Nach Boeing-Vorfall: United Airlines will jetzt auf Airbus setzen
Frankfurt. Es war nur ein Satz am Rande der Präsentation von aktuellen Quartalszahlen. „Wenn einige der US-Firmen diese Flugzeuge nicht nehmen wollen, wird Ryanair sie nehmen“, sagte Ryanair-Chef Michael O’Leary am Montagvormittag mit Blick auf die Boeing 737 Max 10. Doch dieser eine Satz verdeutlicht das ganze Ausmaß der Krise, in die der Airbus-Rivale mittlerweile gerutscht ist.
Vermutlich wegen mangelhafter Qualitätskontrolle hatte sich bei einer 737 Max 9 vor einigen Wochen während des Fluges ein Panel gelöst. Deshalb hat die US-Luftfahrtaufsicht FAA nicht nur untersagt, die Produktion des beliebten Kurz- und Mittelstreckenjets wieder hochzufahren. Auch die Zulassung der längsten Version, der Max 10, wird sich wohl verzögern.
In der Regel überdenken Airline-Manager wegen solcher Probleme nicht sofort ihre Bestellungen. Doch Boeing hat die Nerven einiger Kunden mittlerweile derart strapaziert, dass sie genau dazu bereit sind. So arbeitet der Lufthansa-Partner United Airlines nach Aussagen von CEO Scott Kirby derzeit an Plänen, bestellte Max 10 durch Flugzeuge des Rivalen Airbus zu ersetzen.
United Airline-Chef wettert gegen Boeing
Für Boeing wäre das ein heftiger Rückschlag. United Airlines ist ein wichtiger Kunde für den US-Konzern. Die Airline hat 277 Max 10 bestellt, dazu eine Option für 200 weitere. Selbst wenn nur ein Teil dieser Flugzeuge durch den Airbus A321 neo ersetzt werden würde, hätte das nicht nur Folgen für die Einnahmen von Boeing. Es wäre auch ein verheerendes Zeichen, wenn eine der drei großen US-Airlines dem heimischen Hersteller offen in den Rücken fiele.
Ausgeschlossen ist das nicht. Dass Airline-Manager dem Flugzeugbauer damit drohen, sich bei der Konkurrenz umzuschauen, kam auch in der Vergangenheit schon vor. Doch bislang hat noch kein Chef einer US-Fluggesellschaft so offen gegen Boeing gewettert wie Kirby.
Der Vorfall mit der Max 9 habe „das Fass zum Überlaufen gebracht“, sagte er dem Sender „CNBC“. United stelle eine Strategie auf, „in der die 737 Max 10 nicht mehr vorkommt“. Das Flugzeug käme im besten Fall mindestens fünf Jahre verspätet, wetterte der Airline-Manager weiter.
United Airlines hätte keine großen Probleme, statt der Max 10 die A321 neo einzusetzen. Das Unternehmen hat neben der Max ohnehin auch 180 Flugzeuge des Typs von Airbus bestellt. Die dafür ausgebildeten Piloten gibt es, die Wartung der Flugzeuge ist ebenfalls gesichert. Groß umstellen muss das Unternehmen deshalb nichts.
Doch ob United tatsächlich viele der geplanten Max durch A321 ersetzen kann, hängt entscheidend von Airbus ab. Die Produktion der A320-Familie ist auf Jahre hinaus ausgelastet und verkauft. Woher sollen die zusätzlichen Flugzeuge für United Airlines also kommen?
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Nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg versucht Airbus derzeit, für die US-Airline Lieferungen zu organisieren. Es werde das Gespräch mit Airlines und Leasingfirmen gesucht, um diesen den Rückkauf von Lieferslots anzubieten, heißt es in dem Bericht.
Airbus würde in solchen Fällen den Kunden Geld zahlen, wenn die auf ihre Liefertermine verzichten. Ob dabei mehr Geld fließen könnte als die bei der Bestellung geleistete Anzahlung, ist offen. „Kein Kommentar“ heißt es bei Airbus zu den Berichten.
United Airlines hat Lieferung von Airbus immer wieder verschoben
Fraglich ist, ob sich Airlines finden lassen, die in einem umkämpften Geschäft, das sich gerade wieder von der Corona-Delle erholt, auf ihre lang erwartete Bestellung verzichten werden. Sollte das gelingen, wäre es für Airbus aber eine gute Gelegenheit, einem wichtigen Kunden zu helfen. United und Airbus haben nämlich an anderer Stelle eine offene Front: auf der Langstrecke.
Die Fluggesellschaft hatte bei Airbus schon vor einiger Zeit den Langstreckenflieger A350 bestellt, um die betagten Boeing-Jets in der Flotte zu ersetzen. Doch United hat die Lieferung dieser Flugzeuge immer wieder verschoben. Eigentlich sollten die ersten Exemplare bereits 2018 abgenommen werden. Mittlerweile könnten die ersten Modelle erst 2030 in die Flotten aufgenommen werden.
Ob United überhaupt noch auf den Langstreckenjet aus Europa setzt, ist komplett offen. Denn inzwischen hat das Management weitere Boeing 787 (Dreamliner) für die Langstrecke bestellt, sich also vorerst gegen zusätzliche A350 entschieden. In Summe hat United damit 150 Dreamliner auf der eigenen Bestellliste, ein Hinweis darauf, dass Airbus in diesem Segment eher schlechte Karten hat, die Langstrecken-Flieger noch loszuwerden.
Das wäre ein Rückschlag für den europäischen Konzern. Denn bei den großen US-Netzwerk-Airlines ist Airbus bisher nur schwach mit Langstreckenflugzeugen vertreten. Diese bestellen für diese Verbindungen in der Regel bei Boeing. Andererseits könnte die noch offene A350-Bestellung Branchenkennern zufolge in A321 neo umgewandelt werden – also genau das Flugzeug, von dem United wegen der Max-Krise nun gern mehr haben möchte.
Erstpublikation: 29.01.2024, 16:12 Uhr.