1. Startseite
  2. Politik
  3. International
  4. Schwarze Kassen: Vier Minister müssen gehen: Finanzskandal erschüttert Japans Regierung

Schwarze KassenVier Minister müssen gehen: Finanzskandal erschüttert Japans Regierung

Eine Affäre zur illegalen Parteifinanzierung bringt Japans Regierungschef Kishida in die Bredouille. Nun zieht der Premier die Notbremse. Doch kann er den Skandal überleben? Martin Kölling 13.12.2023 - 17:04 Uhr

Tokio. Eigentlich wollte Japans Regierungschef Fumio Kishida an diesem Wochenende seine Asienstrategie vorantreiben. In Tokio empfängt er die Staats- und Regierungschefs der südostasiatischen Staatengemeinschaft Asean, um die 50 Jahre alten Beziehungen neu auszurichten. Damit will Japan dem wachsenden Einfluss Chinas in der Region begegnen. Doch nun erschüttert ein Skandal um schwarze Kassen seine Partei und Regierung. Selbst Kishida kann sich seines Amtes nicht mehr sicher sein.

Am Mittwochabend kündigte der Regierungschef eine harte Säuberungsaktion an. Nach bisherigen Berichten wird er am Donnerstag vier Minister vom Parteiflügel des ermordeten Ex-Premiers Shinzo Abe austauschen, denn die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die wichtigste Gruppierung innerhalb der Liberaldemokratischen Partei (LDP) wegen illegaler Parteifinanzierung. Zu den Geschassten wird voraussichtlich Kabinettschef Hirokazu Matsuno gehören, der im japanischen System eine Art Superminister ist. Auch Wirtschaftsminister Yasutoshi Nishimura dürfte sein Amt verlieren.

Medienberichten zufolge soll es aber auch in anderen Teilen der LDP zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein, pikanterweise auch in Kishidas Umfeld. Der Regierungschef musste deshalb bereits vom Vorsitz seines Parteiflügels zurücktreten. Und das ist nicht das einzige Warnsignal, dass auch Japans Regierungschef selbst ins Wanken geraten könnte.

Regierungskrise bedroht Japans geopolitische Offensive

Seine Popularitätswerte sind mit dem Skandal auf den tiefsten Stand seit seinem Amtsantritt im Herbst 2021 gefallen. In der jüngsten Umfrage des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders NHK sank die Zustimmung zu seinem Kabinett auf 23 Prozent. Unter 30 Prozent gilt ein Premierminister in Japan als angezählt. Die LDP steht in der Wählergunst mit 30 Prozent kaum besser da als ihr Parteichef.

Die Regierungskrise kommt für Japan zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Die Wirtschaft ist im dritten Quartal geschrumpft und schwächelt weiter. Gleichzeitig steht außenpolitisch viel auf dem Spiel. Die Regierung habe drei Prioritäten auf der Weltbühne, meint Ian Bremmer, Gründer des Politikberaters Eurasia Group: die Verbesserung der Beziehungen zu China, die Beziehungen zur Schutzmacht USA nach 2024 und eine stärkere Bindung an die Länder des globalen Südens, um die auch China buhlt.

Da schadet es nur, dass sich die internationalen Partner Japans fragen, wie lange ihr Verhandlungspartner noch im Amt ist. Doch noch ist Kishida nur angezählt. Sollte ihm keine Verwicklung in den Skandal nachgewiesen werden können, hat er sogar gute Chancen, den Skandal vorerst politisch zu überstehen.

Erstens stehen die nächsten Unter- und Oberhauswahlen erst im Herbst 2025 an, während die Opposition nach wie vor zersplittert und schwach ist. Zweitens gibt es in seiner Partei keinen Politiker, der sich in dieser Krise als Nachfolger aufdrängt. Drittens könnte sich Kishida als Parteireformer politisch neu erfinden.

Japans Staatsanwaltschaft ermittelt Medienberichten zufolge gegen mehrere Mitglieder der Regierungspartei. Sie sollen Einnahmen aus Spendenveranstaltungen zur Parteienfinanzierung falsch deklariert haben. Nun sind vier Minister zurückgetreten.

Tobias Harris, stellvertretender Direktor für den Indo-Pazifik-Raum beim amerikanischen German Marshall Fund, meint, dass Kishida nun eine  Chance habe: Er müsse sich „vom Abe-Flügel lösen, auch wenn dieser ihn bei seinem Weg an die Macht unterstützt hat“. Nur so könne er eine neue Ära der LDP einleiten.

Dies hätte jedenfalls massive Folgen für die Wirtschafts-, Steuer- und Außenpolitik Japans. Denn der Flügel des verstorbenen Ex-Premiers Abe ist mit 26 Prozent der LDP-Abgeordneten die größte und einflussreichste Machtgruppe und schränkte auch ohne Abe den politischen Spielraum des eigentlich als moderat geltenden Regierungschefs ein.

Zu Beginn seiner Amtszeit hatte Kishida Parteireformen und Steuererhöhungen zur Sicherung der finanziellen Stabilität der am höchsten verschuldeten Industrienation angekündigt, doch seine Pläne  scheiterten immer wieder am Widerstand von Abes Gefolgsleuten. Der Skandal könne den Bann brechen und die politischen Blockaden lösen, meint Harris.

Tatsächlich sind die Vorwürfe gegen den Abe-Flügel gravierend. Zwar konzentriert sich die Tokioter Staatsanwaltschaft bei ihren Ermittlungen bislang nur auf den Zeitraum von 2018 bis 2022. Doch japanische Medien berichten, die Gruppierung habe bereits seit 20 Jahren eine schwarze Kasse für ihre Mitglieder geführt. Diese habe sich aus nicht gemeldeten Kartenverkäufen für Parteipartys gespeist.

Parteifeiern und das Weiterleiten von Geldern an Parlamentarier gelten zwar als legales Mittel zur Finanzierung der Politiker. Aber sowohl Einnahmen als auch die Überweisungen müssen sauber gemeldet werden. 

Beides haben offenbar mehrere Flügel in der Partei nicht ernst genommen. Aber im Abe-Flügel soll nach Medienberichten etwa die Hälfte der Mitglieder insgesamt 500 Millionen Yen (3,2 Millionen Euro) in die eigene Tasche gesteckt haben. Die Zeitung „Asahi“ berichtete sogar, dass sich die illegalen Zahlungen auf die doppelte Summe belaufen könnten.

Kishidas Personalwahl wird Weichen stellen

Die Tatsache, dass die Abe-Fraktion diese Geschäfte so lange betrieb, deute auf ein System der organisierten Korruption hin, urteilt Japan-Experte James Brady vom Risikoberater Teneo Intelligence. „Das erscheint in der öffentlichen Meinung als ungeheuerlich, ganz zu schweigen von den rechtlichen Konsequenzen.“ Gefängnisstrafen für Nutznießer des Systems sind möglich.

Verwandte Themen
Shinzo Abe
Japan
China
Yen

Offen ist noch, wen die Staatsanwälte noch ins Visier nehmen und wen Kishida als Retter in die Regierung holen wird. Beruft er ein Mitglied des Partei-Establishments als Kabinettamtschef, deutet das eher auf eine schwache Wende hin.

Als Favorit gilt sein Vertrauter, der ehemalige Außenminister Yoshimasa Hayashi, der für einen stärkeren Reformeifer stehen würde. Ein klareres Zeichen würde er allerdings mit dem Digitalminister Taro Kono oder dem erst 40-jährigen Shinjiro Koizumi setzen, dessen Vater zwischen 2001 und 2006 Ministerpräsident war. Deren Ernennung wäre gewagt, meint Japan-Experte Harris vom German Marshall Fund. „Aber sie würde in der Öffentlichkeit auf Resonanz stoßen.“ Es wäre genau das, was Kishida jetzt braucht.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt