Interview mit Tucker Carlson: Geschichtsstunde mit Putin – Interview bringt nur in einem Punkt neue Erkenntnisse
Moskau. Noch bevor die Interview-Aufzeichnung beginnt, spricht Tucker Carlson einige einleitende Worte in die Kamera. Aufgenommen sind sie nach dem Gespräch, das der ehemalige Fox-News-Moderator mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin führt – den Kreml im Rücken, mit Schnee im Gesicht: „Putin redete sehr lange, wahrscheinlich eine halbe Stunde, über die Geschichte Russlands und ging dabei zurück bis ins achte Jahrhundert“, so der Moderator, der sich „geschockt“ über die Länge der historischen Ausführungen des Kremlchefs zeigte.
Mit Spannung war das Interview von Carlson mit Putin erwartet worden. Es handelt sich um das erste ausführliche Gespräch, das der Kremlchef einem westlichen Interviewer seit Beginn des großangelegten russischen Angriffs auf die Ukraine im Februar 2022 gewährt. Vor allem mit Blick auf die anstehenden US-Wahlen im Herbst wurde das Interview vorab vielerorts bereits als Teil des US-Wahlkampfes aufgefasst, da Carlson als Vertrauter von Donald Trump gilt.
In der Nacht auf Freitag veröffentlichte Carlson die Unterhaltung, die über zwei Stunden dauerte, nun in voller Länge auf seiner Website. In Russland wird sie um sieben Uhr morgens Ortszeit im staatlichen Fernsehen zu sehen sein.
Dabei offenbarte das Gespräch wenig Überraschendes, zumal Carlson nur wenige der gegebenen Gelegenheiten, kritische Rückfragen zu stellen, nutzte. Doch in einem Punkt konnte er dem Kremlchef Neuigkeiten entlocken.
Die wichtigsten Themen im Überblick:
1. Putins Geschichtsstunde und sein Blick auf die Ukraine: Putins Bitte zu Beginn des Gesprächs, „nur 30 Sekunden oder eine Minute“ über den „historischen Hintergrund“ zu sprechen, endete in einem 30-minütigem Geschichtsvortrag, beginnend im achten Jahrhundert. Carlson warf schließlich ein: „Ich bin mir nicht sicher, warum es für das, was vor zwei Jahren passiert ist, relevant ist.“ Putin führte seine Ausführung dennoch unbeirrt fort. „Es mag langweilig sein, aber es erklärt jede Menge.“
Putin, der sich in der Rolle des Erklärers sichtlich wohl fühlte, ließ sich einige Seitenhiebe gegenüber Carlson nicht nehmen. Zwischenfragen gelangen diesem kaum. „Ich verliere den Überblick darüber, wo wir in der Geschichte gerade sind“, fragte der Amerikaner. „Im 13. Jahrhundert“, antwortete Putin, und fuhr fort.
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Der historische Exkurs, der aus Putins Sicht die Gründe für den Angriff auf das Nachbarland beinhaltet, offenbarte mit Blick auf die Ukraine allerdings keinerlei neue oder überraschende Ansichten. Stattdessen wiederholte Putin seine bisher bekannten historischen Argumente für den Angriffskrieg. Darunter die Aussage, dass das Land „denazifiziert“ werden müsse. Russland rechtfertigt den Krieg gegen die Ukraine mit der falschen Behauptung, die Bevölkerung im Land müsse von Nazis in der Führung des Landes und Teilen der Gesellschaft befreit werden.
„Wir haben unsere Ziele noch nicht erreicht, denn eines davon ist die Entnazifizierung“, sagte Putin. Carlsons Frage, warum der Kremlchef so lange mit dem Versuch der Eroberung des Landes gewartet habe, wenn seine Argumente schon zuvor gegolten hätten, wich der Kremlchef durch immer neue Schwenks aus.
2. Europäische Sicherheit: Putin sagte, Russland sei bereit, „bis zum Ende“ für seine Interessen zu kämpfen. Es habe aber kein Interesse daran, den Krieg in der Ukraine auf andere Staaten, etwa Lettland oder Polen, auszuweiten. Auf die Frage, ob sich Putin vorstellen könne, Truppen nach Polen zu schicken, antwortete der Kremlchef: „Nur, wenn Polen Russland angreift.“
Hochrangige russische Politiker drohen immer wieder anderen Staaten, vorrangig solchen, die einst Teil der Sowjetunion waren, zuletzt auch Lettland. Putin selbst hatte mit Konsequenzen für politische Entscheidungen in dem baltischen Nachbarland gedroht, die die russischsprachige Bevölkerung im Land betreffen.
Auf die Frage, wer für die Explosionen an den Nord-Stream-Pipelines 1 und 2 verantwortlich sei, reagierte Putin zunächst mit einem Witz („Sie, natürlich!“, sagte er an Carlson gerichtet) und nannte dann den US-Auslandsgeheimdienst CIA. Auf die Frage, ob er Beweise dafür vorlegen könne, reagierte Putin ausweichend. Carlson behauptete, Deutschland wüsste mit Sicherheit, „dass ihr Nato-Partner das getan“ habe und fragte, warum die Deutschen darüber nichts sagen würden. Putins Antwort: „Das frage ich mich auch.“
Die Suche nach den Verursachern der Explosionen ist nicht abgeschlossen, obwohl Schweden die Ermittlungen jüngst einstellte. Neben Schweden nahmen aber auch Dänemark und Deutschland Ermittlungen auf.
3. Das Verhältnis zu den USA: Putin bekräftigt im Interview die Haltung, ein Ende der Kämpfe in der Ukraine läge in der Hand der USA. „Wenn ihr wirklich aufhören wollt zu kämpfen, müsst ihr aufhören, Waffen zu liefern“, sagte er an US-amerikanische Zuschauer gerichtet. „Dann wird das innerhalb von ein paar Wochen zu Ende sein“, so Putin.
Beobachter hatten im Vorfeld des Interviews damit gerechnet, dass Putin dieses als Plattform nutzen könnte, um sich deutlich an eine amerikanische Zuschauerschaft zu wenden. Direkt tat der russische Präsident dies allerdings nur an wenigen Stellen, etwa, als er zum US-Engagement für die Ukraine sagte: „Habt ihr nichts Besseres zu tun? Ihr habt Probleme an der Grenze, Probleme mit Migration, Probleme mit der Staatsverschuldung.“
Nach Einschätzung der russischen Politologin Tatjana Stanowaja setzt Putin darauf, dass der Westen seine Munitions- und Waffenhilfen einschränkt, Amerika im Wahljahr mit sich selbst beschäftigt ist und in der Ukraine selbst innenpolitische Probleme zunehmen. John Kirby, Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats der USA, hatte im Vorfeld des Interviews allerdings gesagt, das amerikanische Volk wisse, „dass es für die Invasion am 22. Februar vor zwei Jahren keinerlei Grund gab.“ Er gab sich unbeeindruckt von der Sorge, dass Putin über das Interview großen Einfluss auf US-Wähler ausüben könnte: „Ich glaube nicht, dass sich das amerikanische Volk durch ein einziges Interview beeinflussen lässt“, sagte Kirby.
4. Westliche Sanktionen gegen Russland: „Die größte Anzahl von Sanktionen weltweit ist gegen Russland verhängt worden“, sagte der Kremlchef, „Sanktionen in allen Bereichen, überall.“ Dennoch sei Russland in dieser Zeit zu „Europas erster Volkswirtschaft“ geworden, behauptete Putin. Doch tatsächlich befindet sich Russland unter den Staaten auf dem europäischen Kontinent hinter Deutschland, Großbritannien und Frankreich auf Platz vier, was das nominale Bruttoinlandsprodukt basierend auf den neuesten verfügbaren Daten der Weltbank angeht. Auch was Prognosen für das prozentuale Wirtschaftswachstum angeht, liegen Staaten wie Spanien oder Portugal, basierend auf Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF), vor Russland.
Auch auf Handelsbeziehungen zu China kamen Carlson und Putin zu sprechen. Putin korrigierte Carlson etwa, als dieser andeutete, die USA hätten Angst vor einem starken Russland und nicht vor einem starken China. „Der Westen hat mehr Angst vor einem starken China als vor einem starken Russland“, so Putin. „China hat 1,5 Milliarden Einwohner und die Wirtschaft wächst sprunghaft.“
5. Der in Russland inhaftierte US-Reporter Evan Gershkovich: Zum Ende des Gesprächs fragte Carlson Putin nach dem seit beinahe einem Jahr in Russland inhaftierten „Wall Street Journal“-Reporter Evan Gershkovich, worauf Putin antwortete, eine Einigung zu dessen Freilassung könnte erzielt werden. „Ich schließe nicht aus, dass Herr Gershkovich in sein Heimatland zurückkehren wird“, sagte Putin. Die USA sollten darüber nachdenken, wie sie zu einer Lösung beitragen könnten, betonte der Kremlchef – und deutete die Möglichkeit eines Gefangenenaustauschs an.
Die „Financial Times“ sieht in Putins Worten eine Anspielung auf einen möglichen Tausch für den sogenannten „Tiergartenmörder“ Wadim Krasikow, der in Deutschland inhaftiert ist und dessen Fall Berichten zufolge in früheren Verhandlungen zu Gefangenenaustauschen mit Russland Thema gewesen sein soll. Putin nannte Krasikow nicht namentlich, sondern sprach von einer Person, die „aus patriotischen Gefühlen heraus einen Banditen in einer der europäischen Hauptstädte beseitigt hat“.
Gershkovichs Arbeitgeber, das „Wall Street Journal“, veröffentlichte kurz darauf eine Stellungnahme, in der es hieß, man sei „ermutigt, den Wunsch Russlands nach einem Deal zu sehen, der Evan nach Hause bringt“, und hoffe, dass Gershkovich schnell zu seiner Familie und in die Redaktion zurückkehren könne. „Evan ist Journalist und Journalismus ist kein Verbrechen.“ Angehörige der russischen Sicherheitsdienste hatten den Reporter im März 2023 bei einer Recherchereise in Jekaterinburg festgenommen.
Was nicht besprochen wurde: Kein Thema waren die in diesem Herbst anstehenden US-Wahlen oder die sogenannte Präsidentschaftswahl in Russland, bei der sich Putin aller Wahrscheinlichkeit nach im Amt bestätigen lassen dürfte. Ebenso wenig sprach Carlson die Vorwürfe an, Russland begehe Kriegsverbrechen in der Ukraine, oder den internationalen Haftbefehl, den der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag gegen Putin erlassen hat.