Sprind-Chef Laguna: Er soll deutsche Erfinder zurück an die Weltspitze bringen
Sprind-Chef Rafael Laguna
Foto: SprindBerlin . Mit einem neuen Gesetz sollte die Arbeit von Sprind-Chef Rafael Laguna wesentlich flexibler werden. Doch der Kopf der bundeseigenen „Agentur für Sprunginnovationen“, kurz Sprind, ist nicht zufrieden. Das sogenannte „Freiheitsgesetz“ der Bundesregierung „enthält noch viel zu viele Bremsen“, findet Laguna.
Der Sprind-Chef soll mit seiner Agentur Sprunginnovationen identifizieren und gezielt fördern. Neuerungen also, die in ihrem Feld einen enormen, marktverändernden Fortschritt bedeuten können. Laguna verlangt dafür größeren Handlungsspielraum und baut darauf, dass die Ampelfraktionen im Bundestag ihm diesen nun doch noch verschaffen. „Dann wären wir einen großen Schritt weiter in Richtung des großen Vorbilds USA, nur das große Geld würde noch fehlen“, sagte Laguna im Handelsblatt-Gespräch.
Die Sprind soll dafür sorgen, dass aus mehr Erfindungen am Ende auch tatsächlich Geschäfte werden. Denn daran hapert es in Deutschland bisher.
In den USA macht das die Innovationsagentur „Darpa“ beim US-Verteidigungsministerium. Diese treibt seit Jahrzehnten Innovationen voran: vom Internet über GPS und Rettungsroboter bis zu mRNA-Forschung. Das Erfolgsrezept hat Washington ausgeweitet, inzwischen gibt es weitere Agenturen für Energie und Gesundheit.
Zusammen können die US-Agenturen im Jahr rund sieben Milliarden Dollar investieren. „Um gleichzuziehen, bräuchte die Sprind gemessen an der Größe Deutschlands und ohne Militärforschung ein Budget von 1,2 bis 1,4 Milliarden Euro“, rechnet Laguna vor. Aktuell kann sie 160 Millionen ausgeben, 2024 hofft ihr Chef auf 220 Millionen.
Vorbild CIA
Eine „konsequente Entfesselung“ fordert auch die Expertenkommission des Bundes für Forschung und Innovation (EFI): Die Agentur habe es in drei Jahren auf „beeindruckende“ Weise geschafft, sich national und international als Marke zu etablieren. Damit sie wirklich effektiv arbeiten könne, brauche es dringend Nachbesserungen im Gesetz, wie sei auch der Bundesrat fordert.
Lagunas eigenes Vorbild ist „In-Q-Tel“, der Innovationsfonds des US-Geheimdienstes CIA, erzählt er. Der sei nicht nur profitabel, sondern ziehe für jeden ausgegebenen eigenen Dollar 20 weitere Dollar von Privatinvestoren an. Die CIA investiert über ihr Vehikel etwa massiv in das Quantencomputing.
Der Gesetzentwurf der Ampel sieht bereits viele Verbesserungen vor: Experten darf die Staatsagentur künftig marktübliche Gehälter zahlen. Vom Budget soll sie bis zu 30 Prozent des Budgets ins nächste Jahr verschieben dürfen und Einnahmen, etwa aus Darlehensrückzahlungen oder auch dem Verkauf von Tochterunternehmen, zur Hälfte behalten.
Laguna jedoch will mehr: „Wenn wir 100 Prozent behalten dürften, wären wir unabhängiger von den Haushaltskapriolen. Ideal wäre natürlich ein Sondervermögen, wie es ursprünglich für die Sprind angedacht war.“ Auch die EFI mahnt, der Sprind alle Einnahmen zu lassen.
Als Beispiel für negative Folgen des Haushaltsrechts verweist Laguna auf die Kernfusionsprojekte: „Hier wollen wir für die aussichtsreichsten Start-ups zwei große Laser im Wert von je rund 45 Millionen kaufen. Die Zeit drängt, weil die Konkurrenz weit voraus ist. Wir haben derzeit aber nur Geld bis März 2024."
Laguna wehrt sich auch gegen Kritik, etwa aus der CDU, die Sprind habe keine Strategie und keine konkreten Zielvorgaben: „Unser Job ist, so viele aussichtsreiche Projekte zu finden und zu fördern, wie möglich. Wenn dabei in zehn Jahren nur eine echte Sprunginnovation herauskommt, haben wir uns schon gelohnt.“
Sprind fördert Pharmatechnologie und Riesen-Windräder
Das Zeug dazu habe etwa eine neue Wirkstoffgruppe des renommierten Alzheimer-Forschers Dieter Willbold. Dabei geht es einfach gesprochen darum, fehlerhaft gefaltete Proteine im Körper gezielt zu behandeln, was mit bisherigen Medikamenten nicht gelingt. „Wenn das funktioniert, hätte das die doppelte Dimension von Biontech“, das Start-up Priavoid wäre mindestens 100 Milliarden wert und würde „Unsummen an Steuereinnahmen bringen“, ist sich Laguna sicher. Anwendungsfelder wären etwa Alzheimer- und Parkinson-Erkrankungen.
Aber auch hier bremse das Haushaltsrecht: „Wir mussten lange warten, bis wir das Geld hatten, um den Wirkstoff für die bald beginnende Studie mit Patienten im Wert von fast zehn Millionen Euro zu bestellen."
Ein großer Hoffnungsträger ist auch das bis zu 370 Meter große Höhenwindrad, das mit Sprind-Geldern gebaut wird. Es ist konstruiert wie ein Strommast und verspricht weit höhere Windernten als herkömmliche Windräder, weil in großer Höhe mehr und stetig Wind weht. „Wenn das in großer Stückzahl gebaut wird, kann es massiv dazu beitragen, unsere Klimaziele zu erreichen“, sagt Laguna.
Konzept für ein Riesenwindrad der Innovationsagentur.
Foto: SprindAktuell bekommt die Sprind pro Jahr 350 bis 400 Innovationsvorschläge. Potenzial für echte Sprünge hätten 2022 davon drei Prozent gehabt, 2023 schon fünf, „die Qualität steigt also“. Jeder kann sich melden, daneben gibt es Wettbewerbe zu Spezialthemen, zuletzt für biologische Verfahren, um Rohstoffe aus Müll zu gewinnen. Der nächste zielt auf chemische Verfahren, um Elektrogeräte, Batterien oder Solarpanel zu recyceln.
Tochterfirmen schrecken ab
Bisher muss die Sprind für die wichtigsten Projekte Tochterunternehmen gründen, um sie zu finanzieren. Das schreckt Innovatoren ab, erzählt Laguna. „Wir verlieren zwei Drittel der Projekte, weil Gründer keine GmbH wollen, die komplett der Sprind gehört.“
Künftig soll sich die Sprind daher auch an Gesellschaften beteiligen dürfen. Bei mehr als 25 Prozent und mehr als zehn Millionen Euro soll das Finanzministerium drei Monate Zeit für eine Bewertung haben. „Solche Entscheidungen können auch innerhalb von vier Wochen fallen“, drängt die EFI. Auch dürften die Beteiligungen keinesfalls den Regeln der Bundeshaushaltsordnung unterliegen.
All diese Erleichterungen hatte Laguna schon Altkanzlerin Angela Merkel (CDU) zugesagt, die die Sprind ins Leben rief. Doch im Frühjahr 2021 habe sie angerufen und gesagt, „das schaffen wir jetzt im Wahlkampf nicht mehr“. Sie habe ihn damals wörtlich gebeten, trotzdem „nicht in den Sack zu hauen“, sagt er und lacht. Damit drohte er später, als es trotz Ankündigung des „Freiheitsgesetzes“ im Ampel-Koalitionsvertrag nicht voranging.
Das soll nun anders werden: Sowohl FDP als auch Grüne haben bei der 1. Lesung im Bundestag signalisiert, dass sie das Gesetz im Bundestag noch deutlich nachbessern wollen. Die SPD gab sich zurückhaltender.
Ein Knackpunkt ist allerdings die Fachaufsicht, die laut Entwurf auch künftig beim Forschungsministerium liegen soll. Stimmen aus der Koalition und auch der Unionsvertreter Thomas Jarzombek können sich offenbar mit der Idee anfreunden, ganz auf eine Fachaufsicht zu verzichten und auf die Bundesvertreter im Sprind-Aufsichtsrat zu vertrauen. Das wäre ein Bruch mit den bisherigen Prinzipien.