Trauerfeier: Abschied von Franz Beckenbauer – Er war ein Spiegel der Deutschen und ihrer Geschichte
München. Vor einigen Jahren erschien das Coffee-Table-Buch „The Beautiful Game“ über den Fußball der 1970er-Jahre. Der Sport war damals irgendwie noch unschuldig und doch schon Pop.
Sehr oft auf Fotos zu sehen in diesem Band – mal mit den Rolling Stones, mal als eine Art Dressman, mal unter der Dusche – ist ein Deutscher, der mit seinen Balltänzeleien zu einem globalen Idol wurde: Franz Beckenbauer. Der beste Fußballer, den die Nation hatte. Der Mann, den sie „Kaiser“ nannten.
Wie oft Beckenbauer Weltmeister wurde, hat in den letzten Tagen auch der größte Sportmuffel der Republik erfahren: 1974 als Spieler, 1990 als Teamchef, 2006 als Organisator, der das WM-Turnier nach Deutschland brachte und dem Land ein „Sommermärchen“ bescherte. Es waren, wenn man so will, für die Republik identitätsstiftende Momente.
Das alles erklärt, warum sein Tod im Alter von 78 Jahren die Deutschen so über alle Maßen bewegt. Warum auch das letzte Detail dieser Biografie so intensiv wahrgenommen wird – und warum die Trauerfeier in der Münchener Fußball-Arena am Freitag vor Zehntausenden Menschen zum nationalen, bewegenden, würdevollen Großereignis wurde.
Gleich zehn TV-Sender – darunter Das Erste, Bayerisches Fernsehen, Sky, RTL und N-TV – sendeten live vom Beckenbauer-Farewell. Blaskapellen, der Tölzer Knabenchor sowie Startenor Jonas Kaufmann („Time to say Good-bye“) musizierten. Prominente säumten die Ränge und Logen. 28 Kränze lagen im Mittelfeld, elf Fußballhelden vergangener Zeiten legten Rosen ab.
Kein Papst, aber fast
Es konnte und sollte nichts anderes sein als „die größte Trauerfeier aller Zeiten“, von der sein Heimatklub FC Bayern München (FCB) zuvor gesprochen hat. „Alle sind auf piano gestimmt“, verkündete auf RTL Günther Jauch, der einst mit Beckenbauer fürs Fernsehen Fußballspiele besprach.
Natürlich war selbst diese Zeremonie dann doch eine Spur kleiner als zum Beispiel die Beisetzung von Papst Johannes Paul II. im Jahr 2005, als vier Könige, fünf Königinnen, 70 Präsidenten und Regierungschefs sowie 14 Anführer von religiösen Gemeinschaften zugegen waren. Wer aber in der deutschen Politik, in der Gesellschaft und im Sport Rang und Namen hat, kam zum Kaiser-Gedenken in die Münchener Arena, die mit dem Schriftzug „Danke Franz“ erstrahlte.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier („So vielen war er ein Vorbild, er war ein großer Deutscher“) sprach, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder („Schon eine Art Fußballgott, er war der Chef“) und FCB-Präsident Herbert Hainer („Franz brachte den Glanz“) auch.
Im Publikum zeigte sich Bundeskanzler Olaf Scholz emotional gerührt. An einem solchen Tag der Tränen hatte er keine „Buh“-Rufe zu erwarten, anders als zuletzt bei der Handball-EM. Lange klatschten die Gäste nach einem Franz-Erinnerungsfilm.
Am emotionalsten war die Rede des FC-Bayern-Ehrenpräsidenten Uli Hoeneß, der mit Beckenbauer im Klub und in der Nationalmannschaft die größten Erfolge erkickt hatte. Der Verstorbene habe „nie den großen Max“ herausgestellt, bei ihm, dem „Superprofi“, habe man viel lernen können. Bewundert habe er immer, so Hoeneß, den Tränen sehr nahe, wie sehr sich Beckenbauer um andere kümmerte und wie großzügig er war.
Launig gab er zum Besten, wie er zusammen mit dem einstigen Allianz-Lehrling Beckenbauer persönlich den Versicherungskonzern als Namensgeber für die Arena gewann. Sein Meisterstück aber sei gewesen, die WM nach Deutschland geholt zu haben, da seien alle stolz gewesen. Wörtlich: „Da müssen wir wieder hinkommen, dass wir alle wieder stolz sind auf unser Land.“ Die AfD aber wolle er nicht dabeihaben, merkte der FCB-Aufsichtsrat noch an, ehe er zu Franz Beckenbauer sagte: „Du fehlst mir sehr.“
„Freude und Frieden durch Fußball“
Sogar Papst Franziskus hat der Trauergemeinde etwas ausrichten lassen, übermittelt vom Münchener Kardinal Reinhard Marx. Er bat um einen Moment der Stille und betete zu Gott: „Du hast uns diesen Menschen geschenkt, welch ein Leben. Nimm ihn jetzt in deine Arme.“ Der Kardinal segnete und wünschte „Freude und Frieden durch Fußball.“
Während der denkwürdigen Trauerfeier war auch von „Gute Freunde kann niemand trennen“ die Rede, dem Schlager-Hit von Jung-Beckenbauer aus dem Jahr 1966. Die eingängige Komposition hatte es im Rausch nach der erfolgreichen Fußball-WM von England (Rang zwei für die Deutschen) auf den 31. Platz der Charts gebracht. Viele können textsicher die Positivbotschaft mitsingen, wonach gute Freunde nie allein wären, „weil sie eines im Leben können – füreinander da zu sein“.
Der musikalische Volltreffer stand am Anfang einer zweiten Karriere Beckenbauers als Showman, als große Unterhaltungsfigur, der lukrative Werbeverträge abschloss, in einem Film auftrat, ganz amerikanisch Familie und Mode in den Medien vorführte und seine Karriere bei einer Tochterfirma des US-Medienkonzerns Warner beendete, bei Cosmos New York – wo aus dem „Bub aus Giesing ein Weltbürger“ wurde. Beckenbauer war auch der erste Fußballer, der seinen eigenen Manager (Robert Schwan) hatte.
Dieser humorige, stets freundliche, manchmal auch dahinplappernde Freigeist wurde zur Symbolfigur einer Sportart, die aus der Proletenecke herausfand, aus dem Rauchdunst der Bratwurstbude und Bierkneipen. Beckenbauer machte Fußball gesellschaftsfähig, zum Teil eines immer größer werdenden Entertainment-Geschäfts, in das Milliarden und Milliarden flossen.
Ein Spiegel der Republik
Die Republik spiegelte sich in dieser Aufstiegsgeschichte. Als Kind hatte Beckenbauer zwischen den Trümmern des Zweiten Weltkriegs im Scherbenviertel Obergiesing gespielt, später lauschte er Wagner in Bayreuth und machte überall in der Welt „bella figura“. Das war – auf viel kleinerem Niveau – ja auch die Story der meisten Deutschen, raus aus der Armut, Wirtschaftswunder erleben, Wohlstand genießen, und sei es im Wohnwagen auf dem Campingplatz.
Wenn die Deutschen an Beckenbauer denken, denken sie an die besseren Momente in ihrem Leben. Dann haben sie das alte „Wir-sind-wieder-wer“-Gefühl. Ukraine, Gaza, Klima, Stagflation, Ampelbashing, alles weit weg.
Deshalb haben sich in den ersten zwölf Tagen nach Beckenbauers Tod am 7. Januar bereits mehr als 20.000 Menschen in zwei ausliegende Kondolenzbücher eingetragen. Deshalb trauerten sie im Fußballstadion und waren doch auch getröstet.