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LNG-ExporteWas Bidens Entscheidung für Deutschland bedeutet

Wegen des Klimawandels könnten die USA künftig Flüssigerdgasexporte drosseln. Politiker fordern einen Ausbau der deutschen Gasförderung. Ist das tatsächlich nötig?Catiana Krapp, Klaus Stratmann, Katharina Kort 07.02.2024 - 11:00 Uhr
US-Präsident Joe Biden will zusätzliche LNG-Exporte erst einmal prüfen. Foto: Bloomberg

Düsseldorf, Berlin, New York. Die US-Regierung hat ein Moratorium für einige künftig geplante Exporte von Flüssigerdgas (LNG) angekündigt – das Importland Deutschland reagiert mit Sorge. Parteiübergreifend werden Forderungen laut, heimische Gaspotenziale zu nutzen. So sagte Michael Kruse, energiepolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, dem Handelsblatt, Deutschland müsse nun seine Hausaufgaben machen: „Dazu zählt die schnelle Genehmigung für eine saubere und sichere Gasförderung in der deutschen Nordsee.“

Auch Wolfgang Steiger, Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrats, fordert im Gespräch mit dem Handelsblatt die Bundesregierung auf, ihren Widerstand gegen den Ausbau der Gasförderung in Niedersachsen aufzugeben: „Die Entscheidung der US-Regierung gegen zusätzliche Ausfuhren von LNG-Gas nach Europa sorgt für Unsicherheit auf den Märkten und wird tendenziell die Energiepreise steigen lassen.“ Daher müsse die Bundesregierung schnell handeln.

„Die deutsche Regierung wäre gut beraten, sich intensiver mit den Potenzialen der heimischen Förderung zu befassen und sie strategisch einzubinden“, sagte Ludwig Möhring, Geschäftsführer des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG), dem Handelsblatt und betonte die Bereitschaft der Branche, genau das zu tun. Zur Resilienz der Energieversorgung gehöre eine Optimierung der heimischen Ressourcen. „Das gilt umso mehr, als LNG-Importe einen um bis zu 30 Prozent schlechteren CO2-Fußabdruck haben als heimische europäische oder deutsche Produktion“, sagte Möhring.

Seit Deutschland kein Pipelinegas mehr aus Russland erhält, sind die Bundesrepublik und viele andere europäische Länder stark auf Flüssigerdgasimporte angewiesen. Europa bezog im vergangenen Jahr rund die Hälfte seiner LNG-Importe aus den USA.

US-Präsident Joe Biden hatte jedoch am vergangenen Freitag angekündigt, Washington setze alle neuen Entscheidungen zu LNG-Exporten so lange aus, bis das Energieministerium neue Kriterien für Genehmigungen vorlegt. Damit ist die Zukunft von mehr als einem Dutzend Gasexportterminals an der Küste des Golfs von Mexiko ungewiss.

Gefährdet Bidens Entscheidung unsere Versorgung? Könnte eine Erhöhung der heimischen Förderung helfen? Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Was bedeutet der US-Stopp für den LNG-Markt?

Der Stopp bezieht sich nur auf LNG-Exporte, die bislang noch nicht genehmigt sind. Das Gas, das die USA bisher an Europa und Asien liefern, ist also nicht betroffen. Es geht lediglich um künftige, zusätzliche Mengen, die wegfallen könnten.

Laut Energieexperte Andreas Schröder vom Analysehaus ICIS wird die weltweit verfügbare Flüssigerdgasmenge auch ohne die nun gestoppten Projekte beträchtlich steigen: „Selbst wenn man nur auf die Terminals schaut, für die schon eine finale Investitionsentscheidung vorliegt, kommen riesige Mengen LNG auf den Markt. Zusätzliche Mengen sind nicht nötig.“

ICIS prognostiziert, dass ab dem Jahr 2026 ein Überangebot an LNG auf dem Weltmarkt herrscht, das sich mindestens bis 2030 hält. Dazu passt die Aussage der US-Energieministerin Jennifer Granholm aus der vergangenen Woche, die USA würden weiterhin sicherstellen, dass der mittelfristige Energiebedarf ihrer Partner gedeckt werde.

Nicht jeder in der Branche ist so entspannt. So hatte Timm Kehler, Chef des Branchenverbands Zukunft Gas, dem Handelsblatt gesagt: „Die Möglichkeit, dass zusätzliche US-LNG-Exportkapazitäten nicht realisiert werden, wird die globale Angebotsknappheit verschärfen.“

Die unterschiedlichen Einschätzungen könnten unter anderem dadurch zustande kommen, dass sich die Prognosen für den künftigen Gasbedarf unterscheiden. Während ICIS für das Jahr 2030 eine globale LNG-Nachfrage von rund 500 Millionen Tonnen vorhersagt, geht der Energiekonzern Shell beispielsweise von 550 bis 600 Millionen Tonnen aus. Ausschlaggebend hierfür ist unter anderem das Wirtschaftswachstum in großen Staaten wie China.

Was heißt das für die Gasversorgung in Deutschland?

Die Entscheidung Bidens hat keinen unmittelbaren Einfluss auf die deutsche Gasversorgung. Das zeigte sich auch an den Gasmärkten: Die Preise bewegten sich nach der Ankündigung aus den USA kaum.

Dass Deutschland in Reaktion auf die Entscheidung die eigene Gasproduktion signifikant hochfährt, ist daher sehr unwahrscheinlich. Selbst in der Phase akuter Knappheitsbefürchtungen kurz nach dem russischen Gaslieferstopp hat Deutschland die heimische Förderung nicht sonderlich verstärkt.

Der deutsche Erdgasverbrauch lag laut BVEG im Jahr 2022 bei 89 Milliarden Kubikmetern. Davon hat Deutschland 4,8 Milliarden Kubikmeter selbst gefördert – also 5,4 Prozent. Das ist fast exakt der gleiche Anteil wie ein Jahr zuvor.

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Das Energie-Dilemma – Warum Deutschland die eigenen Öl- und Gasreserven nicht voll nutzt

Größere Ambitionen scheiterten selbst in der Krise an Genehmigungsverfahren. Allerdings könnte die Gasförderung in Deutschland laut BVEG-Chef Möhring bestenfalls um 20 Prozent gesteigert werden – also von fünf auf sechs Milliarden Kubikmeter pro Jahr.

Warum wird das LNG-Moratorium in den USA kritisiert?

Dass Gasverbände und Unternehmen in den USA die Entscheidung des US-Präsidenten kritisieren, ist auch damit zu erklären, dass große Investitionen an den Genehmigungen hängen, die jetzt geprüft werden sollen.

Da ist beispielsweise ein Projekt des Unternehmens Commonwealth LNG, das seit November 2022 auf eine Genehmigung für sein 9,3-Millionen-Tonnen-Terminal in Cameron in Louisiana wartete und in diesem Jahr die finale Investitionsentscheidung erreichen wollte. Betreiber zahlreicher weiterer Projekte müssen ebenfalls bangen.

Beim Vorsitzenden des Energie-Ausschusses im Senat, Joe Manchin, kam der Rückzieher Joe Bidens nicht gut an. Der Senator hat eine Untersuchung angekündigt, um zu verstehen, wie es zu der Entscheidung der Regierung gekommen sei, die Genehmigungen erst einmal auszusetzen. Manchin vertritt den Bundesstaat West Virginia, der außer Kohle auch Öl und Gas fördert.

Der Ausschuss werde „die wahren Beweggründe dieser Regierung und ihre Auswirkungen aufdecken“, versprach der Politiker, der schon oft die Interessen der fossilen Brennstoffindustrie verteidigt hat.

Was steckt hinter Bidens LNG-Entscheidung?

Dass Biden die Verärgerung solcher Akteure auf sich nimmt, kann verschiedene Hintergründe haben. Einige Beobachter führen seine Entscheidung auf den Druck durch Klimaaktivisten zurück, die zu Bidens potenzieller Wählerschaft zählen.

Analyst Schröder von ICIS hat aber auch noch eine wirtschaftliche Interpretation für das Vorgehen des US-Präsidenten: „Die Entscheidung von Biden wendet Überinvestitionen ab. Das verhindert, dass bei den bereits existierenden Terminal-Betreibern die Margen sinken.“ Außerdem verhindere es, dass die USA noch mehr von ihrem eigenen Gas auf den Weltmarkt exportieren können und so für die US-Bürger die Gaspreise steigen.

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Aktuell sei Gas in den USA viel günstiger als in Asien. Stiegen die Exportkapazitäten der USA aber noch weiter, glichen sich die US-Preise zunehmend dem Weltmarktniveau an – keine wünschenswerte Entwicklung mit Blick auf die US-Wahlen. „Bürgern, deren Motto ,America first‘ ist, wäre das schwer zu vermitteln“, erläutert Schröder.

Erstpublikation: 31.01.2024, 03:54 Uhr.

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