KI: Darum erhofft sich die Allianz mehr Macht gegenüber Tech-Konzernen
Köln, Frankfurt. Wenn Staaten oder die Europäische Union (EU) neue Regeln und Gesetze erlassen, gehören die Versicherer meist zu den größten Kritikern. Doch bei einem Projekt der EU signalisiert die Branche viel Zustimmung: beim AI Act, dem neuen Gesetz über Künstliche Intelligenz (KI).
Die Versicherungsindustrie arbeitet wie kaum eine andere Branche mit einer Fülle an hochsensiblen Daten. Sie schätzt die Chancen der Nutzung von KI-Systemen als besonders hoch ein. Durch den Regulierungsrahmen der EU erhofft sie sich Rechtssicherheit bezüglich der Entwicklung und Implementierung von KI-Technologien in Produkten, Anwendungen oder Services.
Mark Klein, Vorstandsmitglied des Versicherers Ergo, begrüßt daher die Einigung, die von den EU-Mitgliedstaaten Anfang Februar erzielt wurde: „Der AI Act legt die Basis für einen sicheren, transparenten und fairen Einsatz von Künstlicher Intelligenz“, sagt er.
Auch der größte europäische Versicherer Allianz unterstützt das EU-Gesetz und setzt darauf, dass bald auch andere Staaten solche Regeln erlassen, sagt der Datenschutzbeauftragte des Unternehmens, Philipp Räther, im Gespräch mit dem Handelsblatt.
„Wir sehen europäische Unternehmen im Vergleich zu den USA oder Asien nicht durch eine zu strenge Regulierung als benachteiligt an.“ Räther geht vielmehr davon aus, dass andere Länder das Gesetz als Vorlage nutzen werden, um eine eigene Regulierung auf den Weg zu bringen.
Transparenz von den Anbietern einfordern
Die KI-Verordnung enthalte viele Aspekte in Bezug auf Transparenz und Datenschutz, die die Versicherer auch ohne Regulierung einhalten würden, sagen die Vertreter von Allianz und Ergo. „Der gesetzliche Rahmen macht es uns aber einfacher, die Regeln umzusetzen“, meint Allianz-Datenschutzbeauftragter Räther.
Den größten Vorteil erhofft er sich aber als Kunde und Nutzer von KI-Systemen. Versicherer setzen nicht nur selbst entwickelte KI-Modelle ein, sondern kaufen auch Software von externen Anbietern ein, etwa von den großen Tech-Firmen aus den USA.
„Wir sehen uns also als Versicherer auch selbst als Konsument von Künstlicher Intelligenz“, sagt Räther. Und bei diesen Anwendungen stelle sich häufig die Frage, welche Daten für das Training der Modelle genutzt und ob hierbei Urheberrechte eingehalten wurden. „Die KI-Verordnung hilft uns, Transparenz von den Anbietern einzufordern“, erklärt er.
Unsicherheit besteht immer wieder bei der Frage, welche geschützten Inhalte die Anbieter von KI-Modellen für das Training nutzen dürfen. Im Dezember wurde beispielsweise in den USA eine Klage der „New York Times“ gegen Microsoft und die Entwickler des Chatbots ChatGPT publik. Die Tageszeitung verlangt Antworten auf Fragen rund um Urheberrechte, etwaige Schadenersatzansprüche und entgangene Gewinne. In der EU verpflichtet das KI-Gesetz die Anbieter nun, Urheberrechte einzuhalten und Trainingsinhalte offenzulegen.
Kunden schwanken „zwischen Faszination und Furcht“
Während Räther in dieser Offenlegungspflicht vor allem Vorteile sieht, warnt Ergo-Vorstandsmitglied Klein vor einer „potenziellen Überregulierung“ sogenannter generativer KI, also KI-Systemen, die Inhalte wie Texte, Bilder, Videos oder Ton erzeugen. Klein kritisiert auch die seiner Ansicht nach weit gefasste Definition von KI und die hohen Hürden für Anwendungen, die im KI-Gesetz als „Hochrisiko“ eingestuft wurden, wie etwa KI-Systeme in der Kranken- und Lebensversicherung.
>> Lesen Sie hier: Wie sich deutsche Unternehmen auf das KI-Gesetz der EU vorbereiten
Eine strenge Regulierung von KI-Modellen mit hohem Risiko für Verbraucher, etwa im Bereich Versicherung, hatten Verbraucherschützer immer wieder gefordert. In der Münchener Allianz-Zentrale hat man hierfür größeres Verständnis als bei Ergo, „denn unsere Kunden treffen beim Vertragsabschluss meist eine Entscheidung fürs Leben und müssen hochsensible Daten preisgeben“, sagt Räther.
Verbraucherinnen und Verbraucher schwankten beim Thema KI „zwischen Faszination und Furcht“. Damit sie den KI-Systemen der Allianz vertrauen, sei ein sorgfältiger Umgang mit ihren Daten wichtig. Die klar definierten Regeln im AI Act helfen, dieses Vertrauen aufzubauen. „Datenschutzvorfälle, wie sie in anderen Branchen teilweise schon publik wurden, können wir uns nicht leisten“, betont er.
Wo KI schon heute in Versicherungen zum Einsatz kommt
Die Versicherungen wollen KI-Systeme an vielfältigen Stellen einsetzen. Räther nennt ein Beispiel aus der Lebensversicherung: Versicherer rechnen mit sogenannten Sterbetafeln aus, wie viel Geld Kundinnen und Kunden für ihre Lebensversicherung bezahlen müssen. In diesen Tafeln wird festgehalten, wie alt Personengruppen aus bestimmten Geburtsjahrgängen wahrscheinlich werden.
Die Daten seien in vielen Ländern sehr ungenau, sagt Räther. „Mithilfe von KI könnte man viel mehr Daten in die Berechnungen einbeziehen, wie etwa den Bildungsstand und das Gesundheitsverhalten der Menschen.“ Versicherer könnten so künftig passgenauere Produkte anbieten.
Zudem sieht die Allianz die Kostenvorteile: „Wir erhoffen uns von KI-Systemen deutliche Einsparungen, etwa bei der Schadenregulierung“, sagt Räther. Schon heute reguliere der Konzern in der Kfz-Versicherung kleinere Auffahrunfälle automatisiert, indem Kunden Bilder einreichen und die KI automatisch den Schaden berechnet.
KI hilft außerdem bei der Betrugsbekämpfung, da beispielsweise Bilder schon jetzt genau untersucht werden können. Allerdings nutzen auch Betrüger vermehrt die Möglichkeiten, die ihnen KI bietet. „Wichtig ist und bleibt daher: Das letzte Wort hat immer der Mensch“, sagt Ergo-Vorstandsmitglied Klein.
Erstpublikation: 13.02.2024, 12:08 Uhr.