Abschied vom Verbrenner: Rheinmetall verkauft das Kleinkolbengeschäft
Frankfurt, Düsseldorf. Rheinmetall fährt sein Geschäft mit Teilen für Verbrennerautos weiter herunter. Die Produktion von in Pkw-Motoren eingesetzten Kleinkolben verkauft der Rüstungskonzern an den Finanzinvestor Comitans Capital, wie die Unternehmen am Mittwoch mitteilten. Zum Verkaufspreis machten sie keine Angaben.
Der Geschäftsbereich kommt auf ein Betriebsergebnis (Ebitda) von etwa 35 Millionen Euro. Finanzkreisen zufolge bezahlt Comitans weniger als das Dreifache davon, also knapp 100 Millionen Euro. Der erst vor Kurzem gegründete Private-Equity-Investor will den Bereich konsolidieren, sprich weitere Anbieter aufkaufen und das Geschäft so lange betreiben, wie es diesen Markt gibt.
Rheinmetall-Chef Armin Papperger will sich stärker auf das Rüstungsgeschäft konzentrieren, das seit Ausbruch des Ukrainekriegs boomt und 2026 für 80 Prozent der Umsätze stehen soll. Im zivilen Bereich fokussiert sich das Unternehmen vornehmlich auf Komponenten für Fahrzeuge mit Elektro- oder Brennstoffzellenantrieb sowie auf Wärmepumpen. Das Großkolbengeschäft verkaufte Rheinmetall bereits Anfang 2023 an die schwedische Koncentra Verkstads.
Zulieferer gehen unterschiedlich mit Verbrenner-Aus um
Der Markt für Verbrennertechnologie hat zumindest in Europa ein Verfalldatum. Ab 2035 sollen in der EU nur noch Pkw zugelassen werden, die emissionsfrei fahren. Mit dem Wandel hin zur Elektromobilität suchen viele Autozulieferer nach Wegen, das Geschäft mit Verbrennertechnologie zu verkleinern oder gar ganz auslaufen zu lassen.
Der Abgasspezialist Eberspächer etwa investiert in den Bereich Thermotechnik, während die Firma versucht, aus der selbst als „Sunset-Technologie“ bezeichneten Auspufftechnik noch so viel Geld wie möglich herauszuquetschen. Einen Verkauf der Sparte an Wettbewerber Tenneco für eine Milliarde Euro hatte Eberspächer 2015 abgelehnt.
Continental sucht Käufer für Geschäft mit Verbrenner-Komponenten
Continental hat sich nach der Abspaltung der Antriebseinheit Vitesco zwar von einem Großteil des Antriebsgeschäfts verabschiedet. In der Industriesparte Contitech aber ist noch ein etwa zwei Milliarden Euro schweres Geschäft mit Komponenten für den Verbrennungsmotor verblieben. Dabei handelt es sich vor allem um Dichtungen und Schläuche im Pkw-Bereich. Conti sucht aktuell nach Käufern. Die Sparte dürfte allerdings nur noch weniger als eine Milliarde Euro wert sein, heißt es in Finanzkreisen.
Branchenexperten erwarten weitere Deals im Sektor. Schon lange gibt es die Idee, dass ein Finanzinvestor das Aufräumen übernehmen könnte. Ein von den Gewerkschaften IG Metall und IGBCE gestarteter Fonds mit dem Namen Best Owner Group bekam allerdings nicht das nötige Geld zusammen und wurde aufgelöst. Auch eine Initiative der Private-Equity-Firma KPS, einen solchen Fonds aufzusetzen, erblickte nie das Licht der Welt.
„Käufer von Verbrennergeschäftsteilen müssen das Runterfahren des Geschäfts finanzieren, permanent restrukturieren und sollen am Ende auf das eingesetzte Kapital eine entsprechende Rendite erwirtschaften“, sagt Felix Mogge, Partner bei der Unternehmensberatung Roland Berger und Experte für Automobilzulieferer. „Klassische Finanzinvestoren fallen deswegen als potenzielle Käufer zunehmend aus. Das wird verstärkt ein Geschäft für strukturierte Abwickler.“
Nun hat mit Comitans ein solcher „Sunset-Investor“ bei Rheinmetall zugeschlagen. Die Firma wurde 2021 vom früheren Schaeffler-Finanzvorstand Ulrich Hauck gegründet. Dieser hat sich eine Reihe von ehemaligen Automanagern an die Seite geholt, mehrere davon ebenfalls von dem fränkischen Zulieferer. Investoren sind die Manager selbst.
Hauck plant für das künftig unter Kolbenschmidt Pistons firmierende Geschäft stabile Umsätze von rund 700 Millionen Euro im Jahr, wobei sich die Ebitda-Marge bis 2026 auf zehn Prozent verdoppeln soll. Bis dahin soll das Geschäft auch unter dem Strich profitabel sein. Das will Hauck dadurch erreichen, dass Kosten – vor allem Sachkosten – gesenkt werden und mit Abnehmern über Preise nachverhandelt wird.
Verbrenner-Aus: Comitans verfolgt eine „Last Man Standing“- Strategie
Während Comitans damit rechnet, ab 2035 keine Kolben mehr für den europäischen Pkw-Markt zu produzieren, dürfte das Geschäft in Asien und Amerika noch länger laufen. Die Weltregionen machen je ein Drittel der Umsätze aus. Insgesamt konzentrieren sich auf das Pkw-Geschäft drei Viertel der Erlöse, der Rest entfällt auf Lastwagen, Motorboote und Geräte wie Bohrmaschinen und Rasenmäher.
„Wir verfolgen mit Kolbenschmidt Pistons eine ‚Last Man Standing‘- Strategie. Das bedeutet, dass wir die Konsolidierung der Branche aktiv gestalten wollen“, sagte Hauck dem Handelsblatt. „Zulieferer mit mehreren Werken pro Region werden bei zukünftig zu erwartenden sinkenden Volumina besser in der Lage sein, ihre Kapazitäten anzupassen.“
Der Kleinkolbenbereich von Rheinmetall hat Produktionsstandorte in Neckarsulm bei Heidelberg sowie in den USA, Mexiko, Brasilien, Tschechien und Japan, in China erfolgt die Produktion in Kooperation mit lokalen Partnern. Insgesamt sind 3650 Mitarbeiter beschäftigt.
Als Berater bei dem Deal fungierte die Investmentbank Peryton Advisory.
Erstpublikation: 20.12.2023, 11:30 Uhr.