Kommentar: Der Klima-Zynismus muss ein Ende haben

Der Gigantismus ist wie eh und je: 198 Staaten, hunderte Delegierte, tausende Teilnehmer: An diesem Donnerstag beginnt die 28. Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Dubai.
Der Gigantismus steht allerdings auch dieses Mal im Kontrast zu einer tristen Realität. Kriege in der Ukraine und in Nahost, insgesamt eine herausfordernde geopolitische Lage, eine anhaltende Energiekrise und eine zunehmend angespannte Finanzlage bei vielen Regierungen wegen der kräftig anziehenden Kapitalmarktzinsen. Der Kampf gegen den Klimawandel rückt auf der Prioritätenliste weiter nach hinten, obwohl der Kampf nie so dringlich war wie heute.
Hitzeperioden, Dürren, Unwetter nehmen wahrnehmbar zu. Die mittlere globale Oberflächentemperatur liegt bereits 1,2 Grad Celsius höher als zu vorindustriellen Zeiten. Folgen hat das auch in Deutschland: Die Zahl der Sommer mit starken Hitzewellen und Temperaturrekorden wächst, das Land gehört zudem zu den Regionen mit dem höchsten Wasserverlust weltweit, mahnten erst am Dienstag Bundesumweltministerin Steffi Lemke und Dirk Messner, Chef des Umweltbundesamts.
Ziel der Weltgemeinschaft ist es, die Erwärmung des Planeten auf 1,5 Grad zu begrenzen. Diese gelten als Limit, um die Folgen des Klimawandels noch einigermaßen beherrschbar zu halten.
Doch die politischen Bekenntnisse haben mit der Realität nichts zu tun. Die klimaschädlichen Treibhausgasemissionen steigen. Es braucht einen Wendepunkt – und die nächsten Jahre sind entscheidend. Der Weltklimarat mahnt, dass die Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 2019 um 42 Prozent sinken müssen, um das 1,5-Grad-Ziel erreichbar zu halten. Bei zwei Grad sind es 28 Prozent.
Die fossile Ära muss perspektivisch beendet werden
Der Handlungsdruck wächst also, der Ausstieg aus der Welt der fossilen Energieträger ist zwingend notwendig. Schließlich sind sie die Hauptverursacher der Klima- und auch der Energiekrise.
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Doch so klar diese Analyse ist, so schwierig ist die Umsetzung: Bislang ist es wider besseren Wissens nicht gelungen, einen Ausstieg aus den fossilen Energien zu vereinbaren. Vor zwei Jahren auf der COP26 in Glasgow haben sich die Vertragsstaaten lediglich auf das schrittweise Herunterfahren von Kohle einigen können. In Dubai braucht es den Beschluss, auch den Einsatz von Öl und Gas zu reduzieren und perspektivisch die fossile Ära zu beenden.
Einfach wird das nicht. Auch in Dubai stehen sich grundsätzlich zwei Blöcke gegenüber: Der eine will so schnell wie möglich den Ausstieg aus fossilen Energien, der andere will das weiter verzögern, schließlich leben die Öl- und Gasförderländer ganz gut von den fossilen Brennstoffen.
Doch eine Annäherung der beiden Blöcke ist in den nächsten 14 Tagen unbedingt notwendig. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen warnt: Wenn die Welt so weitermacht wie bisher, dann wird sich die globale Oberflächentemperatur um drei Grad erwärmen.
Was die Staaten bislang an mehr Klimaschutz versprochen haben, reicht ebenfalls nicht. Damit könnte die Erwärmung auf lediglich 2,5 Grad gedrosselt werden.
Der steigende Ausbau der regenerativen Energien macht Hoffnung, reicht aber nicht. Auch dass sich die Geschwindigkeit verlangsamt hat, mit der neue fossile Anlagen dem globalen Energiesystem zugefügt werden, ist gut, aber nicht ausreichend. Nur die Kürzung der Ausgaben in Öl und Gas wird die Welt nicht auf Kurs führen. Es braucht den Ausstieg.
Eine Schlüsselrolle in dieser Gemengelage spielen wie in jedem Jahr die weltweit größten Emittenten von Treibhausgasen: China und die USA. Ihre Beziehung ist schweren Belastungen ausgesetzt, doch es gelang ihnen schon einmal, beim Schutz des Klimas ihre Differenzen zu überbrücken: Sie waren es, die 2015 unter ähnlich schwierigen Umständen das Pariser Klimaschutzabkommen entscheidend vorangebracht haben.
Auch die Vereinigten Arabischen Emirate als Gastgeber der Konferenz in diesem Jahr könnten eine Schlüsselrolle einnehmen: Der Golfstaat ist selbst ein großer Öl- und Gasproduzent und lebt vom Export fossiler Brennstoffe. Auf ihnen basiert der Reichtum der gesamten Region.
Entsprechend groß sind die Beharrungskräfte der Ölländer, allen voran Saudi-Arabien. Doch im Vorfeld der COP zeigt der designierte COP-Präsident Sultan Ahmed Al Jaber guten Willen, die Konferenz zu einem Erfolg zu führen. Es wäre wahrlich ein Durchbruch, sollte es ausgerechnet dem Emirat Dubai gelingen, zwischen Vorreitern und Bremsern zu vermitteln und eine Art zweites Pariser Klimaabkommen zu schließen.
Fakt ist: Den Klima-Zynismus der vergangenen Jahre kann die Weltgemeinschaft sich nicht mehr leisten. Auch Kriege, geopolitische Spannungen oder überforderte Finanzminister dürfen dem epochalen Kampf gegen den Klimawandel nicht im Wege stehen.