarina Barley (Justiz und Verbraucherschutz) und Julia Klöckner (Ernährung und Landwirtschaft) sowie an die Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, geschrieben. Ihre gemeinsame Forderung: Stärkere Kontrollen, um einen fairen Wettbewerb sicherzustellen.

Die von Raoul Roßmann, dm-Geschäftsführer Christoph Werner und Douglas-Chefin Tina Müller unterschriebenen Briefe listen detailliert die ermittelten Verstöße auf. Es sei „äußerst befremdlich“, schreiben sie, dass jedes kleinste Geschäft mit aller notwendigen Strenge kontrolliert werde, „während es Schwergewichten des Onlinehandels ohne Weiteres möglich ist, frei von jeder staatlichen Aufsicht zu handeln“. Ihr Fazit: „Ein wirksamer Verbraucherschutz im Internet erfordert vor ‧allem, dass zusätzlich Plattformbetreiber in die Produktverantwortung genommen werden.“

„Praktisch rechtsfrei“

Dass Amazon bisher für Rechtsverstöße der auf seiner Plattform tätigen Händler nicht haftbar ist, verursacht nicht nur bei Kosmetikprodukten Probleme. So führt beispielsweise ein Großteil der chinesischen Händler, die über den Marketplace hierzulande verkaufen, in Deutschland keine Mehrwertsteuer ab. Dem Staat entgehen dadurch nach Schätzung von Experten Steuereinnahmen in Höhe von bis zu einer Milliarde Euro pro Jahr.

In diesem Fall zumindest hat die Politik jetzt die Initiative ergriffen. So haben sich die Länderfinanzminister kürzlich auf den Entwurf für ein Gesetz geeinigt, das Anfang 2019 in Kraft treten soll. Danach sollen die Marktplatzbetreiber künftig haften, wenn sie steuerunehrliche Händler nicht aussperren.

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Ein ähnliches rigoroses Vorgehen wünschen sich die Chefs von Rossmann, dm und Douglas auch bei der Produktsicherheit. „Hier wird der Verbraucherschutz grob vernachlässigt, das ist praktisch ein rechtsfreier Raum“, betont Raoul Roßmann. „Es kann nicht sein, dass wir für jedes Produkt, das wir anbieten, umfangreiche und teure Prüfungen nachweisen müssen und sich Amazon komplett aus der Haftung stiehlt.“

Dass die etablierte Konkurrenz gerade jetzt auf die Barrikaden geht, ist kein Zufall. Denn die großen Onlinehändler wildern in jüngster Zeit immer stärker gerade im Geschäft mit der Schönheit. So hat Amazon das Angebot an Kosmetik und Körperpflegeartikeln massiv ausgebaut. Und auch der Modehändler Zalando hat im März dieses Jahres begonnen, einen Bereich mit Beautyprodukten aufzubauen.

Das wird die Handelslandschaft in Deutschland nachhaltig verändern. „Deswegen müssen wir jetzt dafür sorgen“, so Roßmann, „dass wir faire Wettbewerbsbedingungen bekommen.“ Noch haben die Ministerinnen nicht geantwortet.

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