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KommentarFünf Gründe, warum Deutschland sich selbst retten kann

Zum Jahresstart 2026 steckt die Republik zwischen Neustart und Untergangsrhetorik. Fünf Gründe geben Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Und es gibt auch noch einen Joker.Thomas Sigmund 02.01.2026 - 15:42 Uhr
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Kanzler Friedrich Merz: Trotz aller schlechten Laune im Land wäre es falsch, zu übersehen, dass sich unter der Oberfläche vieles bewegt. Foto: AFP, Getty Images, brckmnn [M]

Deutschland hat Übung im Überleben. Finanz- und Euro-Krise, Pandemie, Energieschock nach Putins Angriff auf die Ukraine – jedes Mal klang es so, als sei dies nun die Krise, an der das Land und auch Europa scheitern könnten. Und doch ging das Land aus den meisten dieser Krisen gestärkt hervor.

Und seien wir ehrlich: Der Kanzler hat viel Prügel bezogen für seine Äußerungen, er sei froh, wieder aus der brasilianischen Stadt Belém  weg zu sein. Das war undiplomatisch, aber die Mehrheit der Bürger dürfte seiner Meinung sein, als er in diesem Zusammenhang sagte: Deutschland ist „eines der schönsten Länder der Welt“.

Und so wäre es falsch, trotz aller schlechten Laune im Land, zu übersehen, dass sich unter der Oberfläche vieles bewegt.

Erstens: Immerhin ein Miniwachstum

Der Präsident des BDI spricht von einer „aggressiven Stimmung“ in der Wirtschaft, die sich im „freien Fall“ befinde, der Kanzler schwört die Deutschen auf harte Jahre ein. Beides stimmt. Aufschwünge kommen nach Jahren der Stagnation nicht über Nacht.

Immerhin wurden aber die Konjunkturprognosen zuletzt leicht nach oben korrigiert. Für 2026 rechnen Ökonomen mit 0,5 bis 1 Prozent Wachstum. Kein Wirtschaftswunder, aber ein Fortschritt, wenn auch von Schulden angetrieben. Auch bei den Direktinvestitionen gibt es erste, vorsichtige Signale der Besserung, und die EZB hält die Leitzinsen niedrig, was auch den Investitionen hilft. Hoffnung ist noch kein Trend. Aber sie ist wieder plausibel.

Zweitens: Wir können aus dem Vollen schöpfen

Dazu kommt Geld. Viel Geld. Über 200 Milliarden Euro an Sondervermögen stehen für Bundeswehr und Infrastruktur in diesem Jahr bereit. Bund, Länder und Kommunen planen jährlich mehr als 100 Milliarden Euro für Verkehr, Energie und Digitalisierung. Genehmigungen werden beschleunigt, Planungen gebündelt. Und wir können Deutschlandtempo. Nach vierjähriger Sperrung rollt der Verkehr wieder über die Rahmedetalbrücke im Sauerland. Nach vier Jahren! Das macht Lust auf mehr.

Wenn dann auch noch im Superwahljahr 2026 die Gesetzesmaschinerie in Berlin pausiert, weil sich Union und SPD auf nichts mehr einigen können, kann das der Wirtschaft nur recht sein.

Drittens: Von der Leyen kommt aus ihrem Wolkenkuckucksheim

Auch in Brüssel verändert sich der Ton. Lieferketten- und Umweltauflagen wurden entschärft, Regulierung wurde pragmatischer. Das Aus vom Verbrenner-Aus verschafft der Autoindustrie etwas Luft.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: Die richtigen Schlüsse gezogen. Foto: REUTERS

Noch ist hier nicht alles richtig, manches muss nachgebessert werden. Doch der Trend stimmt. Wenn EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ihren Green Deal endgültig aus dem Wolkenkuckucksheim in die Realität holt, hilft das auch der deutschen Wirtschaft.

Viertens: Starke Eigenkapitalbasis der Unternehmen

Entscheidend ist zudem, was die Unternehmen tun. Ihre Eigenkapitalbasis ist nach wie vor stark. Sie haben Spielraum für Umstrukturierung und für Innovation. Wir müssen nicht bei null anfangen. Es gibt neben den Hidden Champions des Mittelstands mehrere deutsche Firmen, die als Börsenkandidaten gelten. Von Celonis über Raisin bis zu TK-Elevators.

In der Raumfahrt bereitet Isar Aerospace den nächsten Raketenstart vor und arbeitet mit Partnern aus der Sicherheits- und Rüstungsindustrie an europäischen Satellitenlösungen. Rheinmetall entdeckt mit dem finnischen Anbieter Iceye den Weltraum. Das sind keine Kleinigkeiten. Wenn man auch noch die Fortschritte beim autonomen Fahren hinzunimmt, ist es der erste Schritt in eine neue industrielle Zukunft.

Fünftens: Trump erweckt Europa zum Leben

Der Druck von außen wirkt dabei paradoxerweise als Katalysator. Die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump zwingt Europa und auch Deutschland zu mehr wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Eigenständigkeit. Es gibt einen neuen Wehrdienst, und der Ausbau militärischer Fähigkeiten erhöht die Sicherheit. Sieben ausgehandelte Freihandelsabkommen könnten der Exportnation Deutschland bis zu 0,5 Prozent Wachstum bringen. Schon nach der Finanzkrise 2008 nutzten deutsche Unternehmen den Schock, um global stärker zu werden.

Auch geopolitisch verschieben sich Linien. Der Ukraine-Krieg dauert an, doch das EU-Darlehen über 90 Milliarden Euro verschafft Kiew Zeit. Für Russland heißt das: Zeit ist kein Verbündeter mehr. Deutschland hat historisch gelernt, dass äußere Krisen oft Auslöser innerer Stabilisierung waren – die europäische Einbindung nach dem Zweiten Weltkrieg ist das beste Beispiel.

Das größte Risiko bleibt die eigene Rhetorik

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Deutschland kann sich selbst retten. Es hat oft genug bewiesen, dass man sich aus jeder Krise herausarbeiten kann. Nicht durch Abschottung oder eine Autoimmunreaktion gegen alles Neue. Sondern durch Arbeitnehmer und Unternehmer, die sich entschlossen auf ihre Stärken besonnen haben. Dafür aber braucht es Zuversicht: Wenn wir alles, was wir hier anpacken, schlechtreden, wird das nichts mit dem Aufschwung.

Dann aber immerhin bleibt uns noch ein Joker. Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie, wusste schon Ludwig Erhard. In unserem Fall Julian Nagelsmann. Holt der Fußballnationaltrainer mit seinem Team die Weltmeisterschaft aus den USA nach Hause, ist die schlechte Laune schnell verflogen, und dem Aufschwung dürfte nichts mehr im Weg stehen.

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