Gastkommentar: Die fünf Lebenslügen der Deutschen
Politische und wirtschaftliche Debatten werden seit Jahren von Annahmen getragen, die sich gut anhören, sich in der Realität aber als falsch erweisen. Es ist höchste Zeit, sich davon zu verabschieden und den Mut zur Korrektur aufzubringen.
Lebenslüge 1: Alles kann so bleiben, wie es ist
Diese Botschaft wurde im Ruhrgebiet über Jahre an die Kohlekumpel gesendet – mit fatalen Folgen. Sie hat den Strukturwandel verzögert und eine langjährige Krise verschärft. Genau dieses Denken prägt heute erneut die politische Kommunikation gegenüber Beschäftigten in zentralen Transformationsbereichen. Anders ist das vielfache Nicht-Handeln kaum zu deuten.
Es fehlt an einem positiven Veränderungsnarrativ. Reformen werden zu oft als Bedrohung dargestellt, nicht als Chance. Dabei gilt das Gegenteil: Reformen machen uns wettbewerbsfähig. Reformen sichern Beschäftigung und schaffen neue Jobs.
Wer glaubt, Probleme aussitzen zu können, irrt. Wer gesellschaftliche Verwerfungen vermeiden will, muss Veränderungen kontinuierlich gestalten – nicht erst unter Druck reagieren. Der Satz „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, der Michail Gorbatschow zugeschrieben wird, gilt auch für Wirtschaft und Politik. In der Sozialen Marktwirtschaft hat die gesellschaftliche Mitte die Verantwortung, notwendige Veränderungen mit Maß und Mitte voranzutreiben, zu erklären – und gegen Widerstände zu verteidigen.
Lebenslüge 2: Wachstum ist verzichtbar
Die Vorstellung, Verzicht, Askese oder „No Growth“ seien tragfähige Zukunftsmodelle, verfängt zunehmend. Sie ist bequem – und gefährlich. Qualitativ hochwertiges, produktives Wachstum ist keine ökologische Sünde. Es ist die Grundlage für sozialen Zusammenhalt, Innovationsfähigkeit und staatliche Handlungsfähigkeit.
Ein Blick auf die Fakten genügt: Laut OECD ist das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Deutschland seit 2015 um weniger als drei Prozentpunkte gewachsen – die OECD-Länder kamen im Schnitt auf 36 Prozentpunkte Steigerung. Was hierzulande als Erfolg gefeiert wird, ist international betrachtet ein Rückfall. Diese Schwäche trifft nicht nur Unternehmen, sie unterminiert die Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft – und sie schwächt Europas geopolitisches Gewicht.
Ein wirtschaftlich stagnierendes Europa wird seine Werte nicht verteidigen können. Wachstum ist kein Selbstzweck – aber ohne Wachstum gibt es keinen Fortschritt.
Lebenslüge 3: Wir arbeiten zu viel
Die Diskussion um nachgeholte Feiertage oder die flächendeckende Viertagewoche wirkt wie aus der Zeit gefallen – mitten in einer Rezession. Ja, individuelle Überlastung existiert. Gesamtwirtschaftlich jedoch ist das Gegenteil das Problem: Deutschland gehört zu den Industrieländern mit dem geringsten Arbeitsvolumen.
Das hat nichts mit mangelnder Leistungsbereitschaft zu tun, sondern mit schlechten Rahmenbedingungen: fehlender Betreuungsinfrastruktur, steuerlichen Fehlanreizen, starren Arbeitszeitmodellen und einem Lohnersatzsystem, das Arbeit zu oft unattraktiv macht. Wer das Arbeitsvolumen erhöhen will, muss diese Stellschrauben anpacken – nicht Arbeitszeitromantik pflegen.
Lebenslüge 4: Die Rente ist sicher
Politisch mag dieser Satz beliebt sein, ökonomisch ist er nicht haltbar. Die demografische Entwicklung trifft alle sozialen Sicherungssysteme: Rente, Pflege und Krankenversicherung. Über Jahre wurden Leistungen ausgeweitet, ohne tragfähige Finanzierungskonzepte. Das verschiebt Probleme – und verschärft sie.
Je länger notwendige Reformen vertagt werden, desto drastischer werden die Korrekturen ausfallen. Es geht nicht um Kürzungen um ihrer selbst willen, sondern um mehr Treffsicherheit, weniger Komplexität und mehr Generationengerechtigkeit.
Lebenslüge 5: Deutschland ist noch immer das Land der Dichter und Denker
Dieses Selbstbild ist nostalgisch – und zunehmend falsch. Internationale Bildungsstudien zeigen seit Jahren einen kontinuierlichen Qualitätsverlust, bereits bei den Grundkompetenzen. Zu viele junge Menschen verlassen die Schule ohne Abschluss. Das ist nicht nur ein Bildungsproblem, sondern eine soziale Zeitbombe.
Denn Bildungsarmut vererbt sich. Wer hier scheitert, scheitert oft dauerhaft. Die Wiederbelebung des Versprechens „Aufstieg durch Bildung“ ist deshalb keine pädagogische, sondern die zentrale sozialpolitische Aufgabe des kommenden Jahrzehnts.
Fazit:
Lebenslügen haben eine gemeinsame Eigenschaft: Sie beruhigen – bis sie es nicht mehr tun. Politik und Wirtschaft müssen sich von bequemen Annahmen verabschieden und den Mut zur Korrektur aufbringen. Nicht Reformen sind das Risiko. Das wahre Risiko liegt im Nichtstun. Deutschland kann mehr.
Der Autor: Steffen Kampeter ist Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA).
