Investitionen : Der heimliche Boom der deutschen Wirtschaft
Berlin. Deutschlands Wirtschaft hat im vergangenen Jahr deutlich mehr Geld für die Suche nach Innovationen ausgegeben. Die Ausgaben der Unternehmen für Forschung und Entwicklung kletterten um acht Prozent auf knapp 82 Milliarden Euro und liegen nun deutlich über Vor-Corona-Niveau.
Trotz des Fachkräftemangels könnten die Unternehmen zudem das dafür nötige Personal um fast sechs Prozent aufstocken: Erstmals gibt es nun mehr als eine halbe Million Vollzeitstellen in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen.
Das zeigen Daten von Eurostat und des deutschen Stifterverbands. Der Verband bündelt die Aktivitäten der Wirtschaft für die Wissenschaft und meldet die deutschen Daten an die EU-Statistikbehörde.
Damit liegen Firmen in Deutschland über dem europäischen Durchschnittszuwachs von 6,8 Prozent. Besonders deutlich wuchsen auch die Ausgaben in Spanien und den Niederlanden. In Frankreich dagegen stagnierten sie, in Italien sanken die Aufwendungen sogar. Im Vorjahr war Deutschland im EU-Vergleich noch deutlich zurückgefallen.
„Es tut sich wieder mehr“, lobt der Vorsitzende der Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI), Uwe Cantner, die Zahlen. Die EFI berät die Bundesregierung wissenschaftlich zum Thema Innovationen. Erfreulich sei vor allem das Plus von 15 Prozent in der IT-Forschung, einem Bereich, in dem Deutschland traditionell schwach dasteht. „Davon werden in Zukunft alle Branchen profitieren“, meint auch Stifterverbands-Präsident Michael Kaschke.
Allerdings ist unklar, ob die Unternehmen auch die „richtigen“ Innovationen vorantreiben. Denn die Statistik gebe nun mal keine Auskunft darüber, ob das Geld etwa in politisch gewünschte Technologien zu Nachhaltigkeit und digitaler Transformation fließt, gibt Cantner zu bedenken.
3,5-Prozent-Ziel der Ampel liegt in weiter Ferne
Investitionen in Innovationen gelten als Voraussetzung, um den Platz der deutschen Volkswirtschaft in der weltweiten Spitzengruppe langfristig zu halten. Daher will die Ampelkoalition Deutschlands Gesamtausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) – zu denen die Wirtschaft zwei Drittel beiträgt – auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erhöhen. Doch die Quote stagniert seit Jahren bei etwas über drei Prozent.
International liegen vor allem die USA, China, Japan und Südkorea weit vorn, die seit Jahren einen deutlich höheren Anteil ihres BIP für Innovationen ausgeben. Hier liegen für 2022 noch keine Zahlen vor.
Deutschlands Acht-Prozent-Zuwachs hängt zwar auch mit der hohen Inflation von 7,9 Prozent im Jahr 2022 zusammen. Christian Rammer, Ökonom am Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), sagt aber: „Grundsätzlich sollten die Inflationseffekte hier jedoch gering sein, da die Hauptpreistreiber wie Energie und Halbleiter für F&E-Tätigkeiten nicht direkt benötigt werden.“
Ist 2023 ein weiteres Plus bei den Forschungsausgaben möglich? Zwei Umfragen zeichnen ein durchwachsenes Bild: Einerseits zeigt die Erhebung des Stifterverbands aus dem Frühsommer, dass die Unternehmen für dieses Jahr ein weiteres Plus von fünf Prozent für Forschung und Entwicklung anpeilen. Vor dem Hintergrund der schwachen Konjunktur „käme damit am Ende ein Schritt in Richtung 3,5-Prozent-Ziel dabei heraus“, sagt der Statistik-Chef des Verbands, Gero Stenke.
Allerdings manifestierte sich schon in einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) zu Innovationen im Sommer sehr schlechte Stimmung: Die Angaben von rund 2300 Unternehmen zeigten einen „alarmierenden Rückgang der Innovationsbereitschaft“. 2020 wollte noch die Hälfte der Betriebe mehr für Innovationen ausgeben – jetzt nur noch rund ein Drittel.
Jedes siebte Unternehmen will sogar sparen. Hauptgrund sei der Fachkräftemangel, aber auch die Belastung durch Bürokratie.
Unternehmen bauen Forschung im Ausland aus
So steigt offenbar auch das Interesse, F&E-Abteilungen ins Ausland zu verlagern. Laut DIHK hatte 2020 nur ein Viertel der Unternehmen diesen Plan, nun ist es schon ein Drittel. „Den heimischen Standorten stellt die schleichende Forschungsverlagerung ein schlechtes Zeugnis aus“, warnt der DIHK.
Auch die Dax-Konzerne zieht es stärker ins Ausland: Nach ZEW-Daten zu 34 Dax-Konzernen haben diese ihre F&E-Ausgaben 2022 weltweit um mehr als 14 Prozent gesteigert, zum Teil auch durch Übernahmen im Ausland. In Deutschland hingegen lag das Plus nur bei knapp elf Prozent.
Angesichts dieser Zahlen fordert der DIHK „mehr Freiraum für kreative Unternehmen“ in Deutschland. Helfen sollen auch die im Koalitionsvertrag versprochenen „Reallabore“: Experimentierklauseln sollen ermöglichen, in Modellregionen neue Technologien auszuprobieren – etwa das autonome Fahren oder intelligente Stromversorgungskonzepte. Das Wirtschaftsministerium arbeitet derzeit an einem Rechtsrahmen.
Schaut man auf die Branchen, schneiden neben der IT auch die Autobauer gut ab. Sie steigerten ihre F&E-Ausgaben 2022 um gut zehn Prozent. Hier ist allerdings auch der Druck besonders hoch, die Wende zum E-Auto zu schaffen. Der Trend zeigt aber wieder nach unten:
Volkswagen Spitzenreiter bei Innovationsausgaben
Spitzenreiter bei den F&E-Ausgaben ist nach den Daten des ZEW Volkswagen. Fast 19 Milliarden Euro steckten die Wolfsburger zuletzt in Forschung und Entwicklung. Die Transformation zur Elektromobilität trieb die Entwicklungskostenquote zuletzt auf 8,1 Prozent – so hoch wie seit mindestens zehn Jahren nicht mehr. Auf 100 Euro Umsatz kommen Entwicklungskosten von 8,10 Euro.
Insgesamt investiert der Konzern bis 2027 gar 180 Milliarden Euro neu, zwei Drittel davon in Elektrifizierung und Digitalisierung. Teuer sind vor allem die Batteriefabriken, die VW baut.
Dennoch will VW künftig bei den Kosten insgesamt klar nach unten. VW-Finanzchef Arno Antlitz sagte kürzlich: „Der Höhepunkt der Investitionsleistungen soll 2025 erreicht sein und danach kontinuierlich sinken.“ Zurzeit verhandelt das Management der Marke VW mit dem Betriebsrat ein umfassendes Effizienz- und Sparprogramm.
Bei Mercedes dürfte Ola Källenius die F&E-Mittel für E-Antriebe von derzeit 40 Milliarden Euro aber aufstocken und Ausgaben vorziehen. Perspektivisch will auch Mercedes bei Sachinvestitionen und F&E-Ausgaben runter – bis zur Mitte des Jahrzehnts um mehr als ein Fünftel gegenüber 2019.
Auch der weltgrößte Autozulieferer Bosch hat 2022 die F&E-Kosten massiv um 1,1 Milliarden Euro auf 7,2 Milliarden Euro nach oben gefahren, ein Plus von 18 Prozent. 2023 wollte Bosch „mindestens so viel ausgeben“, sagte Finanzchef Markus Forschner. So will Bosch etwa die Zahl seiner Softwareentwickler in den nächsten beiden Jahren von 40.000 auf 50.000 erhöhen.
Allerdings ist der schleppende Verkauf bei den Elektroautos für die gesamte Branche ein Problem. Die hohen Entwicklungskosten amortisieren sich damit viel langsamer als gedacht. Zuletzt wurde denn auch bekannt, dass Bosch in der Antriebssparte 2024 bis zu 1500 Mitarbeiter abbauen will – auch in der Entwicklung.
Unterdurchschnittlich schnitten 2022 bei den Ausgaben für Innovationen der Maschinenbau und die Chemieindustrie ab: Die Maschinenbauer steigerten ihre F&E-Ausgaben um 4,5, die Chemie-Betriebe sogar nur um 2,5 Prozent. Die pharmazeutische Industrie hingegen legte wie die Autobauer um gut ein Zehntel zu.